ERINNERUNG.

Kann mich nicht daran erinnern, jemals gebadet worden zu sein. Selbstverständlich muss es eine Zeit gegeben haben, in der ich sehr wohl gebadet wurde, und sollte ich wirklich alt werden, gehe ich davon aus, dass ich mich irgendwann daran erinnern werde, im Alter sollen ja die frühen Kindheitserinnerungen zurückkommen. Wenn ich Pech habe, werde ich dann erstmals im Leben wissen, wie es sich anfühlt in einer dann also irgendwie reaktivierten Erinnerung, als wohl Zwei- oder Dreijähriger vor oder gar unter ein fahrendes Auto geraten zu sein. Die Geschichte hat mir meine Mutter wiederholt erzählt, früher einmal, und wenn ich mich recht erinnere, soll das alles in Amsterdam geschehen sein, vielleicht aber auch in Rotterdam, jedenfalls in Holland, ich kriege nicht mal die Nacherzählung der Erzählung noch zusammen. Vom eigentlichen Geschehnis ist nichts in meinem Kopf geblieben, was sich seither rekonstruieren ließe, und also gehe ich davon aus, dass es für mein Leben keine Bedeutung hat, außer als etwas alarmistische Ermahnung daran, dass es auch relativ früh hätte zu Ende gehen können, und sollte diese Nichterinnerung irgendwann als irgendwie verdrängtes Trauma in mein Leben zurückerklärt werden, von wem auch immer, dann wird sie nur ein weiterer Beleg dafür sein, dass fast alles eine Frage der Wahrnehmung ist. Denn der ganze Witz an der Autogeschichte ist: Es ist mir absolut nichts geschehen.

Kann mich auch nicht daran erinnern, je im Bademantel vorm Fernseher gesessen zu haben. Außer als Erwachsener, und der Bade- war ein Morgenmantel und also nicht aus Frottee, und auch dass ich darunter einen der Pyjamas trug, die ich mir auch erst als Erwachsener gekauft habe, das muss eher Ausdruck einer sentimentalen Sehnsucht (gewesen) sein, ein gleichsam gelebtes Sammelzitat aus Filmszenen und anderweitig nicht selbst erlebten, sondern gesehenen oder angelesenen Bildern: Mann in Pyjama und Morgenmantel – gutes Bild, steht aber für nichts als ein beliebig interpretierbares, ja formbares Gefühl. Einen Fernseher allerdings gibt es in dem Bild gar nicht mehr, bloß einen Laptop und so einen TV-Stick, der alle paar Wochen mal angeschlossen wird, wenn es wirklich gar nichts anderes mehr zu tun zu geben scheint und Zeit da ist zum sinnlosen (oder sinnfreien?) Verschwenden.

Habe nie das Playmobil-Piratenschiff besessen, nur das Fort; es gab auch nie Nutella auf Schwarzbrot, keinesfalls, pfui, allein Nutella gab es schon nur ganz selten, dann aber tatsächlich das richtige, ja, es wurde schon früh auf Marken geachtet, aufs vorgeblich Gute, aufs vorgebliche Original, und Nutella war wohl typischerweise Teil der Verhandlungsmasse in jenem wiederkehrenden Gewissensablasshandel zwischen mitgeschlepptem Kind und mitschleppender Mutter im Supermarkt: Der Junge durfte sich was aussuchen, und im Zweifel war es was anderes als Nutella, wohl eher eine Flasche Ginger Ale oder gleich ein “Star Wars”-Figürchen oder Lego.

Als Mitglied der von Florian Illies erfunden Alterskohorte “Generation Golf” stimmen also die Details meiner “Wetten, dass …?”-bezogenen Kindheitserinnerungen nicht mit denen im gleichnamigen Buch beschriebenen überein, was selbstverständlich an sich noch nicht bemerkenswert ist. Bemerkenswert ist vielmehr, wie seit dem Erscheinen von “Generation Golf” im Jahr 2000 dessen Einstiegs- und gleichsam Urszene, ein Samstagabend in den 80er-Jahren vor “Wetten, dass …?”, nicht bloß scheinbar zur kollektiven Erinnerung geronnen ist, so als hätten in den 33 Jahren der Existenz dieser Sendung stets nur frischgebadete zehn- bis zwölfjährige Jungen im Frotteebademantel mit Nutella-Schwarzbrot im Mund diese Sendung gesehen; oder als hätte sich die versammelte und doch angeblich so heterogene Zuschauerschaft jeglichen Alters und Geschlechts beim Besehen von “Wetten, dass …?” jedenfalls irgendwie geistig und kollektiv in den angenommenen Zustand des Erlebens eines ebensolchen zehn- bis zwölfjährigen Jungens zurückverwandelt. Nein, es soll sogar so sein, dass diese rückwirkend konstruierte vorgebliche Kollektiverinnerung zugleich als Beleg dienen kann für die offenbar beklagenswerte, aber zunächst mal nur behauptete Abwesenheit von Gemeinschaftserlebnissen oder besser Gemeinschaft stiftenden Erlebnissen jeglicher Art in der Gegenwart. Mal abgesehen davon, dass die Sehnsucht des Einzelnen nach Regression und danach, kollektiv zu erleben und sich dieses Erlebens hernach auch gleichsam sozial rückversichern zu wollen, Montagmorgen im Büro, durchaus verschieden groß sein kann: Ist es nicht brüllkomisch, wie das Fernsehen, das einst als Medium einer beklagten zunehmenden Vereinzelung betrachtet wurde, und zwar negativ, nun als nostalgisch verklärtes Übergangsmedium dasteht, als letztmöglicher Produzent einer größtmöglichen situativen Gemeinschaft von brutalstmöglich Vereinzelten? Wenn das zuträfe und das wirklich alles wäre, was das Fernsehen sein möge, was genau bliebe dann aber nach dem nunmehrigen Ende von “Wetten, dass …?” noch mal die Existenzberechtigung des deutschen, außer Fußballübertragungen und “Tatort” und der unbedingt nicht herbeigesehnte Moment der Berichterstattung über eine die Allgemeinheit betreffende Katastrophe (die aber möglichst fernsehtauglich sein müsste, also visuell erzählbar)? Individuelle Zerstreuung zu liefern, richtig.

Mein stärkste Erinnerung an “Wetten, dass …?” ist die des Erlebens eines Gefühlszustandes, nicht von rekonstruierbaren einzelnen Bildaugenblicken: Noch bevor das Wort überhaupt erfunden war, wusste ich durch “Wetten, dass …?”, wie sich Fremdschämen anfühlt, dieses unerträgliche Kribbeln am ganzen Leib, dieses Bedürfnis aufzuspringen und rauszurennen, um jedenfalls nicht miterleben zu müssen, wie berühmte, meist englischsprachige Schauspieler und Sänger beiderlei Geschlechts in dieser Sendung ausgestellt wurden als Rechtfertigung dafür, dass es diese Sendung überhaupt gab – die große Welt kam zu Besuch ins kleine Deutschland, und egal wie toll oder schrecklich man im Einzelfall den Besuch fand, es lief eigentlich immer darauf hinaus, dass er schlecht behandelt wurde. Berühmte Frauen hatten grundsätzlich die Funktion reinen Dekors, das man antatschen konnte, auf seine Form hin begutachten und als Gegenstand männlichen Begehrens auspreisen (Welcher deutsche Prominente darf neben der amerikanischen Prominenten auf der Couch sitzen?); berühmte Männer wurden im Zweifel vom Moderator wenigstens zur Kumpanei gezwungen, was mutmaßlich nicht ganz so erniedrigend für die Betroffenen gewesen sein mag, aber angenehm anzuschauen war das als Nichtbetroffener auch nicht.

Immerhin: Dank “Wetten, dass …?” konnte man also schon früh eine Ahnung davon bekommen, dass Ruhm an sich immer nur eine Behauptung sein könnte, die von der Masse der Nichtberühmten auf den einzelnen Berühmten projiziert werde, und je öfter diese Behauptung aufgestellt und je größer der Kreis der damit potenziell Gemeinten werde, desto unwesentlicher werde die ganze Idee des Ruhms schlechthin. “Wetten, dass …?” wurde aber nie Opfer der vermeintlichen Demokratisierung des Ruhms, denn entscheidend war nicht, dass sich die Behauptung nicht mehr aufrecht erhalten ließ, dass zwischen den Wettpaten (berühmt: Oben) einerseits und den Kandidaten (vorübergehend berühmt: Mitte) und dem Publikum (nicht berühmt: Unten) andererseits ein unüberbrückbarer Graben auftat, der nur durch und in dieser Sendung kurzzeitig überwunden werden konnte. Entscheidend war, dass die Idee des Ruhms an sich außerhalb der rein künstlichen Behauptungswelt dieser Sendung total nivelliert wurde und Ruhm jeglicher Sorte kaum noch erstrebenswert erschien. Anonymity suddenly was bliss.

Und die Furcht vor der Fremdscham wich, weil die Fremdscham im Zusammenhang mit “Wetten, dass …?” das situative Mitfühlen mit dem unfreiwillig der Lächerlichkeit preisgegebenen Berühmten voraussetzte, egal wie man den oder die nun eigentlich so fand. Und hätte man andererseits früher noch die menschliche Boshaftigkeit besessen, um es genießen zu können, wenn in dieser Sendung stellvertretend irgendwelche Rachefantasien an Berühmten für ihr bloßes Berühmtsein ausagiert wurden, so erfüllte “Wetten, dass …?” auch diese Funktion irgendwann nicht mehr. Oder nicht hart genug. Der Zuschauer konnte anderswo ja teilnehmend aktiv eingreifen und zum Beispiel anonym per SMS jemanden für die nächste Dschungelprüfung nominieren, jemanden, für den er oder sie nichts empfand als niedere Gefühle (ohne dass er oder sie sich mal fragte: Warum und wozu eigentlich?); oder er oder sie konnte im Schutze eines Pseudonyms im Internet Kommentarspalten vollkotzen und so seinen oder ihren Hass erheblich direkter kanalisieren. Dafür immerhin reichte das, was von der Idee des Ruhms übrig geblieben war, noch aus: Jeder, der oder die es wagt, sich von der Seite des Publikums auf die andere zu schlagen, die nicht mehr oben ist, aber immerhin noch ausgestellt, herausgehoben, und sei es auch nur ganz kurz, kann dafür jederzeit von jedem und jeder in unendlich vielen, unendlich kleinen aufmerksamkeitsmikroökonomischen Foren bestraft werden.

Aber ich schweife ab. Ich geh jetzt mal duschen.

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