Väter, Söhne, Bundeskanzler.

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-11/helmut-schmidt-nachruf/komplettansicht

Es ist ja schon seltsam, dass man sich die einem fernen Menschen, zumal die bedeutenden (und manchmal auch nur bedeutend erscheinenden), selbst gern nahe holt durch meist eben nur zufällige persönliche Verstrickungen, eigentlich nur Anekdoten, in denen die fernen Menschen selbstverständlich keine aktive Rolle spielen, sonst wären sie ja nicht fern.

Angesichts von Helmut Schmidts Tod musste ich zum Beispiel heute gleich an meinen Vater denken, der war ein großer Schmidt-Fan schon zu Zeiten, in denen man das eigentlich nicht war, nämlich denen, als Schmidt noch regierte. Mein Vater nannte sich mit merkwürdiger Überzeugung einen Sozialliberalen, obwohl das doch eben nie eine wirkliche Denkschule gewesen war, sondern eine bestenfalls durch politische Vernunft entstandene Allianz einander eher widerstreitend gegenüberstehenden Theorien, insbesondere wenn es um wirtschaftspolitische Fragen ging. Meinem Vater aber schien der Widerspruch nichts auszumachen, ihm waren die handelnden Personen im Zweifel mutmaßlich wichtiger als ihre Ideen, und er mochte wohl die Tatkraft vor allem, die Schmidt und Genscher ausstrahlten, und an Schmidt mochte er wohl besonders dessen ja durchaus demonstrativ ausgestellte Weitsicht und Weltläufigkeit.

Die Zeit hatte mein Vater schon gelesen, lange bevor Schmidt dort Herausgeber wurde, das war bei meinem Vater glaub ich auch eine Aneignungsgeste bürgerlicher Kultur durch ein einstiges Arbeiterkind, das eine typische bundesrepublikanische Aufstiegsbiographie hatte. Eines der prägenden Bilder meiner Kindheit war dann eben das des Vaters hinter den weit aufgeschlagenen Seiten der Zeitung, er saß dabei in dem italienischen Designersessel, der mittlerweile bei mir im ewigen Nebenzimmer herumsteht, mit Klamotten über und über bedeckt.

Der Vater also saß in in meinen Erinnerungen stundenlang an Wochenenden in diesem Sessel, und wenn er dann irgendwann mal hinter der Zeitung hervorkam, wollte er (wohl nur manchmal, Erinnerung trügt ja doch dauernd) über Theo Sommers Leitartikel mit mir diskutieren, denen er eigentlich immer zustimmte, was ich nun wiederum meist eher nicht tat. Mein politisches Bewusstsein war da gerade im Werden, das hatte begonnen ungefähr zu Zeiten des Nato-Doppelbeschluss, und natürlich war ich gegen den und gegen Schmidt. Als mein Vater mit mir zu diskutieren begann, war ich wohl 14 oder 15, der Nato-Doppelbeschluss lag schon zwei, drei Jahre zurück, und Helmut Kohl, darin waren wir uns einig, war eine Beleidigung unserer Intelligenz (mein Vater änderte später seine Einstellung gegenüber Kohl, doch Fan wurde er nie).

Theo Sommers Leitartikel jedenfalls fand ich Mitte der 80er-Jahre längst – boring, mindestens. Immerhin einig war ich mit meinem Vater auch in der relativen Abneigung gegenüber Robert Leichts Leitartikeln, die erschienen uns beiden immer zu pastoral, zu protestantisch, und sei es nur im Ton.

Anyway … Viel später fühlte es sich dann sehr, sehr seltsam an, fürs Feuilleton der Zeit hin und wieder zu schreiben, und dann auch noch über Popmusik (das war mein Casting-Call damals). Wie das meinem Vater gefallen hätte, dass ich dann halt echt nicht über Außenpolitik geschrieben habe oder wenigstens über irgendwas mit Wirtschaft in Schmidts Blatt, werde ich nie erfahren. Das mit der Zeit begann bei mir nämlich erst kurz nach dem Tod meines Vaters, und der hatte mit dem Feuilletonlesen überhaupt erst mir zuliebe ein paar Jahre davor angefangen. (Aber eigentlich, glaub ich heute, hat er in der SZ immer nur kurz gecheckt, ob im Feuilleton was von mir drin war. Wenn nicht, hat er das bestimmt gleich wieder weggelegt und sich guten Gewissens gleich dem Politikteil widmen können, dem Eigentlichen.)

Die Anekdote aber, auf die das Gelaber hier zulaufen sollte, geht so: Mein Vater, da bin ich mir ziemlich sicher, hätte nun das Detail sehr gefallen, das Theo Sommer in seinem Nachruf auf Helmut Schmidt erwähnt – dass Sommer und Schmidt 1961 bei ihrem Kennenlernen Fürstenberg im Zug nach England tranken. Denn, historischer Zufall, knick-knack!, bei der Brauerei war mein Vater beschäftigt als letztes, von 1990 bis 2002. Und weil das ungefähr genau die Zeitspanne gewesen ist, in der ich sehr ausdauernd und sehr erfolglos auch Politikwissenschaften studiert habe, hat also die fürstliche Brauerei Fürstenberg tatsächlich so ziemlich mein komplettes Studium bezahlt, direkt und indirekt. Denn bevor ich mit Schreiben über Musik statt Politik Geld verdiente, stand ich in den Semesterferien wochenlang in der sehr unfürstlichen Abfüllung in Donaueschingen entweder hinter der sogenannten Waschmaschine und hab mit ner sogenannten Mickymaus auf dem Kopf respektive über den Ohren leere, frisch gespülte Pfandflaschen angestarrt, acht Stunden lang; oder ich hab unten im Leergutkeller die versifften Kästen nach falschen Flaschen durchsucht, den grünen von Becks zumeist (viel falsche andere Flaschen gab es damals noch nicht), bevor die richtigen Flaschen dann vom Roboterarm aufs Band gehoben werden konnten.

Hin und wieder lief in diesen Früh- und Spätschichten mein Vater durchs Bild, das Sakko stets ein bisschen zu gut und zu sauber für den Ort, und seine kurzzeitige Anwesenheit rief bei mir in diesen Augenblicken immer ein seltsames Gefühl aus Stolz und peinlichem Berührtsein zugleich hervor: Ich wollte bitte vor meinen Kurzzeitkollegen, die am Band ihr echtes Auskommen verdienten und nicht bloß wie ich paar Wochen arbeiteten, damit es zusätzliches Geld gab für Platten und Klamotten – also vor denen wollte ich nicht als jemand besseres dastehen, als Sohn des Chefs, der sich da gerade mal aus seinem Büro bemüht hatte und seine Abteilung inspizierte (und nebenbei sich schlimmstenfalls nach der Arbeitsperformance seines Sohnes erkundigte).

Doch andererseits fand ich das natürlich cool, so einen Vater zu haben im Tweedsakko. Den ich, wenn er in eher weniger staatstragenden Sportklamotten auf dem Tennisplatz herumlief, zu dem Zeitpunkt schon seit zehn Jahren rundmachte. So wie es sich halt gehört für einen Sohn. Mein Vater rief dann gern “Scheißdreck!” auf dem Platz, wenn er wieder mal einen Ball von mir nicht erlaufen bekam, und den Zorn über seine eigene Langsamkeit fand ich sehr, sehr gut.

In der Brauerei wiederum schien mein Vater meist peinlich darauf bedacht zu sein, eben nicht zu seinem Sohn da am Band zu gehen. In meiner Erinnerung zwinkerte mein Vater mir in diesen Augenblicken immer nur kurz zu, von Ferne.

Und so hat in einem Moment wie diesem jetzt also noch das Entfernteste scheinbar irgendwie miteinander zu tun und erscheint der Entfernteste irgendwie nah  – weil wir Menschen nunmal alles mit allem in Beziehung bringen, so sind wir ja verfasst, nun ja, die meisten wohl, und in sentimentalen Augenblicken geben wir’s manchmal sogar zu.

Na dann: Prost.

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