Edwyn Collins und Grace Maxwell

Es gibt jetzt einen Dokumentarfilm über Edwyn Collins und seine Ehefrau Grace Maxwell, er heißt The Possibilities Are Endless, ist von Edward Lovelace und James Hall, ein großartiger Film; im vergangenen November ist er in Großbritannien angelaufen, aber bis heute gibt es keinen deutschen Kinostarttermin. Man muss sich den Film im amerikanischen iTunes-Store kaufen, um ihn sehen zu können, das übliche. The Possibilities Are Endless ist das, was man eine filmische Meditation nennen könnte, for lack of a better word, er enthält sowohl dokumentarisches Material im strengen Sinne als auch wortlose Spielszenen, in denen unter anderem William, der Sohn von Edwyn und Grace, seinen eigenen Vater spielt. Edwyn ist viel im Off zu hören, manchmal auch zu sehen; die Idee, for lack of a better word, ist die Verfilmung dessen, was ein Schlaganfallpatient fühlt und denkt und spricht, zehn Jahre später.

Vor fünf Jahren hab ich Edwyn und Grace getroffen, um eine Geschichte über sie zu schreiben fürs Feuilleton der Zeit. Schon damals dachte ich: Im Grunde wäre es viel richtiger, die beiden zu filmen. Weil die erzählerischen Mittel, jedenfalls meine, auf Papier und auf der relativen Kürze eines Zeitungstextes nicht mal ansatzweise ausreichten. Wie schön, dass jemand anderes es besser kann und nun einen so schönen Film gemacht hat. Bitte anschauen.

Das ist die alte Story, so ungefähr erschienen im September 2010 in Die Zeit.

DIE BALLADE VON EDWYN UND GRACE

Edwyn Collins war einmal ein guter, aber nicht besonders berühmter Popmusiker. Dann hatte er einen Welthit – und später zwei Schlaganfälle. Die Geschichte einer Rückkehr.

Einen Augenblick lang ist es so, als wäre er gar nicht mehr hier. Da spricht Grace über Edwyn in der dritten Person. Im Präsens zwar, doch wenn jemand gegangen ist, dann ist die Vermeidung der Vergangenheitsform ja immer ein Mittel, den Gegangenen noch eine Weile bei sich zu behalten, ihn noch nicht fortzulassen. Wenigstens im Reden über ihn soll er noch dableiben, ein kleines bisschen.

Und es ist ja wirklich so, dass Grace sich verabschieden musste, von einem der beiden Edwyns. Denn es gibt zwei, den Edwyn vorher und den Edwyn nachher, und der erste existiert so ganz und heil nur noch in ihrer Erinnerung. Er ist fort seit jenem Sonntagabend vor etwas mehr als fünf Jahren, als ihn Grace im ersten Stock auf dem Wohnzimmerboden liegend fand, sie war nur zwanzig Minuten weg gewesen, und er wollte bloß den Stew aufkochen. Der Geruch von verbrannten Kartoffeln hatte Grace schon im Hausflur seltsam erschrocken, ihr Rufen von unten erst hatte auch William aufgeschreckt, der hatte im Schlafzimmer im zweiten Stock vorm Fernsehen gesessen und nichts gerochen, und dann waren sie fast gleichzeitig bei Edwyn im Wohnzimmer gewesen, seine Frau und sein, ihr Sohn.

„Edwyn ist schwierig bei neuen Sachen, besonders bei Schuhen“, sagt Grace Maxwell nun also, „die müssen seinen heutigen Bedürfnissen entsprechen, aber sie müssen ihm auch gefallen, doch das tun die meisten nicht, diese jetzt sind eine echte Ausnahme.“

Während sie das sagt, sitzt Edwyn Collins ihr gegenüber auf einem der beiden Sofas, die im Aufenthaltsraum seines alten Musikstudios im Londoner Stadtteil West Hampstead stehen, draußen ist ein strahlender Spätsommertag Anfang September. Edwyn schaut seine Frau eine Zeitlang stumm an, die kleine, blonde, resolute Grace, große Lache, schottischer Singsang-Akzent. Es sieht so aus, als drängten ihre Worte nicht ganz bis zu ihm vor; als begreife er nicht, dass sie über ihn redet und nicht über jemand völlig anderen; als sei er woanders, weit weg. Er reagiert erst, als sie ihn direkt anspricht.

„Edwyn, Schuhe müssen schön sein, nicht?“

„Ja.“

„Es ist schwer, welche für dich zu finden.“

„Das sind ital-ital-ital…“

„Italienische Turnschuhe.“

„Yeah.“

„Wirklich schön, nicht?“

„Die gefallen mir, ja.“

Edwyn Collins, 50 Jahre alt, fast 35 Jahre davon Popmusik gemacht, vier Alben mit seiner ersten Band Orange Juice und ein Top-Ten-Hit 1983, sechs Alben als Solomusiker und mit „A Girl Like You“ ein Welthit 1995. Außerdem: zwei Schlaganfälle 2005, innerhalb von fünf Tagen. Nun erscheint das siebte Soloalbum, es heißt „Losing Sleep“, die erste Platte des Nachher-Edwyn.

Sein altes Studios liegt in einem lichten Hinterhof, erster Stock, langer, schmaler Bau, vier Räume hintereinander und links ein endloser Flur, alles ist vollgestellt mit uralten Aufnahmegeräten und uralten Instrumenten, Edwyn besitzt eine atemberaubende Sammlung, allein 20, 30 Gitarren. Er wird wohl nie wieder eine richtig spielen können. Seine rechte Körperhälfte ist immer noch weitgehend gelähmt, die rechte Hand dauerhaft zur Faust geballt, der rechte Arm starr angewinkelt.

Vielleicht geschieht ja noch ein Wunder. Doch die Frage ist: Wie viele Wunder hat Edwyn Collins noch frei?

Er könnte tot sein, es war knapp. Er könnte stumm und starr in einem Pflegeheimbett vor sich hindämmern, dieses Ende war nicht unwahrscheinlich. Als Edwyn aufwachte, damals im Frühjahr 2005, war nicht nur seine rechte Körperhälfte gelähmt. Schlimmer noch war: Er konnte nicht mehr sprechen, nicht mehr lesen, nicht mehr schreiben. Aphasie heißt die Krankheit, eine Folge der Schlaganfälle, Edwyn hat eine schwere Form. Wäre sein Gehirn ein Computer, dann wäre es, als sei das Betriebssystem gelöscht worden.

Heute kann Edwyn wieder in zusammenhängenden Sätzen sprechen, es ist wohl das Ergebnis jahrelanger Arbeit mit zwei Sprachtherapeutinnen, eines zähen eigenen Willens, einer unfassbaren Sturheit gegen sich selbst, des ewigen Angetriebenwerdens durch seine Frau. Edwyns Sätze sind kurz und einfach, nie verschachtelt, und manchmal enden sie mittendrin, auch mitten in einem Wort, das einfach nicht ganz heraus will. Dann vervollständigt Grace das Wort und den Satz, sie versucht, Edwyns Gedanken zu verstehen, vorauszuahnen.

20 Jahre waren sie zusammen, als die Schlaganfälle passierten, etwas länger war sie da bereits seine Managerin, 20 Jahre schon hatte sich in Grace’ Leben fast alles um ihn gedreht und seine Musik. Heute ist Grace Maxwell mindestens so sehr Edwyn Collins wie er selbst, und was von ihr dabei übrig geblieben ist, weiß auch sie vermutlich nicht mehr. Die Zwei sind eins.

Wenn Edwyn Gitarre spielen möchte, und er will es eben doch, immer wieder, setzt sich Grace rechts neben ihn und legt sich den Corpus der Gitarre auf ihr linkes Bein. Dann zählt er ein, Grace übernimmt die rechte Schlaghand, Edwyn die linke Greifhand, sie sind gleich im Takt.

„Ich kann mich vielleicht an die Hälfte meines Lebens vor meinen Schlaganfällen erinnern. An kleine Details vor allem. Aber ich bin mir nie sicher, ob sie stimmen. Ich weiß auch nicht, ob ich heute Sachen von Anfang an wieder neu lerne. Oder ob ich die Sachen mal konnte und sie jetzt zurückkommen. Meine Erinnerungen sind wie hinter einem Schleier verborgen. Sie liegen im Nebel, im Dunst. Ich weiß nicht mehr wirklich, wie es war, Edwyn Collins zu sein.“ Es ist die mit Abstand längste und flüssigste Antwort, die Edwyn geben wird in zwei Stunden Gespräch.

Er könnte auch kerngesund sein. Wäre er damals nur zum Arzt gegangen, die furchtbaren Kopfschmerzen über Wochen und Monate kamen nur von behandelbarem Bluthochdruck, er war ansonsten ein gesunder 45-Jähriger, groß und stark. Edwyn aber hat Angst gehabt vor der Diagnose Hirntumor, der sarkastische, sprücheklopfende Edwyn, ein dunkler, heiterer Romantiker in seinen Liedtexten, ein blitzgescheiter Zyniker im Leben.

Durch die Studiotür kommt William herein, sagt „Hi Mum, hi Dad“ und geht schnurstracks durch in den Aufnahmeraum. William ist noch etwas größer als sein Vater, er ist jetzt 20 Jahre alt, ein rothaariger Großstadtjunge, schnell und wendig. Aus dem Aufnahmeraum dringt bald Klavierspiel, aber Edwyn bekommt es nicht mit, erst als Grace sagt: „Hörst du das? William kann doch gar kein Klavier.“

„So hab ich es auch gelernt, einfach losspielen“, sagt Edwyn. Einfach losspielen, so hat William auch Gitarre gelernt. Als sein Vater noch ein guter, eleganter Gitarrist war, kein Akrobat, sondern ein Stilist, hat William nie eine angefasst. Als habe er den Vergleich mit dem Vater gescheut, die mögliche Konkurrenz.

Und dann hat William plötzlich doch gespielt, vor etwas mehr als drei Jahren, ungefähr zu der Zeit, als sein Vater zum ersten Mal wieder den Aufnahmeraum seines Studios betreten hat. Edwyns alte Backing-Band hatte sich versammelt, eine BBC-Kameracrew war auch dabei, sie drehten einen Dokumentarfilm über seine Genesung, es war ein großer Tag für alle. Edwyn humpelte in den Raum, setzte sich auf einen Gitarrenverstärker, die Band spielte los, Edwyn begann zu singen. Er traf kaum einen Ton und kaum einen Einsatz. Nichts mehr war zu hören von Edwyns einst dunklem, bluesigem Bariton, da war bloß noch eine quietschige, schiefe Kopfstimme.

Neuroplastizität nennt man die Fähigkeit der Nervenzellen, der Synapsen im Hirn, sich immer wieder neu zu verschalten, neue Netze zu bilden, und in Edwyns Kopf scheinen neuroplastische Wunder zu geschehen. Sonst hätte er nicht im Oktober 2007, nur Monate nach der verheerenden ersten Probe, wieder in London auf eine Bühne humpeln und singen und die Töne ordentlich treffen können; sonst hätte er nicht ein Jahr später damit anfangen können, neue Songs zu schreiben und bald aufzunehmen. Mit seiner Band, mit seinem Sohn William, aber auch mit vielen Gastmusikern, Alex Kapranos und Nick McCarthy von Franz Ferdinand, Johnny Marr, dem einstigen Smiths-Gitarrist, Musikern der jungen Bands The Drums und The Magic Numbers, Edwyns altem Freund und Rivalen Roddy Frame von Aztec Camera. Alle wollten dabei sein, wenn Edwyn Collins zurückkommt.

Es gibt für diese Art von Rückkehr eigentlich keinen Präzedenzfall in der populären Musik. Normal ist, dass Bands sich wiedervereinigen, verschwundene Musiker Comebacks feiern. Es gibt körperbehinderte Superstars wie den blinden Stevie Wonder. Und es hat immer Fälle gegeben von solchen, deren geistiger und körperlicher Verfall ein letzter Teil ihres Werkes wurde, deren baldiger Tod zu erahnen war, zu sehen auf Konzertbühnen, zu hören auf Platten: Elvis Presley, Frank Sinatra, Johnny Cash. Musiker sind zu allen Zeiten jung gestorben, absichtlich oder nicht, dahingerafft von den Nebenwirkungen des Rock‘n‘Roll oder den ganz normalen dummen Zufällen. Ihr aller Mythos bleibt wohlerhalten, wird wohlgepflegt. Die biographischen Erzählungen von Popstars sind voll von selbstverschuldeten Abstürzen, doch wenn eine Berühmtheit dann mal auf offener Bühne genesen will, genesen soll wie zuletzt Whitney Houston, wird sie ausgebuht. So als nähme ihr das Publikum übel, dass sie ihre einstige Virtuosität verschleudert hat ans wilde Leben, das zu führen die Popkultur doch sonst so frenetisch feiert.

Edwyn Collins hingegen ist schuldlos dahin geraten, wo er nun ist, und dass er nie wirklich berühmt war, trotz des einen Welthits, hilft womöglich dabei, ihn unverstellter von popmythologischem Tand zu betrachten. Als Menschen. Edwyn Collins singt auf seinem neuen Album „Losing Sleep“ so, wie er spricht, in kurzen Sätzen, in einfachen Worten. Von der eigenen Orientierungslosigkeit, der Langeweile, der Verwirrung im Kopf. Von der Verzweiflung darüber, seine Rolle nicht zu finden in einer Welt, die weitergezogen ist und der er nicht mehr hinterherkommt. Von der Frau, die er mehr braucht als je zuvor, und die er doch nicht brauchen will, um nicht ewig ein Kranker, ein Opfer zu bleiben. Davon, wie er keinen Schlaf findet und wie er das verliert, was er Würde nennt. Davon, wie er es wieder schaffen will, schaffen wird zurück ins Leben. In die Musik.

Auch die ist jetzt einfach bei Edwyn Collins, Northern Soul und Indie-Pop, keine vertrackten Arrangements mehr, alles geradeaus, Edwyn hat keine Zeit und keine Chance mehr, kompliziert zu sein. Früher liebte er langsame Songs, heute liebt er schnelle.

Und doch endet sein Album mit einem langsamen Lied, „Searching for the Truth“, dessen erste Strophe hat Edwyn sich ausgedacht, als er noch im Krankenhaus lag, im Herbst 2005, reden konnte er noch kaum, aber singen schon, wenn auch kaum verständlich: „I‘m searching for the truth, some sweet day we‘ll get there in the end.“

Er hat die Worte wieder und wieder vor sich hingesungen damals, so steht es im Prolog des Buches, das Grace vergangenes Jahr über Edwyns Schlaganfälle und die Zeit danach geschrieben hat, „Falling & Laughing“ heißt es, so wie einst die allererste Single von Edwyns erster Band Orange Juice. Das Buch ist das Protokoll der Krankengeschichte Edwyns, in der Grace nur am Rande vorkommt und am Ende schreibt: „Edwyn und ich sind keine role models, wir liefern keine Botschaft, keine Blaupause, kein ,Wenn wir es schaffen, dann könnt ihr es auch.‘“

Berlin, zehn Tage nach dem ersten Treffen in London. Edwyn quält sich die letzten Stufen hoch zur Hauptbühne des „Berlin Festival“ am alten Flughafen Tempelhof, er trägt wieder die italienischen Turnschuhe, sie sehen eigentlich nicht besonders aus, bloß beige. Es ist Edwyns erstes Konzert in Deutschland seit zwölf Jahren. Seine Band geht vor ihm, Grace hinter ihm, von der stählernen Backstage-Treppe aus sieht man schon einen Teil des Publikums. Es warten nicht viele Leute vor der Bühne, nur ein paar Hundert, es ist früh für ein Festival, 16 Uhr, die Hauptacts kommen erst später, außerdem wurde Edwyns Auftritt aus organisatorischen Gründen um eine halbe Stunde vorverlegt. Es ist ihm egal.

Viele im Publikum werden nicht wissen, was in den Jahren, seitdem „A Girl Like You“ im Radio lief, alles passiert ist im Leben von Edwyn Collins. Aber sie sehen, dass etwas passiert sein muss, als er quälend langsam am Gehstock auf die Bühne humpelt und sich auf die einfache Transportkiste setzt, die man ihm dort hingestellt hat. Die Band stimmt gleich die ersten Takte von „Losing Sleep“ an, und hinter der Bühne dreht sich Grace um und geht zurück ins Flughafengebäude, wo die Künstlergarderoben sind. Es gibt nur wenige Orte, an die Grace heutzutage Edwyn nicht begleitet, die Bühne ist einer davon. Dort weiß sie ihn sicher, dort kann sie ihn allein lassen.

Es ist ein ganz und gar unsentimentales Konzert, das Edwyn Collins mit seiner Band spielt, sie jagen von einer schnellen Nummer zur nächsten, und doch ist seine Präsenz allein schon berührend, ob man seine Geschichte nun kennt oder nicht. Ein großer, schiefer Mann, der an einer Kiste lehnt, nur das linke Bein und der linke Arm bewegen sich im Takt, der Rest des Körpers bleibt starr: Sein bloßes Dasein erzählt schon mehr davon als jedes Lied, was im Leben alles möglich ist, im Guten wie im Schlechten, im Schönen wie im Traurigen.

Edwyns Bariton ist an diesem Nachmittag klar und tief, seine Zwischenansagen hingegen sind kaum zu verstehen, Edwyn kann immer noch besser singen als sprechen. Nur ein langsames Lied kommt im Set vor, mittendrin, „Home Again“, geschrieben kurz vor den Schlaganfällen, bevor sich sein Leben und das von Grace für immer änderte. Man könnte man sich kein passenderes Lied vorstellen für diesen Moment. Edwyn Collins ist wieder zu Hause, Home again, auf der Bühne, in der Musik.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

w

Connecting to %s