Kollaboration.

Hab am heutigen Tage an den Rand eines Textes, den ich redigiert habe, folgenden Kommentar zum Gebrauch des Wortes „Kollaboration“ geschrieben: „Jedes Mal, wenn heute irgendwo im Deutschen das Wort ,Kollaboration‘ benutzt wird, stirbt irgendwo auf der Welt ein Soldat oder Spion, der mit dem Feind kollaboriert hat. Denn anders als in exakt dieser Bedeutung und im militärischen / geheimdienstlichen Zusammenhang im Sinne von ,mit dem Feind zusammenarbeiten‘ DARF DAS WORT IM DEUTSCHEN NICHT BENUTZT WERDEN, OBWOHL ZUM BEISPIEL MODEBLOGGER DAS PARTOUT NICHT EINSEHEN. Ich werde es fortan zu meiner Lebensaufgabe machen, die Verbreitung des Wortes ,Kollaboration‘ zu stoppen. Jawohl.“

In einem anderen Text, den ich heute später auf einer Website gelesen habe, stand wiederum der Satz: „Ihre (Rihannas, d.A.) Kollaborateure kamen aus dem Hofstaat des Pop: Sir Paul McCartney und die ungleichen, doch gleich bedeutsamen Rap-Aristokraten Kanye West und Drake.“

Erst mal ist an diesem Satz eh schon oberflächlich betrachtet ziemlich, nein, eigentlich alles falsch. Und hässlich. Betrachtet man jedoch seine semantischen Bestandteile (oder die dafür gehalten werden müssen), testet der Satz sogar die Grenzen aller staatstheoretischen, ursprünglich ja noch nationalstaatlich gedachten Logik aus: Eine Königin (die qua Amt die höchste Repräsentantin eines Staates ist) arbeitet mit dem Feind (logischerweise des Staates, den sie repräsentiert und offenbar regiert) zusammen, dem jedoch mindestens auch ihr Hofstaat zuarbeitet (der ja noch kein eigener verfasster Staat im staatstheoretischen Sinne ist, der einen Feind darstellte in dem Sinne, den der Gebrauch des Wortes Kollaboration nach sich zöge), der wiederum ihr, der Königin, doch eigentlich zu Diensten sein sollte. Mithin also verbündet sich eine Herrscherin hier mit ihrem Gefolge, und wenn es sich dabei aber um Kollaboration handelt, wie hier behauptet, so kann diese Tat eigentlich nur zwei logische Ziele haben, zwei logische Gegner und zwei logische Abfolgen:

– Entweder, erstens, verbündet sich die Königin mit einem ihr feindlich gesinnten Hofstaat zu dem Ziele, einer notwendigerweise feindlichen Macht von außen, die ihr Hofstaat unterstützt, ihr Amt anzutragen. Die Königin würde sich also selbst absetzen und ihren Thron freiwillig räumen. Sie müsste in diesem Falle davon überzeugt sein, dass ihr die Macht zum Regieren fehle, und statt abzudanken und einen möglichst guten Deal fürs Exil zu verhandeln oder einfach Gift zu trinken, wie man das in so einem Falle als Monarch üblicherweise täte, betreibt diese Königin aktiv ihre Absetzung: indem sie ihre Macht einem äußeren Feind antrüge, der diese Macht im Staate der Königin auf ihre Bitte hin übernähme, mutmaßlich nach einem Einmarsch in das Staatsgebiet desjenigen Staates, den die Königin repräsentiert und regiert. Da es sich bei diesem Feind aber auch um eine Besatzungsmacht handeln könnte, die Möglichkeit sieht die Definition des Wortes „Kollaboration“ vor, eine Besatzungsmacht, die also bereits im Lande stünde, könnte die Kollaboration sich hier auch lediglich im Moment der Machtübergabe realisieren; doch da Kollaboration üblicherweise ein Handeln meint, das über einen Zeitraum hinweg betrieben wird, der jedenfalls länger währt als einen Moment, wäre der Gebrauch des Wortes damit in dieser Verwendung auch schon mehr als in Zweifel gezogen. Shakespeare jedenfalls hätte das alles möglicherweise für zu kompliziert gedacht erachtet, also rein dramaturgisch. Ich bin mir aber nicht ganz sicher.

– Oder, zweitens, es handelt sich, da die Königin in dieser zweiten Annahme gemeinsam mit ihrem Hofstaat gegen den eigenen Staat kollaborieren würde, den die Königin indes ja offenbar nicht nur repräsentiert, sondern auch regiert UND gegen den sie gleichzeitig intrigiert – um einen Staatsstreich von oben. Der, sollte man logisch annehmen, wiederum zum Ziel die sofortige Wiedereinsetzung der Königin haben müsste, denn sonst würde die Aktion ja nu wirklich gar keinen Sinn mehr haben. Mithin würde sich absolut nichts ändern, der Hofstaat bliebe der Hofstaat, die Königin die Königin, eine Kollaboration indes wäre dann ja nicht mal vonnöten gewesen, es wäre alles nur Mummenschanz gewesen, und bestenfalls wäre das Publikum, das Volk draußen vor den Toren des Herrscherpalastes also, ganz gut unterhalten worden durch diese als Kollaboration bezeichnete 360-Grad-Volte. In manchen Gegenden Deutschlands wird die Vortäuschung eines Herrscherwechsels „Karneval“ genannt, doch in dem sind keine Königinnen vorgesehen, tatsächlich wechselt ja auch die Herrschaft wie gesagt gar nicht, und lustig ist das trotzdem aber meistens nicht.

Es ist jedoch, drittens, so, dass hier eben lediglich die Sprache falsch gebraucht wurde, deren noch immer wesentliches Wörterbuch „Kollaboration“ mit nur einer möglichen Bedeutung führt: „gegen die Interessen des eigenen Landes gerichtete Zusammenarbeit mit dem Kriegsgegner, mit der Besatzungsmacht“.

Was nun, um überhaupt mal konkret auf Rihanna zu kommen, Paul McCartney und Kanye West und Drake zu Kriegsgegnern oder Besatzungsmächte wider die Königin Rihanna machte; der sonst so oft ohne jegliche Überlegung benutzte Begriff „Popwelt“ wäre hier wirklich mal territorial zu verstehen, und featuring wäre plötzlich ein anderes Wort für „temporäre Besatzungsmacht“; wobei das Lustige in der Wendung bestünde, dass ja diese Besatzungsmächte entgegen aller welthistorischen Annahmen von der Besetzten um Hilfe und Unterstützung erst gerufen worden wären, während die Besetzte, jedenfalls nach außen, doch immer noch als legitime Herrscherin gelten würde, die ihren „Gästen“ die Ehre eines gemeinsam gesungenen Liedes doch sehr freiwillig und nicht erzwungenermaßen zum allseitigen finanziellen Vorteil gewähren würde.

Ach, wäre einfach das korrekte Wort „Kooperationspartner“ verwendet worden, alles wäre wirklich viel einfacher gewesen.

Consider my project started: to shame anybody publicly, who uses the word “collaboration“ or “collaborator“ or “to collaborate“ in what he or she thinks is a correct translation into German. It’s not. IT’S FUCKING NOT.

Ja, ich habe gerade zu viel Zeit. Aber das Fieber ist seit zwei Tagen weg, echt jetzt, geschworen.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

w

Connecting to %s