KNALLER.

(Erstmals erschienen an Silvester 2011 in der SZ am Wochenende.)

Ich kann mich eigentlich an kein einzelnes Silvester erinnern. Krieg sie nicht mehr auseinander gehalten, und ich halte das nicht für eine individuelle Gedächtnisschwäche. Nicht nur bei mir, ich hab mich nämlich informiert, also herumgefragt, ist Silvester ein Erinnerungsmatsch aus warmem Sekt und kalten Füßen, aus verpassten und vergessenen Anrufen, aus grauem Wetter und den rotbraunen Böllerspuren auf dem Bürgersteig. Und dem Moment, wo man am nächsten Morgen die Augen aufschlägt und freudig überrascht feststellt, dass man wieder ein Silvester überlebt hat. Das ist, bevor man sich fragt, warum man seine Hose noch anhat und die ganz schön schmutzig ist. Damit gehen dann die Kopfschmerzen los.

Vielleicht soll man sich ja hinterher an Silvester gar nicht erinnern. Aber warum zerbricht man sich dann vorher wochenlang den Kopf darüber, wo und wie und mit wem man diese Nacht verbringen soll? Und weshalb kann man sich trotz aller gegenteiligen Erfahrungen doch nicht ganz den Versprechungen und Hoffnungen entziehen, die damit verbunden werden, raunend: Das wird eine Nacht, die du so schnell nicht vergisst. Doch, schon. Eigentlich bereits, während sie noch passiert. Man trinkt sich Silvester ja nicht schön, man trinkt es sich eher aus dem Kopf.

Das eine Silvester, an das ich mich noch erinnern kann, als singuläres, klar abgrenzbares Ereignis, war bezeichnenderweise ein ausgefallenes. Das von 1995 auf 1996, das Blitzeis-Silvester. Ich weiß das Jahr nur so genau, weil ich kurz zuvor mit einer Frau zusammengekommen war, wir blieben noch viele Jahre ein Paar. Unser erstes Silvester wollten wir in Berlin feiern, kamen aber nicht mal bis zu ihrem Auto, wegen des Blitzeises. So standen wir um zwölf an meinem Dachfenster und schauten über die Stadt, in der wir nicht sein wollten, später schafften wir es dank nächtlichen Tauwetters noch zu einer Party, auf der wir nicht sein wollten, und meine damalige Freundin sagte zwischendurch, das ganze Gewese um Silvester sei eh übertrieben.

Das sollte uns beide trösten. Es machte aber alles nur noch schlimmer.

Denn das ganze Gewese um Silvester hat doch einen tieferen Sinn. Der hat, so lautet meine private Theorie, mit dem Weihnachtsfest unmittelbar davor zu tun, aus zwei Gründen.

Der erste ist der, dass Weihnachten ein Familienfest ist und Silvester ein Freundesfest. Seine Familie kann man sich nicht aussuchen, außer den eigenen Partner, den Mann, die Frau, für den Rest kann man nichts, den darf man bestenfalls lieben, muss man schlimmstenfalls ertragen. Seine Freunde hingegen hat man sich ausgesucht, und an keinem anderen Tag im Jahr wird einem das so klar wie an Silvester.

Entweder sind die besten Freunde nicht da. Weil man sich wieder mal nicht früh genug um die Silvesterplanung gekümmert hat. Oder man sich nicht schnell genug gegen eine unerwünschte Einladung gewehrt hat von Leuten, mit denen man bitte nicht befreundet sein will, die einem das aber furchtbar schwer machen, das Nichtbefreundetsein, zum Beispiel, indem sie einen zwei Monate zu früh zu Silvester einladen. Oder es ist etwas dazwischen gekommen, eine neue Liebe vielleicht, die mit ihren eigenen besten Freunden feiern will, und da geht man dann eben mit. Der Lieben Friedens Willen.

Oder die besten Freunde sind da, womöglich sogar alle. Doch im Laufe des Silvesterabends beginnt man sich vernünftigerweise zu fragen: Was sind das eigentlich für Leute, und wie zum Teufel konnte es nur passieren, dass die mal meine besten Freunde wurden? Erzählen immer die gleichen aufgewärmten Geschichten; haben sich noch immer nicht von dem Partner getrennt, der oder die dann schweigend daneben sitzt, so laut schweigend, dass es kaum auszuhalten ist, als guter, als bester Freund.

Silvester schärft einem nämlich die Sinne für die Endlichkeit allen Daseins und die unbedingte Notwendigkeit dieser Endlichkeit. Doch die Aussicht aufs Neue zieht zwangsläufige alles Alte plötzlich in Zweifel. Das Alte gerät unter Generalverdacht schon deswegen, weil es das Alte ist. Neu sieht schöner aus. Neu hört sich besser an. Neu hat noch keine Abnutzungserscheinungen. Neu quietscht und eiert nicht. Neu ist halt neu.

Nur man selbst bleibt immer der Alte. Doch das lässt sich am besten mit dem Neuen verdrängen.

Daher muss das Versprechen rühren und die Hoffnung, dass man sich ausgerechnet in der Silvesternacht verlieben werde. Obwohl man niemanden kennt, einen selbst eingeschlossen, dem oder der so etwas je widerfahren wäre. Was vermutlich auch daran liegt, dass niemand Silvester nüchtern genug bleibt, dass er oder sie sich am Neujahrsmorgen noch daran erinnern könnte, dass er oder sie sich in der Nacht zuvor verliebt hat. Entweder passiert es einfach nicht. Oder man vergisst auch das sofort.

Als ich herumgefragt habe, ob irgendeiner meiner Freunde sich wenigstens an ein lustiges Silvester erinnern könne, bekam ich drei Geschichten zu hören, die einander in einem ähnelten: Sie handelten von Grenzüberschreitungen, die nur in dieser einen Nacht im Jahr tolerierbar waren und deshalb etwas lustig machten, was eigentlich nicht lustig ist. Silvester muss in diesen Geschichten also lediglich als Entschuldigung herhalten für einen schlechten Witz.

Einer Freundin wurde einmal die Stereoanlage aus dem Fenster und das Essen an die Wand geworfen an Silvester.

Eine kannte jemanden, der in der Silvesternacht einmal eine Stretchlimousine ohne Passagiere durch Berlin gekurvt und dann einfach mal alle Knöpfe auf dem Armaturenbrett gedrückt hat, aus Spaß. Erst als er den Wagen geparkt hat, hat er gemerkt, dass einer der Knöpfe fürs Öffnen des Kofferraums gewesen und der nun wiederum gefüllt war mit den Resten von Böllern, die Leute ihm augenscheinlich mit brennender Zündschnur in den offenen Kofferraum geworfen hatten. Die Stretchlimousine war so lang gewesen, dass man vorne am Lenkrad nicht hörte, wenn hinten der Kofferraum schier explodierte.

Und jemand war einmal zusammen mit allen anderen Partygästen um elf an Silvester von einer Gastgeberin vor die Tür gesetzt worden mit der Begründung: Die Gastgeberin erwarte um zwölf den Anruf des Mannes, der sie gerade verlassen habe, und auf dieses Gespräch müsse sie sich seriös vorbereiten, und führen müsse sie es selbstredend ohne Zuhörer. Ihre Party hat dann ohne die Gastgeberin unten auf deren Parkplatz stattgefunden; ob oben in der Wohnung dann um zwölf wirklich das Telefon geklingelt hat, konnte nie ermittelt werden, denn die Mitglieder der Partygesellschaft haben der Gastgeberin an diesem Abend geschlossen die Freundschaft gekündigt.

Der zweite Grund, weshalb Weihnachten und Silvester in meiner privaten Theorie miteinander zu tun haben, ist der Grad an Ritualisierung und Kontrollverlust, der die beiden Feste voneinander unterscheidet.

Weihnachten beruhigt auch deshalb die menschliche Seele so ungemein, weil es total vorhersehbar verläuft. Hat man als Kind erst mal die Nachricht verwunden, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt und das Leben nicht entlang von Wunschzetteln verläuft, lernt man die wenigen Teile eben dieses Lebens zu schätzen, die sich verlässlich auf immer gleiche Weise wiederholen; nur zu gern lässt man den damit verbundenen Kontrollverlust geschehen, nur zu gern lässt man sich mit stiller Freude ins Ritual fallen.

Gäbe es Überwachungsvideos von meinen letzten zirka zwanzig Heilig Abenden, ließe sich in Wort und Bild feststellen, dass sie einander bis in die kleinsten Details gleichen. Ohne dass jemand dafür ein Drehbuch geschrieben hätte. Der minutiös durchgetaktete Tagesablauf, Baum aufstellen, Baum schmücken, Geschenke einpacken, Geschenke auspacken; die Dinge, die gesagt werden, und die Dinge, die ungesagt bleiben.

Man könnte auf den Überwachungsvideos zusehen, wie die Menschen darauf älter werden Jahr für Jahr, andere Klamotten tragen, die jeweils für modern gehaltenen. Die einzige große Veränderung wäre die, dass vor ein paar Jahren plötzlich ein Mensch aus dem Bild verschwunden wäre, mein Vater. Und dass deshalb nun mittags an Heilig Abend für eine Weile niemand mehr auf den Überwachungsvideos zu sehen wäre, weil die Lebenden diesen Toten draußen auf dem Friedhof besuchen würden.

Silvester hat bis auf Schlag Mitternacht nichts Rituelles, woran man sich festhalten könnte, und alkoholinduzierter Kontrollverlust ist eine lahme Ausrede, die auch durch ständiges Wiederholen nicht zum beruhigenden Ritual taugt (obwohl exakt diese Behauptung die Geschäftsgrundlage jedes Volksfestes ist, auf dem sich kollektiv besoffen wird, und zwar bloß deshalb, weil es immer so gemacht wurde). Der Zufall führt an Silvester die Regie dabei, wen er um einen Tisch versammelt hat, wer konnte, wer wollte, wer gerade da war und nichts besseres vorhatte. Niemand wird vermisst.

Wenn doch, dann vermisst jeder in der Runde im Zweifel jemand anderen. Die Freunde, die weit weg feiern, am Meer. Den Mann, in den man sich verliebt hat, aber nicht der ist, mit dem man gerade feiert. Die verflossene Liebe, die längst jemand anderen liebt und mit dem feiert. Der Freund, der gestorben ist und mit niemandem mehr feiern kann. Die Frau, die weder mit einem feiern noch leben will. Und immer so weiter. Niemand in der Runde darf oder kann oder mag es laut sagen. Weil man doch zum Feiern da ist, zum Vergnügen, zum Ausgelassensein. Es ist schließlich Silvester. Und da soll alles gut werden.

Doch das neue Jahr ist über sein Neusein hinaus erst mal auch nur ein leeres Versprechen und eine unbegründete Hoffnung. An das neue Jahr muss man schon sehr glauben, um es ernst zu nehmen. Es steht im Gegensatz zu Weihnachten ja nicht mal in der Bibel, sondern bloß auf dem Abreißkalender in der Küche. Gott hat vergessen, das neue Jahr zu erwähnen. Aber Gott hat ja auch einen etwas anderen Zeitbegriff als die Menschen.

Das Versprechen des neuen Jahres lautet: Ein Neubeginn ist möglich. Dummerweise richten sich aber weder der Bedarf noch der Vorrat an Neubeginnen im Leben nach dem Kalender. Auch nicht nach dem, was in Weihnachtspredigten und Neujahrsansprachen so gesagt wird. Innehalten solle man, Bilanz ziehen, hoffnungsfroh nach vorne schauen, auch wenn die Aussichten wieder mal trübe sind, aber hey, wann waren sie das nicht. Aussichten haben das so an sich. Man erkennt das, was kommt, halt nicht deutlich. Es ist zu weit weg. Es kann so viel passieren. Oder auch nicht.

Und dann? Geht es weiter wie vorher, nur mit einer anderen Jahreszahl, an die man sich erst wieder gewöhnen muss. Der neue Abreißkalender hängt schon in der Küche, und dort, in der Küche, wird auch Silvester gefeiert diesmal. Meine Mitbewohnerin und ich, wir veranstalten eine Party, deren Trick ist, dass wir niemandem Bescheid gesagt haben, dass es eine Party geben wird. Lass uns keine Leute einladen, haben wir gesagt. Also: fast keine.

Jedenfalls nicht solche, die uns nur als Absprung benutzen wollen: Bauch vollschlagen, um zwölf nen Sekt kippen, und dann nichts wie raus in die Nacht. Schöne Freunde. In der Silvesternacht winken sie zur Strafe für ihr Schöne-freunde-Sein dann hinter Taxis her, die nicht halten, weshalb sie zur immer nächsten Party zu spät kommen, von wo die anderen aber eh schon weitergezogen sind, zu immer nächsten Clubs, deren Türen zu bleiben, weil die Clubs immer schon voll sind mit anderen wie ihnen, die bloß besseres Timing hatten.

Dann wird es hell, allen ist kalt, und Silvester ist schon wieder vorbei.

Ist uns selbst oft genug so ergangen, habe ich zu meiner Mitbewohnerin gesagt. Darum lass uns diesmal die Party der verlorenen Seelen von Berlin veranstalten. Wir sammeln sie einfach unten auf der Straße ein, die verlorenen Seelen, gibt ja genug davon. Und wer klingelt, dem öffnen wir freudig die Tür. Allein wer festlich angezogen ist, große Abendrobe und so, der kommt nicht rein. Diese Leute meinen es ernst mit Silvester, die glauben wirklich daran, und mit denen wollen wir bitte nicht feiern.

Fand sie erst alles lustig, meine Mitbewohnerin. Dann hat sie sicherheitshalber aber doch Einladungen verschickt. Einige. Nein: viele. Mit dem Zusatz, wer komme, könne Leute mitbringen, egal wen, egal wie viele. Vermutlich hat meine Mitbewohnerin recht, nicht alles im Leben dem Zufall zu überlassen. Weit hat der mich nämlich auch echt nicht gebracht.

Vor ein paar Tagen habe ich mich selbst bei der Frage erwischt, was ich bloß anziehen soll an Silvester.

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