VERSICKERT.

(Erstmals erschienen als Titelthema der Welt am Sonntag. Dies ist eine überarbeitete Version: über die Chemiekatastrophe im indischen Bhopal im Jahre 1984 und die Folgen bis heute.)

Nach 30 Jahren kann man die Vergangenheit endlich einfach links liegen lassen in Bhopal. Man kann über den alten Teil der Stadt hinweg fahren dank der weitgeschwungenen neuen Überführung, die im vergangenen Sommer für den Verkehr geöffnet wurde, und wenn man nur nach rechts schaut, sieht man sie gar nicht mehr, die Vergangenheit. Zumindest den dunklen Teil nicht: die Hinterlassenschaften des folgenschwersten Chemieunglücks der Geschichte. Man sieht stattdessen indische Normalität, Hütten und Felder, und manche kleinen Häuser bekommen neuerdings sogar ein zweites Stockwerk von ihren Besitzern aufgesetzt. Die Aufbauten sind kleine Zeichen des wirtschaftlichen Erfolgs, und der Weg von Alt-Bhopal nach Neu-Bhopal, in die Zukunft, ist nun schneller und schöner als je zuvor.

In Neu-Bhopal gibt es nicht mal mehr Slums und keine engen, vom Verkehrschaos verstopften Schlaglochpisten, und die heiße, trockene Luft stinkt nicht nach Abgasen und Müll wie noch in Alt-Bhopal. In Neu-Bhopal sind die Straßen frisch geteert, die Kreisverkehre zieren stolze Skulpturen, und dort steht auch die erste klimatisierte Shopping Mall der Stadt. Jeans von Tommy Hilfiger kann man da kaufen und „Body Shop“-Kosmetika, und bei McDonalds gibt es immer frisch gebratene Chickenburger. Solange nicht gerade mal wieder der Strom ausfällt und die Generatoren gegen den stolzen Energiebedarf der Mall hilflos anrattern. Also ungefähr alle halbe Stunde. Die Zukunft wird eben auch in Indien nicht mit einem Schlag gewonnen.

In Neu-Bhopal gilt längst die neue Zeitrechnung des indischen Wirtschaftswunders, das zuletzt zwar nicht mehr ganz so wundervolle Wachstumszahlen produzierte, doch immer noch gute. Auch erinnert nichts mehr daran, dass Indien mal ein Entwicklungsland war. Das vor vier, fünf Jahrzehnten, als es längst keine Kolonie mehr war, Knowhow aus dem Westen importieren musste. Zum Beispiel damit seine damals noch vormoderne, Dürren und Schädlingsplagen gegenüber schutzlose Landwirtschaft die größer und größer werdende Bevölkerung halbwegs ernähren konnte. Gegen Schädlinge helfen am besten Pestizide.

Die Überführung von Alt-Bhopal beginnt kaum hundert Meter westlich des kleinen Steinhauses, in dem Janki Bai Sahu lebt, die eine einfache indische Hausfrau ist. Deren Namen aber auf einer letzten Zivilklageschrift steht, über die im fernen Amerika noch Gerichte zu befinden haben, „Janki Bai Sahu et al against Union Carbide Corporation“. Sahu wohnt links der neuen Betontrasse, in der Vergangenheit, obwohl die mitunter auch nicht mehr erkennbar ist: In der Nähe von Sahus Haus liegt ein Teich, an dessen Ufer fast idyllisch Büffel grasen und Vögel nach Würmern picken. Doch in der Erde darunter, nur wenige Meter unter der Wasseroberfläche, schlummern noch immer die Stoffe, die bis heute das Grundwasser von Alt-Bhopal verseuchen, das aus der Handpumpe hinter Sahus Haus fließt. Das Gift, das sind die Reststoffe der Pestizidproduktion.

Kurz hinter dem Teich quert die Überführung die Gleise, derentwegen der einstige Fürstinnensitz Bhopal, mitten in Zentralindien gelegen, überhaupt einmal zur Industriestadt geworden ist. Am 18. November 1884 wurde der örtliche Bahnhof eröffnet und Bhopal ans landesweite Schienennetz angeschlossen, die damaligen britischen Kolonialherren hatten es so entschieden und damit die Grundlage für alle späteren Industrieansiedlungen gelegt. Der Überlieferung nach begrüßte die herrschende Fürstin, die Begum Shah Jahan, die britische Abordnung zu den Eröffnungsfeierlichkeiten des Bahnhofs mit einem Dank der Bhopalis dafür, „dass auf unserem Boden der Glanz des Wissens aus dem Westen erstrahlen möge“.

Und schließlich, gleich hinter den Gleisen, man ist kaum eine Minute auf der Überführung gefahren, wird zur Linken der Blick frei auf ein wild zugewachsenes, weites Ödland. Ein knappes Dutzend Gebäude sind auf dem Gelände verstreut, die Bauten sind heute eher verfallene Betonruinen, und am Rand des knapp 60 Hektar großen Feldes steht ein verrostetes Metallgerippe, so hoch wie ein fünfstöckiges Haus, ein rotbräunliches Skelett aus vielen Rohren und wenigen großen Tanks. Die ehemalige Chemiefabrik von Union Carbide India Limited, kurz UCIL.

Dort hörte vor drei Jahrzehnten, in der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember 1984, fast auf den Tag genau einhundert Jahre nach der Rede der Begum Shah Jahan, der Glanz des Wissens aus dem Westen auf, für Bhopal zu strahlen. Aus einem der Tanks entwich hochgiftiges Gas, das ein Wolke bildete, die durch Bhopal zog. Tausende Menschen, wie viele genau, ist bis heute ungeklärt, erstickten in dieser Nacht. Tausende Menschen, wie viele genau, ist bis heute ebenfalls ungeklärt, litten später und leiden heute noch an Folgeschäden.

Bhopal war so etwas wie die Ur-Katastrophe der Globalisierung, denn UCIL war die indische Tochterfirma eines amerikanischen Konzerns, die auf dem Gelände in den 70er-Jahren eine Anlage zur Produktion des Pestizids Sevin hatte errichten lassen. Union Carbide Corporation hieß der US-Multi, kurz UCC, 1917 gegründet, im Jahr 2001 übernommen vom amerikanischen Konkurrenten Dow Chemical, dem heute drittgrößten Chemieunternehmen der Welt. Zu dem Zeitpunkt, 2001, hatte die UCC ihre Tochter UCIL längst an einen indischen Investor verkauft und jegliche Geschäftstätigkeit auf dem Subkontinent aufgegeben. Union Carbide war aus Indien geradezu abgehauen, fast wie ein Verbrecher auf der Flucht.

Die Fragen aber, die bis heute nicht nur die Überlebenden in Alt-Bhopal beschäftigen, sondern Menschen überall auf der Welt, Anwälte in Amerika etwa und Aktivisten in Großbritannien, ist folgende: Wer haftet für die bleibenden Folgen, wer beseitigt die weiterhin bestehenden Schäden? Um den Gasunfall geht es kaum mehr, sondern vor allem um die Umweltverpestung, die in den Jahren vor 1984 bei der Pestizidproduktion in Bhopal entstand, als Reststoffe einfach in die Landschaft gekippt wurden: Gruben wurden gebuddelt, darin dünne Plastikplanen ausgelegt und oben drauf der flüssige Giftmüll gekippt. Das Gelände, das UCIL einst nur vom Bundesstaat Madhya Prasdesh gepachtet hatte und der indische UCIL-Käufer im Jahr 1998 schlicht zurückgegeben hatte, ist bis heute ebenso wenig je von Schadstoffen befreit worden wie die angrenzenden, mit Giftmüll kontaminierten Flächen. Man hat Gras darüber wachsen lassen, buchstäblich.

30 Jahre nach der verhängnisvollen Nacht vom 2. auf den 3. Dezember 1984 müsste die Katastrophe eigentlich längst Geschichte sein. Doch die Vergangenheit will einfach nicht vergehen. Bhopal ist längst nicht mehr nur eine Chemiekatastrophe. Bhopal hat sich seit 1984 zu einem Gerichts- und Wirtschaftsthriller entwickelt, einem politischen Kampf und einem diplomatischen Dilemma, einem Imageproblem für einen Weltkonzern, einer Entsorgungsfrage.

Es ist eine schier unendliche Geschichte, die letztlich auch noch in die Sphäre von Moral und Ethik führt, wo es um die Verantwortung von Unternehmen geht und um Vorstellungen von Gerechtigkeit. Und wo die Frage, wer in dieser unendlichen Geschichte eigentlich die Guten sind und wer die Bösen, immer unklarer wird: Es ist eine Frage der Perspektive.


Die Spätschicht verlief ereignislos am 2. Dezember 1984 in der Verpackungshalle, um elf Uhr abends übergaben der Vorarbeiter Sahjad Khan und seine Kollegen an die Nachtschicht und gingen nach Hause, ganz normal, wie immer.

Khan arbeitete schon seit zwölf Jahren bei UCIL, 1972 war er eingestellt worden, als 18-Jähriger. Da gab es die Anlage zur Herstellung von Methylisocyanat (MIC) noch gar nicht und nicht die zur Weiterverarbeitung des MIC zum Pestizid Carbaryl, Handelsname Sevin. Die komplette Produktion von Sevin hatte in Bhopal erst im Mai 1980 begonnen. Es war eine optimistisch dimensionierte Anlage, 5000 Tonnen Sevin im Jahr konnten bei voller Auslastung produziert werden. Ob der indische Markt so viel wirklich hergab, war fraglich. Denn die meisten Bauern dort benutzten zur Schädlingsbekämpfung damals DDT, ein Insektizid, das in Indien noch erlaubt war, in westlichen Staaten seit Anfang der siebziger Jahre aber sukzessive nicht mehr, DDT hatte sich als krebserregend beim Menschen erwiesen.

Sevin hat ebenfalls einen erheblichen Nachteil, es tötet Insekten unterschiedslos, nicht nur Schädlinge, sondern auch Nützlinge wie etwa die Honigbiene. In Deutschland ist der Gebrauch von Carbaryl-haltigen Pestiziden deshalb schon 1982 untersagt worden, in den USA hingegen wird Sevin bis heute verkauft, an Landwirte ebenso wie an Heimgärtner. Der amerikanische Ableger des deutschen Chemiekonzerns Bayer hatte es bis zuletzt in den USA noch hergestellt und vertrieben, vor drei Jahren jedoch entschloss sich Bayer, sowohl die Produktion von MIC als auch Sevin einzustellen. Es lohne sich wirtschaftlich einfach nicht mehr, hatte Bayer den Schritt begründet.


Die Sevin-Herstellung in Bhopal stockte Ende des Jahres 1984, das nötige Vorprodukt MIC aber war reichlich vorhanden. Der Tank mit der Nummer 610 war voll bis obenhin mit der leichtentflammbaren Flüssigkeit, die auf keinen Fall mit Wasser in Berührung kommen darf, weil sie sich dann rasend schnell erhitzt; bei 38 Grad Celsius bereits wird MIC gasförmig und ist dann schwerer als Luft.

Vierzig Tonnen MIC etwa befanden sich am 2. Dezember in Tank 610, doch das wussten Sahjad Khan und seine Kollegen in der Verpackungshalle nicht genau. So wenig wie sie wussten, dass in vergleichbaren Chemiefabriken im Westen niemals eine derartige Menge an MIC gelagert würde, sondern immer nur so viel produziert würde, wie zur sofortigen Weiterverarbeitung nötig wäre. Denn MIC ist einer der giftigsten Stoffe überhaupt, ein paar Tropfen davon reichen schon, um einen Menschen zu töten, MIC verätzt Atemwege und Schleimhäute.

Ein paar Tropfen. Vierzig Tonnen.

Bis heute ist nicht abschließend geklärt, was kurz nach Mitternacht an Tank 610 genau passiert ist, nur dass das MIC darin irgendwie mit Wasser in Berührung kam und bald austrat, die ganzen vierzig Tonnen. Worauf sich eine schwere Giftwolke bildete, die über die Anlage und die angrenzenden Slums zog und vom Südwind schließlich in die nahe Stadt getragen wurde. Die Wolke hinterließ eine Todeszone.

Eine Version der Ereignisse dieser Nacht, es ist die am häufigsten kolportierte, geht so: Reduzierte Sicherheitsvorkehrungen hätten ermöglicht, dass bei Filterreinigungsmaßnahmen Wasser in den MIC-Tank eindringen konnte, menschliches Versagen sei letztlich der Grund. Die Unternehmensberatung Arthur D. Little, die im Auftrag von Union Carbide den Unfall untersucht hat, schloss diese Version hingegen kategorisch aus, sie sei aufgrund der Bauweise der Anlage physikalisch unmöglich; allein absichtliche Sabotage könne der Auslöser der Katastrophe gewesen sein. Ein „verärgerter Arbeiter“ müsse in einem unbeobachteten Moment absichtlich einen Wasserschlauch an den Tank 610 angeschlossen haben, worauf es zu der verheerenden chemischen Reaktion gekommen sei, so die Version der Ereignisse dieser Nacht, die UCC bis heute verbreitet.

Der „verärgerte Arbeiter“ wurde nie gefunden, die indische Justiz hat ihn vielleicht aber auch nie wirklich gesucht. Stattdessen wurden, im Juni 2010 erst, fast 26 Jahre nach dem Geschehen, von einem Gericht in Bhopal sieben ehedem leitende indische Angestellte von UCIL von einem indischen Gericht im Zusammenhang mit der Katastrophe verurteilt. Zu jeweils zwei Jahren Haft, wegen fahrlässiger Tötung. Die ursprüngliche Anklage wegen vielfachen Mordes war von höheren indischen Gerichten untersagt worden.


Und nun, 30 Jahre nach dem Unglück, sitzt der ehemalige Vorarbeiter Sahjad Khan, ein unbescholtener Mann, noch immer in der gleichen backsteinernen Einraumbehausung, in die er damals nach der Spätschicht am 2. Dezember 1984 ging, wenige hundert Meter südlich des einstigen UCIL-Geländes. Von der „Verärgerter Arbeiter“-Theorie hat er damals gehört, doch er wüsste nicht, wer das gewesen sein sollte. Abgesehen davon macht die Theorie für Khan bis heute keinen Sinn: Wie wütend könnte ein Mensch sein, dass er ein Massensterben auslösen würde? Denn wie lebensgefährlich MIC war, das wusste jeder UCIL-Arbeiter. Oder ahnte es zumindest.

Sahjad Khan, der 60 Jahre alt ist, aber wie ein Greis aussieht, versucht sich zu erinnern. Wie das war in der Nacht, als er zu Hause nach der Spätschicht plötzlich den stechenden Gestank von draußen wahrnahm. Es roch nach besonders scharfem Curry, sagt Khan, und bald hörte er von draußen Schreie und Tumulte. Er dachte in diesem Moment an die Sicherheitsanweisungen, die ihm und seinen Kollegen von UCIL eingebläut worden waren: dass sie sich, sollte es auf dem Gelände mal einen Alarm geben und sich seltsamer Geruch in der Luft ausbreiten, nicht im Freien aufhalten sollten. Sondern sich in geschlossene Räume begeben sollten und die Fenster und Türen nicht öffnen durften. „Ich habe mich an die Sicherheitsanweisungen gehalten, eben auch zu Hause“, sagt Sahjad Kahn.

Als er es am nächsten Morgen wagte, die Tür aufzumachen, er hatte keine Sekunde geschlafen, bot sich ihm ein apokalyptischer Anblick. Menschen und Tiere, Kühe, Hunde, Ziegen, Hunderte, Tausende, lagen regungslos auf den Straßen, die Münder und Mäuler aufgerissen, als hätten sie noch verzweifelt nach Luft geschnappt.

Sahjad Khans Augen tränten seit Stunden wie verrückt, aber es war kein Weinen. Wie ferngesteuert ging er Richtung der Fabrik, im Notfall, hatte es immer geheißen, werde die eigene UCIL-Krankenstation auf dem Gelände mögliche Verletzte versorgen. Khan wollte seine Augen ausspülen lassen.

Hinter dem eisernen Fabriktor, wo nach einem Stück Wiese als erstes das Gebäude der Krankenstation kam, lagen an diesem Morgen wild übereinander geworfen Leichen, viele Dutzende. Sahjad Khan ging an dem Haufen toter Menschen vorüber, erkannte darin Kollegen, Freunde, stoppte, drehte sich schließlich um. Und ging zurück nach Hause.

Er hat seitdem das Gelände nie wieder betreten, er gehe bis heute nicht mal in die Nähe, sagt Sahjad Khan. Er habe Angst, dass die Bilder von 1984, die er auch so nie hat vergessen können, ihn endgültig überwältigen könnten.

Das Atmen fällt ihm seit jener Nacht im Dezember 1984 schwer, und es wird schlimmer. Nur wenn Sahjad Khan sitzt, japst er nicht wie ein alter Kettenraucher, aber Khan raucht ja gar nicht, hat er nie. Khan schleppt sich trotzdem weiter zur Arbeit, einer Schreibtischtätigkeit immerhin, Sachbearbeiter ist er. Zwei Sachen sind ihm geblieben von dem Job in der Verpackungsabteilung, den er davor hatte: ein Schreiben, in dem bestätigt wird, dass er von 1972 bis 1984 angestellt war im Werk der UCIL in Bhopal. Und sein schlechter Gesundheitszustand ist gut erhalten, sagt Sahjad Khan und lacht bitter auf.

Zusammen mit 70 anderen überlebenden UCIL-Arbeitern hat er die amerikanische Muttergesellschaft verklagt, sagt Sahjad Khan, vor dem High Court in Jabalpur, dem höchsten Gericht des Bundesstaates Madhya Pradesh, dessen Hauptstadt Bhopal ist. Doch die Klage ist jetzt mehr als zwanzig Jahre alt und noch immer nicht abschließend verhandelt, manche der ehemaligen Kollegen Khans sind darüber längst gestorben. Und er selbst glaubt nicht, dass er zu Lebzeiten noch mal etwas hört, vom High Court in Jabalpur oder von der Union Carbide Corporation, die heute in Danbury, Connecticut, ihren Hauptsitz hat.

„Union Carbide war immer ein guter Arbeitgeber“, sagt Sahjad Khan. „Sie haben gute Löhne gezahlt, und die Amerikaner im Werk hier in Bhopal haben uns wieder und wieder ermahnt, die Sicherheitsvorschriften einzuhalten. Aber dann haben sie ein neues Management geschickt, das war Anfang 1983. Ab da wurde nur noch gespart und die Besetzung der Anlagen reduziert.“

Und dann?

„Waren wir zu wenige.“


Janki Bai Sahu rafft ihren gelb-orangenen Sari und geht gemessenen Schrittes die vielleicht 100 Meter von ihrem Haus zum Teich mit den Büffeln. Sahu ist eine kleine, dicke Frau mit einer hellen, fast quäkigen Stimme. Normalerweise redet sie sehr schnell und sehr viel, aber als sie am Teich angekommen ist, zeigt sie bloß mit dem Finger hinunter und sagt: „Da drunter liegt das Gift.“

Sahu ist 38 Jahre alt, sie war acht, als das Unglück geschah, und wohnte weit weg von hier in einem anderen Teil von Bhopal. Vor 16 Jahren hat ihr Mann, sie waren noch recht frisch verheiratet, das Haus hier gekauft. So wie man das eben macht, wenn man eine Familie gründen will.

Sahu weiß nur aus Erzählungen von älteren Nachbarn, wie UCIL-Mitarbeiter hier irgendwann vor 1984 einige Meter tief die Erde aushuben, Plastikplanen auslegten und dann bald anfingen, seltsames Zeug in die Grube zu leiten. Die Grube nannten sie Verdunstungsbecken, und wenn der Monsun kam, füllte sich die Grube mit Regenwasser. Über die Jahre bildete sich so der Teich. Nun grasen die Büffel über dem ganzen Mist, und die Vögel picken Würmer.

Die Erinnerung ist in Bhopal eine kollektive, sie wandert von Mund zu Mund, ein wirklicher verlässlicher Zeuge ist sie nicht: Manches verblasst über die Zeit, manches wird übertrieben, abgeschwächt, verdreht. Die kollektive Erinnerung ergeht sich in Mutmaßungen, Schuldzuweisungen, Unschuldsbekenntnissen. Doch Boden- und Wasserproben haben ergeben: Da liegt Gift unter dem Teich.

Untersuchungen sowohl indischer Behörden als auch von Greenpeace International haben die Belastung des Bodens und des Grundwassers auf dem ehemaligen UCIL-Gelände und unmittelbar um das Gelände herum zum Beispiel an den einstigen Verdunstungsbecken wiederholt und zweifelsfrei dokumentiert. Giftiges Quecksilber findet sich dort, es finden sich Rückstände längst vergessener Insektizide wie Lindan und DDT, die mutmaßlich vor Beginn der Sevin-Produktion im Werk Bhopal verarbeitet wurden; das entdeckte Chloroform und Tetrachlormethan wiederum könnte ein Überbleibsel der Sevin-Produktion sein. Die restlichen Funde klingen nach einer üblen Altmetallsammlung: Blei, Nickel, Kupfer, Chrom, Cadmium. Art und Grad der Kontaminierung variieren, je nachdem, wo genau die Proben genommen wurden. Doch fast in allen Proben werden jegliche internationalen Gesundheits- und Umweltstandards verletzt.

Niemand, kein Mensch und kein Tier, sollte mit diesem Wasser aus diesem Boden in Berührung kommen. Geschweige denn es trinken.

Also haben sich die Leute zusammengetan aus den betroffenen Slums, die hier colonies heißen und schönfärbende Namen tragen wie „Blue Moon“. Man müsse klagen, hatte ihnen Sathyu Sarangi gesagt. Und zwar in den USA.

Sarangi ist Gründer und Leiter der Sambhavna Clinic, eines kleinen, fast idyllischen Krankenhauses mitten in Alt-Bhopal, das Menschen mit den Methoden der indischen Ayurveda behandelt, egal, ob ihre gesundheitlichen Probleme von der Gaskatastrophe oder der Wasserverseuchung herrühren.

Sathyu, wie ihn alle nennen, ist eine Art Lautsprecher für die Probleme der Bhopalis. Ein nicht unumstrittener. Wenn man zum Beispiel mit Abdul Jabbar redet, dem Chef der örtlichen Organisation BGPMUS, die sich um weibliche Bhopal-Geschädigte kümmert, sagt der: „Es sind nach der Katastrophe 1984 viele Leute von außerhalb gekommen, um hier als Helfer Karriere zu machen.“ Er nennt den Namen Sathyu nicht, der tatsächlich nicht aus Bhopal stammt, aber es gibt keinen Zweifel, dass Jabbar niemand anderen als Sathyu meint.

Es sind über die Jahre Friktionen entstanden unter den Helfern in Bhopal. Es geht ganz sicher um die Deutungshoheit über die Probleme dort, deren Ursachen und Beseitigung. Es geht, wenn man es nicht besonders gut meint mit denen, die sagen, dass sie es gut meinen: wohl vor allem auch um Aufmerksamkeit, letztlich um Geld. Die Sambhavna Clinic wird finanziert von der britischen Hilfsorganisation Bhopal Medical Appeal (BMA).

Abdul Jabbar hingegen sagt, er nehme kein ausländisches Geld an. Es gibt unter den Helfern nicht nur Meinungsverschiedenheiten über die richtige Art der Hilfe, sondern auch über die richtige Art der Finanzierung.

Abseits von internationalen Spenden hat es tatsächlich im Jahr 1989 eine Kompensationszahlung von Union Carbide gegeben: Der amerikanische Mutterkonzern zahlte 420 Millionen Dollar an die Gasopfer des Unglücks und die indische Tochtergesellschaft UCIL zusätzlich 50 Millionen Dollar, macht zusammen 470 Millionen Dollar. Der indische Staat fungierte als Treuhänder und zahlte eine Pro-Kopf-Opferentschädigung von 25.000 Rupien (heute umgerechnet 310 Euro). Von dem Geld wurde zudem ein anderes Krankenhaus gebaut, das Bhopal Memorial Hospital. Dort werden bis heute Gasopfer kostenlos behandelt, Wasseropfer hingegen nicht. Zur Verantwortung für den Gasunfall hat sich UCC mit der Kompensationsregelung faktisch bekannt, zur Verantwortung für die vorher entstandene Grundwasserverseuchung nicht.

Die Unterscheidung in Gas- und Wasseropfer führt bis heute auf der Seite derjenigen, denen nie eine Entschädigung gezahlt wurde, zu Missmut, ja Zorn. Janki Bai Sahu zum Beispiel sagt: Als sie ihren Namen hergegeben habe für die Klage in den USA, habe Sathyu ihr versprochen, der indische Staat werde auch ihr, der Wassergeschädigten, bald Geld geben. So viel wie den Gasgeschädigten einst, 25.000 Rupien. Sie aber habe nie Geld gesehen, sagt Sahu.

Die Anerkennung oder Nichtanerkennung als Opfer entzweit die Bürger von Alt-Bhopal, das Schicksal als weiterhin Betroffene eint sie mitunter aber. Denn die Stadt und der Bundesstaat Madhya Pradesh scheitern bis heute an einer elementaren staatlichen Aufgabe: Die Bürger verlässlich mit sauberem Wasser zu versorgen, insbesondere diejenigen, die in den Slums um das Katastrophenwerk von Bhopal herum leben, wo der Boden und das Grundwasser verseucht sind.

Oberirdisch liegen hier und da Wasserleitungen, sie füllen sich stundenweise, dann trocknen sie wieder aus, und überall wird wild abgezapft. Alle paar hundert Meter stehen an den Straßen auch Wassertanks, jeder so groß wie ein Ölfass. Alle paar Tage kommen Tankwagen vorbei und füllen sauberes Trinkwasser nach, mal kommen sie auch nicht, niemand kann es sicher vorhersagen. Wenn kein sauberes Trinkwasser da ist, nicht in den Leitungen und nicht in den Tanks, benutzen die Menschen wieder die alten Handpumpen. Und das verseuchte Grundwasser kommt wieder hoch.

„Wann“, fragt Janki Bai Sahu und hebt ihre helle Stimme im Klageton, „sind wir endlich an der Reihe?“

Dann stapft sie missmutig von dem Teich die paar Schritte zurück zu ihrem Haus, in dem sie mit ihrem Mann und den vier Kindern lebt. In gewisser Weise ist Janki Bai Sahu, deren Name auf jener Opferklage von Bhopalis in New York steht, auch nur die Frau eines geprellten Immobilienbesitzers. Der sich vielleicht einfach mal besser informiert hätte vorm Hauskauf.


Es ist nicht weit von der von der Fifth Avenue, Ecke 46. Straße, bis zur Park Avenue, Ecke 40. Kaum fünfhundert Meter, ein paar Minuten zu Fuß. Und doch trennt die Kanzleien Sharma & Deyoung einerseits und Kelley, Drye & Warren andererseits mehr als nur die Sichtweise auf eine einzelne juristische Frage. Es trennt sie eine ganze Anwaltswelt.

Die Kanzlei Sharma & Deyoung, die die indischen Kläger im Auftrag des britischen BMA vertritt, gratis und pro bono, ist eine Klitsche. Schicke Adresse zwar, Fifth Avenue, aber nur ein Büro im 17. Stock.

Die Kanzlei Kelley, Drye & Warren dagegen, die die Union Carbide Corporation als Tochterfirma von Dow Chemical vertritt, garantiert nicht gratis, ist ein Gigant: Mehr als 300 Anwälte arbeiten dort. Kelley, Drye & Warren wurde im Jahr 1836 gegründet, das ist eine echte lawfirm, eine mit Historie und Weltkonzernen als Klienten.

Zwei Partner kümmern sich bei Kelley, Drye & Warren um die Sorgen und Nöte von UCC: William C. Heck und William A. Krohley haben Erfahrung darin, amerikanische Firmen gegen Sammelklagen von Menschen zu verteidigen, die sich als Geschädigte betrachten. Heck und Krohley vertraten unter anderem mal einen einstigen Hersteller von Agent Orange bei Verfahren, die einerseits amerikanische Veteranen, andererseits vietnamesische Kriegsgeschädigte vor US-Gerichten angestrengt hatten, die allesamt unter den Spätfolgen des Einsatzes des dioxinhaltigen Entlaubungsmittels während des Vietnamkriegs litten.

In einem der typischen Hollywood-Justizfilme, die meist vom Sieg der Gerechtigkeit und der Moral handeln über die Gier und die Rücksichtslosigkeit von Konzernen, in einem Film wie „Erin Brockovich“ also wären Heck und Krohley dem Klischee nach eine Topbesetzung: als Anwälte der Bösen. Doch über Bhopal sind bisher nur mittelmäßige Dokumentarfilme gedreht worden, und Heck und Krohley machen auch nur ihren Job. Sie verteidigen das gute Recht, das jedem Unternehmen so selbstverständlich zusteht wie jeder Privatperson.

Vor New Yorker Gerichten gibt es bereits zwei Verfahren namens „Janki Bai Sahu et al against Union Carbide Corporation“. Das erste, „Sahu I“, wurde am 27. Juni 2013 nach neun Jahren Dauer endgültig beendet. Die drei Richter eines Berufungsgerichtes bestätigten die Abweisung der Klage von Janki Bai Sahu durch eine Vorinstanz. Die amerikanische UCC müsse, anders als in der Klage gefordert, die giftigen Hinterlassenschaften ihrer einstigen indischen Tochtergesellschaft UCIL im Boden und Grundwasser von Bhopal nicht beseitigen oder für deren Beseitigung aufkommen; ebenso müsse sie keinen Schadensersatz an die Klägerin zahlen oder Kosten für deren medizinische Versorgung tragen. Begründung: Es gebe keinen Beleg dafür, dass die indische Tochterfirma UCIL in Bhopal nicht vollkommen eigenständig und eigenverantwortlich gehandelt habe von der Mutter UCC. Wörtlich heißt es im Gerichtsbeschluss: „Sahu und viele andere, die in der Nähe des (ehemaligen) Geländes in Bhopal leben, mögen sehr wohl schreckliche und bleibende Verletzungen von einem völlig vermeidbaren Unglück davongetragen haben, für das jemand verantwortlich ist. Nach neun Jahren Verfahren und Beweissichtung zeigen jedoch alle Beweise, dass dieser Jemand nicht UCC ist.“

Aber wer ist es dann? Diese Frage mussten die New Yorker Richter nicht explizit beantworten. Doch sie folgten der Argumentation der beklagten UCC, wonach die indische Tochterfirma UCIL eigenständig und eigenverantwortlich handelte bei Bau und Betrieb der Sevin-Anlage in Bhopal, unabhängig von der Muttergesellschaft. Obwohl die bis zum Jahr 1994 mit 51 Prozent die Mehrheit der Anteile an UCIL hielt. Und obwohl die indische Produktionsstätte einer vorher gebauten UCC-Schwesteranlage in den USA gleicht. Und obwohl die in Bhopal unwidersprochen unter Anleitung amerikanischer Ingenieure errichtet wurde. Und obwohl UCC doch 1989 an die Gasopfer 420 Millionen Dollar Entschädigung zahlte (UCIL hingegen nur 50 Millionen) und damit die US-Mutter doch mindestens symbolisch die Hauptverantwortung für die Katastrophe in Bhopal übernahm. Das Dokument, in dem die Regelung festgeschrieben wurde, entband UCC jeder weiteren Verpflichtung und jeder Schuld für das Gasunglück. Doch wie kann es sein, dass die US-Mutter nicht auch für den lange vorher bereits bei der Sevin-Produktion entstandenen Giftmüll und dessen Beseitigung hauptverantwortlich ist?

Die Kompensationsregelung aus dem Jahr 1989 wurde bereits zwei Mal vom indischen Verfassungsgericht als rechtmäßig bestätigt, auch wenn verschiedenste indische Stellen immer mal wieder damit gedroht haben, die Regelung doch noch kippen zu wollen. Für den Fall hat UCC in der Vergangenheit mit der Drohung geantwortet, vermeintlich oder tatsächlich nicht an die Opfer ausgezahltes Geld zurückzufordern, und zwar mit Zinsen. Es geht um mehrere Hundert Millionen Dollar. Dass ein Großteil der Entschädigungssumme auf dem Weg von UCC in Amerika zu den Opfern in Bhopal irgendwo beim Treuhänder verloren gegangen ist, bei staatlichen indischen Stellen also, ist ein Gerücht. Aber ein ziemlich glaubwürdiges.

William C. Heck und William A. Krohley kommentieren den aktuellsten Gerichtsbeschluss nicht, obwohl sie doch gewonnen haben, wieder mal. Sie leiten die Emails, die man ihnen schreibt, an die Kommunikationsdirektorin von Kelley, Drye & Warren weiter, und diese leitet sie wiederum kommentarlos weiter an Tomm F. Sprick, einen pensionierten ehemaligen PR-Mann von Union Carbide, der heute in einer Art Nebenjob für UCC routinemäßig Pressemeldungen zu Bhopal-Gerichtsentscheidungen verschickt, wenn mal wieder eine gefällt wurde. Das passiert alle paar Monate.

Als die Vorinstanz im Jahr 2012 „Sahu I“ abwies, schrieb Sprick auf eine entsprechende Anfrage hin, UCC verzichte höflichst darauf, sich an einer Berichterstattung über Bhopal zu beteiligen. Nur zwei Sätze seien dem noch hinzuzufügen: „Wir begrüßen es, dass das Gericht die von UCC seit langem vertretene Position nochmals bestätigt hat. Der Beschluss zeigt eindeutig, dass UCC keine Verantwortung im Bezug auf das Gelände (in Bhopal) trägt, und er bekräftigt darüberhinaus, dass das Gelände sich im Besitz und im Verantwortungsbereich des Bundesstaates Madhya Pradesh befindet.“ Rajan Sharma, der Gratisanwalt der Gegenseite, gab noch nicht mal einen Kommentar dazu ab. Und die Frau, die den US-Zivilverfahren ihren Namen gab, Janki Bai Sahu, lebt weiter neben dem Teich und sagt, sie warte auf das versprochene Geld aus Amerika.

Daraus wird wohl nichts. „Sahu II“, das auf „Sahu I“ folgende Verfahren ähnlichen Inhalts, liegt derzeit ebenfalls in New York bei einem Gericht. Wann dessen Beschluss erfolgt, ist nicht bekannt. Aber alles andere als eine Bestätigung der Klageabweisung, wie sie bereits bei „Sahu I“ geschah, wäre eine Sensation. Damit wäre indirekt auch für Dow, den heutigen Besitzer von UCC, ein wesentlicher Sieg errungen: Von US-Gerichten würde dem Chemiegiganten mutmaßlich kein finanzieller Schaden mehr drohen wegen der UCC-Altlast Bhopal, die sich Dow zumindest symbolisch miteingekauft hat bei der Übernahme der Union Carbide Corporation im Jahr 2001. Und damit wäre im Nachhinein auch die Strategie von UCC juristisch bestätigt, sich mit der Entschädigungsregel und dem späteren Verkauf der indischen Tochter UCIL jeglicher Verantwortung in und an Bhopal zu entledigen.

Allein indische Gerichte würden sich dann noch mit der Sache beschäftigen. Allerdings straf- nicht zivilrechtlich: In Bhopal, wo vor vier Jahren die indischen ehemaligen UCIL-Führungskräfte wegen Totschlags verurteilt wurden, ist ein Verfahren gegen amerikanische ehemalige UCC-Führungskräfte anhängig, darunter den einstigen Vorstandsvorsitzenden Warren Anderson, der mittlerweile 92 Jahre alt ist. Seit den 90er-Jahren versucht das Gericht vergeblich, die Amerikaner vorzuladen, eine auch für die politischen Beziehungen zwischen den USA und Indien heikle Angelegenheit.

Nun hat sich das Gericht zumindest in einem Punkt durchgesetzt: Eine Vorladung ist auf dem Weg, allerdings nicht an Andersons Adresse, der bis heute zwischen seinen Häusern in Florida, den Hamptons und Massachusetts pendeln soll. Die Vorladung, die im März die indische Botschaft in Washington D.C. erreicht haben soll zum Weitertransport durch US-Ministerien, hier geht es schließlich um diplomatisch höchstsensible Post, ist an eine Anschrift in Midland, Michigan adressiert: die Zentrale von Dow Chemical. Ein Vertreter der Firma soll dem Gericht in Bhopal in diesem Sommer Frage und Antwort stehen in der Strafsache gegen Anderson und UCC. Die Anhörung haben die indischen Richter auf einen interessanten Tag terminiert: den 4. Juli, den amerikanischen Unabhängigkeitstag.

Doch ob das indische Gericht mit seiner Vorladung mehr erreicht als bloß symbolisch nach den eigentlichen Verantwortlichen für die Katastrophe von Bhopal weiter zu suchen, ist fraglich. 1992 hat es Anderson schon mal zum Flüchtigen erklärt und zur Fahndung ausgeschrieben, 17 Jahre später erst wurde vom indischen Staat offiziell ein Antrag an die USA gestellt, Anderson auszuliefern. Die USA lehnten ab. Damit war der Teil des Falles erledigt. Anderson war eh längst Rentner.

Wird Dow nun jemanden zur Befragung nach Bhopal schicken? Erst mal muss so eine Vorladung ja überhaupt auf dem amtlich korrekten Wege die Dow-Zentrale erreichen, und schon diesen bürokratischen Akt nutzte Dow gleich zur juristischen Selbstverteidigung: Dow zweifelt nun den Rechtsweg an, den das Stück Papier vom Richter in Bhopal bis zum Dow-Headquarter in Midland nahm. Juristische Spitzfindigkeiten haben sowohl UCC als auch Dow bestens über die vergangenen 30 Jahre hinweggeholfen. Und selbst wenn letztlich doch ein Firmenvertreter nach Indien entsandt würde, ließe sich leicht voraussagen, dass der Dow und UCC für nicht verantwortlich in Sachen Bhopal erklären würde. So wie es beide Firmen seit vielen Jahren tun.

Was noch bliebe, wären keine juristischen Fragen im engeren Sinne mehr, sondern eher moralische. Haften global operierende US-Wirtschaftsunternehmen nie für Fehlverhalten ihrer Tochterfirmen im Ausland – wenn sie einfach behaupten, die Tochterfirmen seien faktisch von der Mutter unabhängig gewesen? Ist es gerecht, dass ein US-Konzern einen anderen US-Konzern übernehmen kann, ohne auch die Verantwortung für Fehlverhalten dessen Tochterfirmen in der Vergangenheit mitübernehmen zu müssen? Und gilt das vor allem dann, wenn dieses Fehlverhalten in einem Land wie Indien geschehen ist, das den eigenen Bürgern offenkundig keine volle Rechtssicherheit garantieren kann?

Denn umgekehrt ist es ja so: Als vor vier Jahren die Bohrinsel Deepwater Horizon vor der amerikanischen Küste explodierte und sich in der Folge bis zu fünf Millionen Barrel Rohöl in den Golf von Mexiko ergossen, da wurde die britische BP hinterher von US-Behörden für Schäden an den amerikanischen Küsten in die Verantwortung genommen. BP musste seit 2010 schon mehr als 40 Milliarden US-Dollar an Straf- und Ausgleichszahlungen tätigen. Die Umweltzerstörung war immens und der Verlust an menschlichen Leben zwar tragisch, aber im Vergleich zu Bhopal überschaubar: Bei der Explosion der Deepwater Horizon starben elf Menschen.

Von dem Imageschaden, der solche Katastrophen begleitet, können sich Unternehmen indes nicht freikaufen. Dass er beträchtlich ist, ja geschäftsschädigend: Das wollte Amnesty International (AI) von der diesjährigen Dow-Hauptversammlung im Mai diskutieren und in einer Resolution der Aktionäre gegenüber der Geschäftsleitung von Dow bestätigen lassen. Letztere jedoch verhinderte, dass auch nur über den Antrag zu der Resolution gesprochen wurde. So konnte der Dow-Vorstand ungestört die Steigerung des Konzerngewinns im ersten Quartal 2014 verkünden: 14 Prozent.

Amnesty will in diesem Jahr bei der neugewählten indischen Regierung und beim Umweltschutzprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) Lobbying betreiben dafür, dass nach 30 Jahren endlich eine umfassende Analyse der Kontaminierung des ehemaligen UCIL-Geländes in Bhopal und dessen Umfeldes durch die Experten des UNEP durchgeführt werden soll.

Doch Bhopal gehört nicht zu den AI-Hauptkampagnen des Jahres, die widmen sich anderen Themen: Amnesty plädiert gegen Folter und Todesstrafe weltweit und für sexuelle Selbstbestimmung, prangert die Menschenrechtslage im Südsudan und in der Zentralafrikanischen Republik an, fordert Rechte für Flüchtlinge und Migranten überall auf dem Globus. Die Welt ist groß, die Probleme in vielen Ländern auch. Bhopal steht nicht oben auf der Agenda.


Es war noch mal ein großer Auftritt für Julian Assange. Am 27. Februar 2012, knapp vier Monate, bevor der Gründer der Enthüllungsplattform Wikileaks in die Londoner Botschaft Ecuadors flüchtete, wo er sich heute noch aufhält, trat er vor die Presse. Es war ebenfalls in London, im Frontline Club, und es ging diesmal nicht um seine eigene Person und die schwedischen Ermittlungen gegen ihn wegen des Verdachts auf Sexualstraftaten. Julian Assange präsentierte eine erste Auswahl aus angeblich mehreren Millionen Emails der privaten US-Sicherheitsfirma Stratfor aus den Jahren 2005 bis 2011, welche offenbar die Hackergruppe Anonymous erbeutet und dann an Wikileaks weitergeleitet hatte.

Die Enthüllung war vielleicht auf den ersten Blick nicht so spektakulär wie etwa die von Wikileaks zu den Kriegen im Irak und Afghanistan. Doch die abgeschöpfte Stratfor-Kommunikation mit ihren Kunden offenbarte eine dunkle Seite moderner Unternehmensstrategie – wie sich Konzerne von einer Art privatem Nachrichtendienst über die Aktivitäten ihrer Gegner informieren ließen.

Einer der Kunden von Stratfor war ganz offensichtlich Dow Chemical. Und der Auftrag lautete augenscheinlich: Stratfor sollte sämtliche Aktivitäten von Bhopal-Aktivisten weltweit überwachen.

Die Hunderten von Emails, die auf Wikileaks dazu veröffentlicht wurden, zeigen eine Art Newsletter, der von Stratfor und einer Partneragentur namens Allis Information für Dow regelmäßig zusammengestellt worden sein soll. Noch die kleinsten Aktionen von Hilfsorganisationen wie dem Bhopal Medical Appeal wurden aufgezählt und eingeschätzt in ihrer potenziellen öffentlichen Wirkung. Man könnte es systematische Feindaufklärung nennen, wenn auch dazu keine allzu düsteren geheimdienstlichen Methoden angewandt wurden: Stratfor schöpfte schlicht die Informationen ab, die die betroffenen Gruppen ohnehin im Internet selbst öffentlich gemacht hatten. Irgendjemand bei Stratfor schien einfach alle paar Tage das Wort „Bhopal“ zu googlen und die neuesten Einträge an Dow respektive dessen Tochterfirma UCC weiterzugeben.

Einer der regelmäßigen Empfänger war ausweislich der Emails: Tomm F. Sprick, der Mann, der für UCC von einer Union-Carbide-Mailadresse aus Pressemitteilungen verschickt. An dieses Mailkonto gingen Nachrichten von Stratfor raus, doch peinlicherweise ließ sich Sprick diese zudem offenkundig auch auf sein privates Mailkonto bei Yahoo schicken, eine entsprechende Yahoo-Adresse mit Spricks Namen jedenfalls taucht in den Wikileaks-Files über 400 Mal in den Jahren 2010 und 2011 auf.

Für Dow war die Wikileaks-Enthüllung mindestens ein PR-Desaster. Man hatte dem Feind neue Munition zur Empörung gegeben. Und das nur wenige Monate vor dem Großereignis, das Dow als grünes Unternehmen der Nachhaltigkeit im hellsten Licht erstrahlen lassen sollte, den Olympischen Spielen in London 2012. Dow ist ein Großsponsor, der aktuelle Vertrag mit dem IOC läuft noch bis 2020. Nun hieß es aber erst mal sogar bei der so zurückhaltenden BBC drastisch: „Die Altlast Bhopal vergiftet die Olympischen Spiele“.

Denen in London hatte Dow einen Kunststoffvorhang fürs dortige Olympiastadion spendiert, auf den die britischen Ausrichter aus Kostengründen erst verzichten wollten – spätestens nach den Wikileaks-Enthüllungen wenige Monate vor den Spielen (da aber hing der Vorhang leider schon) hätten sie wohl auch aus Imagegründen gern darauf verzichtet. Dow hatte seinen Feinden also auch noch einen hochsymbolischen Ort für ihre angekündigten Proteste geschenkt. Sie wollten den Konzern an seine – aus ihrer Sicht zumindest moralische, wenn nicht gar juristische – Verpflichtungen gegenüber Bhopal erinnern.

Die Demonstrationen waren dann am Ende aber doch nicht so gut besucht, und sobald die Wettbewerbe begannen, berichteten die internationalen Medien lieber über Sport. Worüber auch sonst bei Olympischen Spielen.


Aber wer soll denn nun in Bhopal saubermachen? Vor zwei Jahren sah es kurz so aus, als ob Deutsche damit anfangen würden. Die bundeseigene, aber privatwirtschaftlich verfasste Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) verhandelte drei Monate lang mit dem Bundesstaat Madhya Pradesh über den Abtransport und die Beseitigung von knapp 350 Tonnen Giftmüll, der auf dem ehemaligen UCIL-Gelände oberirdisch in einer Halle lagert. Um die weit umfangreichere Sanierung der Böden und des Grundwassers ging es zunächst nicht, womöglich 30.000 Tonnen Erdreich wären das, so Schätzungen von Umweltschützern. Die Deutschen hätten jedoch auch dafür das Knowhow und sogar die mobile Technik gehabt. Die Inder nicht. Vor allem hätten sie wohl nicht das nötige Geld gehabt.

Dafür hat Indien Politiker wie den 84-jährigen Babulal Gaur, den im Bundesstaat Madhya Pradesh zuständigen Landesminister für die Folgen der Bhopal-Katastrophe. Wenn Gaur unter die Leute geht oder die Leute zu ihm kommen und protestieren, was angesichts der Probleme der Bhopalis häufiger vorkommt, dann verspricht er: Er kümmert sich. Je mehr Kameras und Journalisten da sind bei solchen Gelegenheiten, umso größer fallen Gaurs Versprechungen meist aus. Deren Einhaltung ist dann eine andere Sache.

Womöglich aus diesem Geist heraus verkündete Gaur bereits während den Verhandlungen mit den Deutschen gegenüber indischen Journalisten, was noch längst nicht beschlossen war: Die GIZ würde – auf Kosten von Madhya Pradesh – die ersten 350 Tonnen Giftmüll aus Bhopal abtransportieren und in Hamburg verbrennen. Die Veröffentlichung traf die GIZ offenkundig unvorbereitet, deren Pressestelle in Eschborn dementierte sofort: Wenn überhaupt ein Vertrag zustande käme, würde erst danach in einer europaweiten Ausschreibung nach dem besten Ort zur Beseitigung des Giftmülls gesucht. Bhopal ist ein Reizwort, ein Angstbegriff, an den sich auch 30 Jahre später in Deutschland immer noch die Menschen erinnern. Und deutsche Umweltorganisationen meldeten sich gleich kritisch zu Wort: Von globalem Giftmülltourismus war die Rede, und dass die Finanzierung durch indische Stellen indirekt Dow aus der Pflicht entließe, für die Sünden der Union-Carbide-Vergangenheit aufzukommen.

Die damals neue GIZ-Chefin, die ehemalige baden-württembergische Umweltministerin Tanja Gönner, verteidigte zunächst in Interviews die Verhandlungen mit den Stellen in Madhya Pradesh: „Wenn wir es nicht tun, dann lassen wir zu, dass weiterhin dort eine solche Umweltverschmutzung stattfindet und den Menschen nicht die Chance gegeben wird, Stück für Stück voranzukommen.“ Im Juni 2012 aber ließ Gönner den Deal platzen, Gründe wurden nicht genannt, doch das öffentliche Echo in Deutschland auf die Entsorgungspläne dürfte eine wichtige Rolle gespielt haben: Warum wir, warum bei uns?

Die GIZ teilte auf ihrer Website lapidar mit: „Nach dreimonatigen Vertragsverhandlungen um die Entsorgung von 350 Tonnen mit Pestiziden kontaminierter Erde aus dem indischen Bhopal zwischen der GIZ und der indischen Seite hat die GIZ heute ihr Angebot zur Entsorgung zurückgezogen. Die umfangreichen Verhandlungen konnten in dem Zeitraum nicht zu einem Ende geführt werden. Damit wuchsen die Unsicherheiten auf beiden Seiten, auch in der deutschen Öffentlichkeit.“

Mittlerweile hat Madhya Pradesh einen alten Plan wieder hervorgeholt, die 350 Tonnen Giftmüll selbst und im eigenen Bundesstaat zu entsorgen, in einer Giftmüllverbrennungsanlage in Pithampur, knapp 200 Kilometer von Bhopal entfernt. Doch nun rührt sich in Pithampur Widerstand, örtliche Bauern drohen mit Protesten. Sie fürchten um ihre Felder und Tiere, die den Abgasen des Bhopal-Abfalls ausgesetzt wären. Wirklich niemand will das Gift aus der Vergangenheit haben.

Zunächst soll aber eine Testverbrennung klären, ob die Anlage in Pithampur überhaupt taugt zur Beseitigung des Union-Carbide-Giftmülls, seit dem Jahr 2010 ist der Testlauf im Gespräch. Um mögliche Demonstrationen zu verhindern, hat der Bundesstaat nun beschlossen, den eigenen Bürgern gar nicht erst zu verraten, wann dieser Test stattfindet.


Es sieht fast so aus, als hätte die Natur sich ihren Platz zurückerobert, oberflächlich zumindest. Ein Wildschwein hetzt durchs mannshohe Gestrüpp zwischen kargen Bäumen und Stechpalmen hindurch, hinter ihm her jagt lauthals bellend ein Rudel streunender Hunde, das sich offenbar in seiner Mittagsruhe gestört fühlt. Ansonsten ist es ruhig, totenstill, wie auf einem Friedhof.

Die drei älteren Männer, die das einstige Gelände der Union Carbide India Limited vor unbefugten Eindringlingen sichern sollen, schlafen auf ihren Metallliegen, die sie im Schatten vor der einstigen Krankenstation aufgestellt haben. Hier müssen am Morgen des 3. Dezember 1984 die Leichen zu den Haufen aufgestapelt worden sein, an die sich der ehemalige Vorarbeiter Sahjad Khan bis heute erinnert.

Die Wachleute wachen dann auch wirklich mal auf, blinzeln erst die Fremden an und dann einander: Wer steht auf, kontrolliert die Gültigkeit des Passierscheins der Besucher und führt die auf dem Gelände herum? Der Rangniedrigste, zählt man die Striche auf den Schulterabzeichen. Für die Führung kassiert er 1000 Rupien Schmiergeld, umgerechnet zwölf Euro.

Es ist heiß, 40 Grad im Schatten, die Mittagssonne scheint erbarmungslos von einem tiefblauen Himmel auf die weite freie Brachfläche zwischen den verfallenen Betongebäuden und den verrosteten Industrieanlagen mit ihren turmhohen Tanks und verwirrenden Leitungssystemen. In der ehemaligen Kantine döst eine weitere Gruppe Streuner, in der einstigen Verpackungshalle stehen noch alte braune Glasbehälter in einem verwitterten Board, die Schrift auf den Etiketten ist kaum mehr lesbar, das Giftzeichen aber deutlich.

An der einzigen halbwegs intakt scheinenden Halle am Rande des Geländes sind die Rolltore heruntergelassen, Vorhängeschlösser sichern die Tore. Hinter denen lagert der Giftmüll, den die GIZ mal entsorgen wollte. Die Schlösser bekäme jeder halbwegs versierte Fahrraddieb geknackt.

Der Wachmann deutet auf seine nicht vorhandene Armbanduhr, Zeit zu gehen nach etwas mehr einer halben Stunde, aber Vorsicht beim Rückweg durchs Gestrüpp: „Hier gibt es jetzt auch wieder Schlangen“, raunt der alte Mann.

Dann schlürft er zurück zu seiner Liege vor der einstigen Krankenstation und legt sich zu seinen beiden Kollegen, um weiterzuschlafen. Im Schatten einer Vergangenheit, die nie aufgehört hat, in Bhopal Gegenwart zu sein, Tag für Tag, seit 30 langen Jahren.

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