Kotzen können. Und dann Ruhe.

Zuletzt zum ersten Mal seit bestimmt zehn Jahren wieder mal echt gekotzt. Kam nicht viel bei raus. Bisschen sehr flüssiges Zeug, ging locker das Küchenwaschbecken runter, vorm Klo niederknien wäre auch zu würdelos gewesen. Einmal gewürgt, fertig: Sogar beim Kotzen kann man sich also selbst underwhelmen. Waren vorher vielleicht fünf Flaschen Bier und dann irgendwann paar Schnaps gegen den Weltekel gewesen. Nach der Dosis ist heutzutage also eine Nacht schon offiziell vorbei. Hurra.

Der Punkt ist der: Donald Trump hatte in der Nacht die Wahl gewonnen. Das war also so was wie Kotzen für Amerika. Kotzen für den Weltfrieden. Kotzen für die Meinungsfreiheit. Es war, ta-dah, eine freie Meinungsäußerung, nicht bloß ein schwacher Magen (und auch kein relapse in eine frühere Erkrankung, zum Glück hatte ich eine solche nie). Es hat absolut Sinn gemacht.

Seither ist das mulmige Gefühl nicht weggegangen. Zwei Wochen Mitlesen auf Facebook und Mitreden und Zuhören im echten Leben haben aber mal wirklich rein gar nichts gebracht. Nicht dass man sich davon ernsthaft therapeutische Effekte versprechen würde, das Prozessieren von Furcht und Ekel scheint dann halt doch so ähnlich zu verlaufen wie das von Trauer (fragen Sie dazu aber besser mal Ihren örtlichen Neurowissenschaftler, nur zur Sicherheit, vielleicht kann der was verschreiben). Blöderweise hört es ja nie auf. Bis es mit einem selbst aufhört.

Zugleich ist da ein Gefühl großer Dankbarkeit gegenüber den Leuten beim New Yorker und der New York Times, und dass letztere Zeitung bereits erklärt hat, einen erheblichen Anstieg der Abonnements seit Trumps Wahl zu verzeichnen, wundert nicht: Das zähe weitere Reportieren der Geschehnisse und die vielen klugen Kommentare zu eben diesen Geschehnissen, dieser stetige Fluss an guten Texten, der ist schon tröstlich. Trost zu spenden (und womöglich geht es unter anderem also doch ums individuelle wie filterbubble-kollektive Prozessieren von Trauer gerade, einem virtuellen Mitleiden): Das mag eine merkwürdige Funktion sein, die manche Texte nun erfüllen.

Bei mir insbesondere die von David Remnick, dem Chefredakteur des New Yorker. Remnick, das war eh immer klar, ist ein fabelhafter Porträtschreiber, einer, der sich auf die sogenannten ganz Großen konzentriert hat, fast ausschließlich Männer, was ich stets als eine seltsame, aber dennoch interessante selbstauferlegte Beschränkung empfunden habe. Keine Ahnung, ob er da mal öffentlich drüber gesprochen hat, und Ferndiagnosen sind ja fast immer eine Scheißidee, jedenfalls: Remnick hat fast ausschließlich über Männer geschrieben, über die schon zuvor andere (meist Männer) auch geschrieben hatten, in den vergangenen Jahren waren relativ viele Musiker darunter, Bob Dylan, Bruce Springsteen, zuletzt Leonard Cohen, aber auch mehrmals Barack Obama. Und die Porträts waren nicht nur deswegen so gut, weil Remnick sehr nah an diese Männer rangekommen ist.

Remnick schreibt in diesem ruhigen Erzählton, den deutsche Porträtschreiber und Reporter fast nie hinkriegen oder hinkriegen wollen, was womöglich vor allem in einer anderen journalistischen Tradition begründet liegt: Wir erzählen anders. Vielleicht, aber das ist jetzt ein nicht weiter begründbarer persönlicher Verdacht, mangelt es im deutschen Journalismus auch an Zutrauen in die eigenen Geschichten, weshalb wir sie mit cliffhangern zustellen müssen alle paar Absätze, bis vor lauter Spannungsaufbau kaum noch Spannung übrig bleibt; vielleicht fürchten wir auch insgeheim, unsere ganz Großen seien gar nicht so groß in Wirklichkeit, also retten wir uns in allzu viel Lakonik bei ihrer Beschreibung; vielleicht ängstigen wir uns auch einfach, man könnte uns der Bewunderung zeihen für die Lebensleistungen oder auch nur die kleinen guten Anekdoten, die so ganz Große zu erzählen haben. Im Zweifel schreiben wir lieber Reportagen, in denen gestorben wird. Da müssen wir das Drama nur noch kuratieren.

Über Donald Trump hat Remnick meines Wissens nie ein Porträt geschrieben. Wieso auch. Da gibt es ja eigentlich nichts zu erzählen. Viele haben es versucht, alle sind doch letztlich zu dem Ergebnis gekommen: Der Typ ist buchstäblich hohl. Niemand, der noch ganz bei Trost ist, wird sich mit Trump mehr als nötig beschäftigen, ihn gar treffen wollen. Trump, und das ist für einen Porträtschreiber ein maximal großes Problem, ist vor allem in seiner Wirkung beschreibbar. Doch Trumps Wirkung sagt letztlich überhaupt nichts über Trump aus. Sie sagt nur etwas über die aus, die seine Wirkung auf sich wirken lassen. In diesem Sinne allein ist Donald Trump wohl so etwas wie ein Volkstribun. (Und die nicht richtig beschreibbar gekriegt zu haben, ist dann vielleicht doch das größte Versäumnis der Leute, die in den vergangenen anderthalb Jahren über ihn geschrieben haben.)

David Remnick hat nach der Wahl die für mich zumindest wichtigsten Texte über eben diese Wahl geschrieben. Politische Analysen, keine Porträts (außer das letzte über Obama). Kühl und präzise in der Sache, warm im Ton. Und der New Yorker, diese unwahrscheinlichste aller Wochenzeitschriften, die in ihrer scheinbar so gespreizten Lückenhaftigkeit stets das Gegenteil eines Nachrichtenmagazins war, das alles, alles, was passiert, panisch zu berichten versucht, ein in der Überproduktion an Nachrichten und Meinungen im Netz heutzutage komplett irrer und zum Scheitern verurteilter Versuch – also dieser New Yorker erscheint mir gerade die zeitgemäßeste aller Zeitschriften. Paradoxerweise indem sie es hinkriegt, in mir Ruhe zu erzeugen. Das, was alles nicht erzählt wird, existiert ja trotzdem. Aber es muss nicht alles an diesem einen Ort gedruckt werden. Der ist für das Gute reserviert. Also: nicht das Gute in der Welt. Sondern die guten Texte, die die Geschehnisse in ihr auslösen.

Ohne irgendeinen Grund dafür zu wissen, weshalb zum Beispiel George Packer sich außer in der hauseigenen New Yorker Radio Hour noch nicht zur Wahl geäußert hat, jedenfalls nicht in einem Text, macht mich der New Yorker denken: Packer, der 2013 in seinem Buch The Unwinding: An Inner History of the New America ja schon alles erzählt hat, was man über Trumpland wissen musste, bevor es zu Trumpland wurde, wird schon noch mit einer Geschichte kommen. Er hat ja erst zwei Wochen vor der Wahl erzählt, wie die Demokraten die weiße Arbeiterschicht verloren haben. Nu wird Packer wohl noch was Zeit brauchen für eine neue Geschichte.

Ich kann warten.

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