Abgang.

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Es ist ja immer wieder seltsam, wie viele Geschichten man am Ende doch nicht aufschreibt. Dachte die Tage an eine, die der Anfang eines Buches sein sollte, dass ich mit zwei befreundeten Kollegen etwas sehr optimistisch geplant hatte, andere Verpflichtungen (wie man so sagt) und das Leben kamen dann dazwischen, wie so oft: Es sollte ein Porträt der Volksbühne werden, aufgeschrieben so, dachten wir im Überschwang, wie es Gay Talese machen würde, als Roman aus recherchierten Tatsachen. Was man sich halt so denkt.

Zwei, drei ziemlich gute Szenen hatten wir dann schnell (aber was sind schon zwei, drei gute Szenen, haha). Die erste spielte im Intendantenbüro, es war wohl im Herbst, Winter 2007 / 2008. Das Intendantenbüro, das fiel als erstes auf, war erstaunlich klein, so wie überhaupt der Bürotrakt erstaunlich eng und schmal und verwinkelt war angesichts des massigen Gebäudes, an dem er hinten dran hing; und das Mobiliar des Intendantenbüro war offenbar seit Jahrzehnten nicht verändert worden, man saß (so meine Erinnerung) auf sozialistischen Metallsesseln um ein kleines Gesprächstischchen, das gegenüber des nicht sehr repräsentativen Schreibtischs platziert war.

Der Witz nun war: Der Intendant war abwesend. Gabriele Gysi, die damalige Chefdramaturgin des Hauses, hatte wohl gesagt, in ihrem Büro sei noch weniger Platz zu reden, und so saßen wir also in Frank Castorfs Büro und brachten unser Anliegen vor, erläuterten unsere Pläne, jedenfalls insofern, als dass der Chefdramaturgin die nicht verdächtig erscheinen sollten. Obwohl wir noch kaum mit der Recherche begonnen hatten, waren wir schon halberschlagen von den wundersamen Gerüchten, die sich um Gabriele Gysi rankten, ihre Position innerhalb des Hauses, ihren Führungsstil, ihre angeblichen Ambitionen, über kurz oder lang Castorfs Job zu übernehmen – wir saßen schon mittendrin in der Sorte Kolportage, wie man sie von einem herrlich intriganten Theaterbetrieb erhoffte. Und dass Gysi uns in Castorfs Büro empfing, ach, das war doch schon mal super.

Dieses Vorgespräch verlief prima, Gysi versprach uns, unser Anliegen, im Grunde einen Access-all-areas-Pass für die nächsten Monate in der Volksbühne zu bekommen, dem Intendanten vorzutragen. Wir würden in Kontakt bleiben. Wir hatten damit zugleich unsere erste Figur, die Chefdramaturgin. Dass Gabriele Gysi die Position nicht mehr lange bekleiden würde, wussten wir nicht, aber dass die Umstände ihrer Demission dann weiteren Kolportagestoff bieten würde, hätte sicher ganz wunderbar gepasst in den Text. Ich habe nie wieder mit Gabriele Gysi gesprochen.

Die zweite Figur, die wir vorbei an den offiziellen Wegen der Volksbühne fanden, war ein Schauspieler namens Herbert Sand, der seit 1979 an der Volksbühne war, so weit ich mich erinnere nicht gleich als festes Ensemblemitglied, aber dann doch recht bald in dieser Position. Sand war wie Castorf 1951 geboren, in der da noch jungen DDR; wie Castorf (und Gysi) hatte sein Weg an die Volksbühne übers Theater Anklam geführt, jedoch war Sand einige Jahre früher als die beiden dort gewesen. Sand hatte die schnellere Karriere gemacht.

Das war auch insofern bemerkenswert, weil er aus der Schauspielschule “Hans Otto” in Leipzig rausgeflogen war und faktisch nirgendwo anders in der DDR seine Ausbildung hatte fortsetzen dürfen, bevor ihm schließlich doch die Genehmigung (von den in der DDR ja immer zuständigen Behörden) erteilt wurde, seinen wenn auch nur kurz erlernten Beruf fürderhin auszuüben. Die Hintergründe und genauen Umstände kannten wir noch nicht, und ich kenne sie bis heute nicht, so weit führte unsere Recherche nicht. Was wir indes wussten nach einem ersten Gespräch mit Sand in einem Café irgendwo in Pankow (oder Weißensee): Das Verhältnis zwischen Sand und Castorf war im Jahre 2007 dramatisch schlecht, jedenfalls aus Sicht des Schauspielers; die Sicht des Intendanten erfuhren wir nicht mehr, denn zu einem Gespräch mit Castorf kam es nicht, bevor wir die Recherche so auslaufen ließen, wie man Recherchen eben manchmal auslaufen lässt.

Castorf jedenfalls hatte Sand seit Ewigkeiten nicht mehr besetzen lassen, längst hatte es deswegen eine Auseinandersetzung vorm Arbeitsgericht gegeben, denn Sand hatte als Ensemblemitglied selbstverständlich vertraglich zugesicherte Rechte. Er wollte spielen, wurde aber nicht gelassen.

Sand passte Castorf nicht ins Konzept. Jedenfalls sah Sand das so. Seit Jahren bezog er sein Gehalt, ohne wirklich etwas dafür zu tun, Sand war zu der Sorte künstlerischer Karteileiche geworden, die mitunter übrig bleiben, wenn die Führung eines Theaters wechselt. Nur war Castorf 2007 schon seit 15 Jahren Intendant der Volksbühne.

Es war, so sah es aus, ein ungeheuer langer Abnutzungskampf zwischen Sand und Castorf gewesen, doch wie wir so dasaßen mit Sand, dachte ich auch: Es würde mich nicht wundern, wenn Castorf das Drama, in dem Sand sich gefangen sah, gar nicht wirklich mitbekam. Als Intendant hat man doch andere Sorgen. Da hat man ein Haus zu leiten mit sehr vielen Mitarbeitern, da hat man vor allem das zu haben, was die Leute eine Vision nennen; und dieser Intendant führte ja auch noch Regie, nicht nur an der Volksbühne. Sand, so stellte ich mir das vor, konnte für Castorf eigentlich nichts anderes sein als eine Personalie, die im auch schon irre lang wiedervereinigten Deutschland eben vorm Arbeitsgericht endete, wenn alle anderen bürokratisch korrekten Wege zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ausgeschöpft waren.

Sand war ein Querkopf, womöglich ein Querulant, so jedenfalls schien er sich selbst zu betrachten. Er war auch eine Art Modernisierungsopfer, denn er mochte das Theater nicht, das Castorf aufführen ließ, ja hielt es, wenn ich mich recht entsinne, für einen großen Scheiß. Sand betrachtete sich offenbar als einen klassischen, ja fast konservativen Bühnenschauspieler, obwohl an Sand als Mann überhaupt nichts konservativ und klassisch war, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne.

Und dann gab es da eben diese DDR-Vita, die für gebürtige Westdeutsche wie mich bis heute in ihrer Bedeutung nie restlos verständlich wurde: Sand war, so sah es aus, mutmaßlich kein wirklich politischer Oppositioneller gewesen, doch er war augenscheinlich angeeckt, und das Theater war dann wohl der Ort gewesen, der für einen wie ihn viel mehr sein musste als bloß Arbeitsplatz und Karrieremittelpunkt und Fluchtort. Mir ging ein Bild durch den Kopf: Der beste Ort, um sich in einer Diktatur zu verstecken, ist ja oft ausgerechnet die grell ausgeleuchtete Theaterbühne. War Sand so jemand gewesen, der sich hinter seinen Rollen verstecken konnte? Und nahm er Castorf übel, dass der sich gerade nicht hatte verstecken müssen, damals in der DDR?

Opportunist: Dieser Vorwurf schien mitzuschwingen, wenn Sand über Castorf redete. Und dass Sand nun ausgerechnet von so jemandem erledigt wurde, von der Volksbühne entfernt durch Nichtbeachtung, das musste Sand doch verrückt machen. Es lag wirklich noch viel Recherche vor uns.

An einem Winterabend Ende 2007, Anfang 2008 hatte Herbert Sand seine letzte Vorstellung. Irgendwie war am Ende der ganzen Arbeitsgerichtssache eine Regelung rausgekommen, die eine Trennung vorsah, Sand, das war immer der Vorwurf gewesen, jedenfalls hatte er das wohl so verstanden, war letztlich nicht kooperationsfähig gewesen. Was, wenn man Teil eines Ensembles ist, nun ein echtes Problem ist. Doch bevor Sand ging, musste Castorf ihn noch einmal besetzen.

Sand bekam dann natürlich ein Ein-Mann-Stück. Eigentlich bloß eine Rezitation, die Dramatisierung eines Textes von Céline, “Professor Y”. Das, so konnte man es sehen, war dann vielleicht die vollendete Form eines Arschtritts: Castorf zwang Sand seinen da gerade aktuellen Lieblingsautor auf und schickte ihn allein auf die kleinste Bühne des Hauses, oben im dritten Stock, wo kaum fünfzig Stühle stehen. Die Premiere war nicht ausverkauft, und niemand vom Leitungsteam des Hauses war da. Eine ältere Frau, die Sand als Schauspieler wohl sehr mochte, reichte ihm am Ende der Vorstellung, die kaum eine Stunde dauerte, einen Blumenstrauß auf die Bühne. Der Strauß war nicht zu groß und sehr schön.

Es kann aber auch sein, dass die Frau mit dem Blumenstrauß erst bei der letzten Vorstellung vorkam, ich kann mich nicht mehr genau erinnern. Ich weiß auch nicht mehr, wie oft Herbert Sand “Professor Y” spielte, aber keinesfalls mehr als zehn Mal.

Bei der letzten Vorstellung also saßen wir ein zweites Mal im Publikum, nicht alle drei von uns, aber zwei; und hinterher saßen wir zwei mit Sand in der Kantine der Volksbühne. Wenn ich mich recht entsinne, waren auch noch zwei oder drei Freunde von Sand gekommen. Weil die Inszenierung so kurz war, muss es gegen neun Uhr gewesen sein, die Kantine war fast leer, im großen Saal wurde noch gespielt, wir saßen also fast alleine dort und tranken Bier. Sand, der bei “Professor Y” einen Stresemann oder Cut trug und weiße Handschuhe, hatte sich nur kurz abgeschminkt und seine Straßenkleidung wieder angezogen.

Ich erinnere mich, dass ich dachte: Dafür, dass der Mann nach rund einem Vierteljahrhundert Engagement jetzt hier gerade seinen letzten Abend hat, scheint er verdammt wenig angegriffen davon. Wenn er traurig war, und das musste er doch sein, konnte er es gut verbergen. Nun ja, er war ja Schauspieler.

Er trank nur ein Bier, vielleicht trank er auch was anderes. Lange sitzen blieb er nicht.

In meiner Erinnerung geht das letzte Bild so: Während sich die Kantine gerade langsam füllte, stand Herbert Sand sehr unvermittelt auf, vielleicht wollte er keine große Verabschiedung, vielleicht wollte er auch den anderen aus dem Weg gehen, die bald nach dem Ende der Vorstellung auf der Hauptbühne runterkommen würden, die anderen, zu denen er eben nicht gepasst hatte oder nicht mehr. Was hätten die ihm auch zum Abschied sagen sollen. Im Zweifel wussten die nicht mal, dass das Sands letzter Abend war an diesem Hause. Für sie war es einfach das Ende eines normalen Arbeitstages. Für uns irgendwie auch.

In meinem Handy hab ich bis heute die Nummer von Herbert Sand gespeichert. Manchmal überlege ich, ihn anzurufen. Aber was sollten wir jetzt noch reden? Und was würde er von mir denken, von jemandem, der sich sieben Jahre später plötzlich noch mal meldet?

Also hab ich hier einfach mal notiert, woran ich mich erinnere. Schreiberlogik. Bescheuert irgendwie.

Wenn man “Herbert Sand Volksbühne” heute googelt, bekommt man als ersten Link einen Text zu “Professor Y” auf der Volksbühnenseite vorgeschlagen; der Text muss nachträglich geschrieben und dorthin hochgeladen worden sein. Er ist schön, aber irgendwie klingt er wie ein Nachruf. Oder wie ein Jubeltext, der etwas Trotziges hat, Störriges. Vielleicht wollte jemand Herbert Sand Gerechtigkeit widerfahren lassen. Oder jemand hatte ein schlechtes Gewissen. Oder es ist was ganz anderes, ich weiß es nicht, ich hab jetzt nicht extra nachgefragt.

Der Text endet mit diesen Worten:

Herbert Sand ist ein wunderbarer, charmanter, unbeirrbarer, anstrengender, selbstverliebter, herzzerreißender Schauspieler, der unser Wissen über Céline und über das, was Menschen für sich und füreinander sein können, vergrößert und unsere Liebe zum Theater steigert. Am Ende, wenn die Bühne leer ist und die Schafe eins nach dem anderen in Onitschs Stallbild laufen und sich an der Futterkrippe aufreihen, fast wie in einer Choreographie, fast als hätte eine geheime Regie am Boden unsichtbaren Lockstoff ausgelegt, wird einem leicht ums Herz. Herbert Sand geht ab, etwas Zeit vergeht, und die Schafe trippeln ins Bild und beginnen zu essen.