WES ANDERSON II.

IMG_1298 “Hell Sucks”, Michael Herr, Esquire, August 1968 Wes Andersons Filme sind ja eigentlich auch nur Verfilmungen der Idee kuratieren. Obwohl es schon bisschen spät ist, sich über das Wort und seinen Gebrauch lustig zu machen, so ist es als Gestaltungs- und Ordnungsprinzip in Repräsentationen der Idee Leben doch erstaunlich verbreitet. Wäre die ebenfalls erstaunlich verbreitete journalistische Textbegründungsleerformel immer mehr im Sinne von Immer mehr Morde sind blutig nicht fast immer (gotcha!) von keiner Statistik gedeckt und also meist eine bloß, argh, gefühlte Behauptung, könnte man sagen: Immer mehr Menschen kuratieren – statt im engeren Sinne zu kreieren (auch so ein ekliges Wort, kreieren, hier verstanden als im weitesten: etwas Neues erfinden oder dem Alten etwas hinzufügen). Kuratieren, könnte man darüber hinaus sagen, ist ja eigentlich nur ein feinerer Begriff für sortieren, nur dass der gleiche Vorgang eben mit kulturellem und sozialem Prestige aufgeladen wird: Leute sortieren aus dem Vorhandenen (der Summe der irgendwie vergegenständlichten Vergangenheit, die aus tatsächlichen Objekten, aber vor allem auch aus Kunstwerken und Menschen besteht) das heraus, was ihrer Vorstellung ihrer eigenen Individualität entspricht, heften es sich an, gleichsam als Dekor um ihre Vorstellung von Lebensentwurf herum, und stellen es bei Instagram und Facebook aus. Im Kern handelt es sich dabei also um die bloße Art von Aneignung, die bereits seit undenkbaren Zeiten etwa Bücher- und Plattenregale füllt: “Sieh”, spricht der Gesamtinhalt des Bücher- und des Plattenregals zum Betrachter, “meine Summe ist das, was mein Besitzer sich unter ich vorstellt, in der kulturkaufhäuslichen Abteilung seiner Sehnsuchtsformel ich; zur Abteilung soziales Prestige bitte weitergehen in die Garage und zum Kleiderschrank.” Der einzige Unterschied ist heute, dass das das Schaufenster der Galerie Ich viel größer geworden ist, tendenziell unendlich groß sogar, indem es einen medialen Verbreitung- und Vermarktungsweg hinzugewonnen hat, eben auf Instagram und Facebook. Niemand muss dem einzelnen Menschen mehr leibhaftig begegnen, in seiner oder ihrer Behausung gar, um seine oder ihre Ich-Ausstellung begutachten zu können. Man glaubt sich eher dagegen zur Wehr setzen zu müssen, sie penetrant aufgedrängt zu bekommen. Ein ewiger Grundfehler wäre nun, den Hang zur Sortimentsbildung und Dekorierung des Ich bereits darin motiviert zu sehen, dass Menschen prinzipiell Distinktionsgewinne gegenüber anderen einfahren wollen, sie ihre Vorstellung von Individualität also nur gegen die Vorstellungen von Individualität anderer bilden können. Der Eigennutz erschöpft sich viel eher bereits im Sammeln (ergo: Anhäufen), Sortieren und Veröffentlichen der oft, aber nicht nur fotografischen Zeugnisse dessen, was wir uns unter Momenten vorstellen (nicht verwechseln mit dem, was sich Tinder unter Momenten vorstellt). Auf diese Weise werden nicht nur Objekte, sondern auch Situationen, Orte, Menschen warenförmig, denn sie sind im Augenblick ihrer Veröffentlichung ja zu nichts anderem da als zur Symbolkapitalbildung beim Veröffentlichenden: der Sonnenuntergang am Urlaubsstrand, der berühmte Mensch auf dem Selfie neben dem zugleich abbildenden und mitabgebildeten Verbreiter, das Gericht auf dem Teller vor der unwiederbringlichen Verzehrung, das Konzertfoto über die Köpfe der anonymen Mitmenge, das den Band-Merchandize ersetzt, der früher als Zeugnis des “Ich war da” diente. (“Ich war da” wird nun in die vorübergehende Gegenwartsform des “Ich bin da” von Facebook gesetzt, denn das Foto wird üblicherweise sofort veröffentlicht, und für den Rest des Konzerts behält das Foto seinen Präsenzstatus, seine symbolisch noch mal aufgewertete Gegenwartsgültigkeit: Ich ist zwar bloß Augenzeuge einer am Tag zuvor und am Tag danach ungefähr gleich aufgeführten resp. aufgeführt werdenden Gegenwart namens Konzert, doch es ist qua Fotobeweis jetzt gerade teilnehmend, es lässt sogar die anderen, die nicht da sind mit teilnehmen, doch nicht aus Güte denen gegenüber, sondern nur aus Gründen der Selbstaufwertung; und den kulturkapitalisierbaren Symbolwert behält das Bild wie alle anderen Bilder lange über das dergestalt dokumentierte Dabeisein bei einem Ereignis hinaus. By the way: fuck your selfie, den lahmen Spruch wollte ich schon immer mal machen, oder meine Vorstellung von ich.) Ah, was hat Wes Anderson damit noch mal zu tun? Seine Filme erzählen im Kern keine Geschichten, oder jedenfalls sind die Geschichten eher nur notwendige als hinreichende Bedingungen dafür, im Medium Spielfilm kuratorisch tätig zu werden: Ausstattung, Kostümierung, Setdesign der Filme sind wesentlicher als ihr Plot, und die (größer werdende Menge an) eingesetzten Stars sind nicht so sehr als Schauspieler zu verstehen, die einer filmischen Erzählung dienen durch ihr Tun – ihr Dabeisein hat eher die Funktion von Marken, die in dem großen Shop namens Wes Anderson zu sehen sind. Strukturell ganz ähnlich funktionieren Instagram- und Facebook-Profile, in denen eben Situationen, Orte, Menschen auch nach ihrem potenziellen Markenwert gesammelt werden, um das Dekor des Ich aufzuwerten. Die Aneignung geschieht in kuratorischer Absicht, und die wird (vor einem selbst und den anderen) durch die oft romantisierende Bildsprache nur notdürftig verschleiert. Dass die Summe der so festgehaltenen und veröffentlichten Begebenheiten im engeren Sinne keine Lebensrealität abbildet, sondern eine fiktionalisierte Version davon, kein Ausschnitt ist, sondern eine Inszenierung von Leben, ist Produzenten wie sozialmedialem Publikum klar. Und doch halten wir den Anschein lieber für echt. Und fragen uns, ob etwas überhaupt passiert ist, das nicht auf Bildern fortexistiert – aber in denen eben nicht einfach nur festgehalten wurde, denn so etwas wie dokumentarische Objektivität gibt es in der Selbstinszenierung qua Definition nicht. Unsere Wirklichkeit ist stets eine produzierte, meist von uns selbst. Die Mittel des Kinos, derer sich Wes Anderson bedienen kann in seinen Konstruktionen nie Gegenwart gewesener, nie stattgefundener Vergangenheiten betrachten wir als Bestätigung dafür, dass es sich bei diesem kuratorischen Leistungen tatsächlich um Kunst handelt (und natürlich bin ich ein großer Fan). Unsere eigenen Konstruktionen von so nie passierten Momenten betrachten wir als Leben. Mein Ich ist käuflich, und dein Ich gehört im Zweifel längst mir. Aber nur symbolisch, klar. Kannst ja mal auf meinem Facebook- und Instagram-Profil nachschauen.

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