Spannend.

Das Unwort des Jahres 2016 wird erst im Januar 2017 bekanntgegeben, doch ein guter, wenn auch vermutlich chancenloser Kandidat dafür wäre das Adjektiv spannend.

Seit einer Weile wird es inflationär gebraucht von Menschen, die sich mit der Zukunft beschäftigen, über sie nachdenken, an ihr arbeiten, in sie investieren. Oder bloß vorgeben, etwas davon zu tun. Oder, schlimmer noch, fälschlicherweise glauben, etwas mit der Zukunft zu tun zu haben. Jede verdammte Idee, die irgendwer irgendwo in die Welt hinausatmet, wird spannend genannt.

Spannend, so nannte man früher lediglich die Handlung von Krimis. Die Antwort darauf, wer der Mörder sei, whodunit, die sollte möglichst gut und lange hinausgezögert werden – der Spannungsbogen bezeichnete die Zeit der Ungewissheit bis zur Auflösung, und die kunstvolle Verzögerung sollte einem wohlige Schauer bereiten als Leser oder Zuschauer.

Mag man den Siegeszug des Adjektivs spannend in der Startup-, Digital- und Irgendwas-mit-Medienwirtschaft nun langsam auch nervtötend finden, so steckt dahinter doch mehr als nur einfallsloser Sprachgebrauch. Das Wort spannend bezeichnet etwas, dessen Ausgang noch nicht feststeht in dem Moment seines Entstehens – und die Denke dahinter ist neu, zumindest in Deutschland.

Wir haben doch ursprünglich alle mal gelernt, dass man die Dinge vom Ende her denken und betrachten möge. Und womöglich weil Enden nun mal die Tendenz dazu haben, eher unerfreulich zu sein, hat es in Deutschland wohl sehr lange eine Kultur des Gar-nicht-erst-Anfangens gegeben. Stattdessen wurde das, was eh schon immer da zu sein schien, besser gemacht: effizienter, langlebiger, bequemer, umweltschonender und so weiter.

In diesem kleinen, hässlichen Wort spannend bündelt sich nun womöglich das Beste, was dieses seltsame Land hier, dieses Deutschland, vom Silicon Valley, von der kalifornischen Ideologie überhaupt gelernt hat oder gerade dabei ist zu lernen: Man kann die Dinge auch von ihrem Anfang aus denken und betrachten.

Aber deswegen muss man ja nicht gleich den Gebrauch eines anderen Wortes einstellen, das zwar sehr Englisch klingt, aber eine vielleicht in Deutschland höchst verbreitete Skepsis immer wieder ins Recht setzt: bullshit.

90 Prozent aller Startups scheitern. Ein Großteil von ihnen tut das nicht deswegen, weil diese Startups bloß zur falschen Zeit am falschen Ort von den falschen Leuten gegründet wurden; und ein Haufen dessen, was irgendwer irgendwo irgendwann mal für eine saugute Idee hielt, ist nicht deshalb nie umgesetzt worden, nie Realität geworden, weil die Welt oder die Zeit oder die Menschen oder sonst was noch nicht bereit dafür war.

Sondern weil es einfach bullshit war.

Und doch gilt, und hat schon immer gegolten, und von diesem Möglichkeitsraum gilt es zu erzählen: Die Zukunft ist das, was noch nicht geschrieben ist.

Spannend. (Nun ja, so was in der Art halt. Neue Adjektive braucht das Land.)

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