ONLINE.

Eigentlich wollte ich hier nichts mehr schreiben. Oder mir jedenfalls vorher sehr gut überlegen, was hier noch stehen könnte. Wie man sieht respektive sehen wird: Das hat dann ja wohl nicht ganz geklappt. Aber zunächst zu den Gründen, warum es mit mir und dem Bloggen nicht geklappt hat. Es gab zwei.

Erstens hab ich schon nach wenigen Tagen Blog-Schreiben gemerkt, dass die Formfreiheit, die ein Blog doch eigentlich zu besitzen scheint, in meinem Fall zumindest keine blieb. Dachte vorher, ich schreib an einem Tag mal eine Kritik über irgendwas Gesehenes, Gehörtes rein, am nächsten eine mir wesentlich erscheinende Alltagsbeobachtung, am übernächsten vielleicht eine erlebte Szene, am überübernächsten womöglich einen auf der Straße oder bei einer Party abgehörten Dialog, am überüberübernächsten dann eine möglichst aus den Fingern gesaugte These. Zeugs halt, aber vielfältiges Zeugs. Tatsächlich aber stellte sich heraus, dass die vermeintlich unbeschriebene Form des Blogs (bei mir zumindest, aber bestimmt nicht nur bei mir) eine fatale Tendenz zum Meinungenhaben und Meinungenproduzieren besitzt. Das kommt vermutlich daher, dass man einen Blog leicht als die erweiterte Form eines Statusupdates begreifen kann. Problem: Ich will gar keine Meinungen haben. Meinungen, da bin ich mir relativ sicher, sind die Pest des digitalen Zeitalters (was, hehe, auch schon wieder eine Art Meinungsäußerung ist, weil sie hier nicht weiter belegt ist). Meinungen, auch da bin ich mir relativ sicher, sind außerdem der Untergang der Sorte Journalismus, den ich gut und wesentlich finde. Meinungen werden im Journalismus übrigens auch deswegen heute so übermäßig produziert, weil sie so billig zu haben sind: Meinungen kosten keine Recherche, sie kosten keine Geduld, sie kosten keine Mühe, sie kosten keine interkontinentalen Flüge und Hotelübernachtungen, sie kosten keine Wochen, Monate, Jahre Ausharren, Rumkauen, Sturbleiben auf womöglich einem einzigen Thema. Und das Beste an Meinungen ist: Jeder Vollidiot kann unendlich viele davon haben. Ich hingegen möchte kein Vollidiot mehr sein, und deshalb möchte ich auch möglichst wenige Meinungen haben. Was nicht ganz einfach ist. Aber einen Versuch wert. Meinungen, finde ich, bedürfen der Expertise. Nicht bloß einem Empfinden. Lasst die Experten sprechen und die Ahnungslosen schweigen. Ich gebe hiermit zu: Ich habe von erstaunlich vielen Dingen absolut keinen Schimmer.

Zweitens hab ich schon nach wenigen Tagen Blog-Schreiben gemerkt, dass ich anfing, auf meine eigene Statistik zu starren. Was wurde am häufigsten angeklickt, was ergab die meisten Leser? Das, was doch offenbar als Dienstleistung eines Providers an seine Nutzer gedacht ist, in diesem Fall eines Blog-Schreibers, verwandelte sich recht unmittelbar in eine Geißel: Du willst ja gelesen werden, also fängst du an, dir anhand von Kleinststatistiken Theorien zurechtzulegen, was wohl gelesen werden wird – und was nicht. Man richtet sich als Schreiber unter diesen Bedingungen erstaunlich rasch selbst zu. Ehrgeiz und anderer Ego-Scheiß lassen dich Form und Inhalt wechseln. Du machst dich marktfähig, marktgängig. Du machst dich beliebt (oder versuchst es zumindest). Das Gute am alten Journalismus aber ist, so stellt man dann noch mal fest: Man hat keine Ahnung, von wem man gelesen wird, und schon gar nicht, von wie vielen (für die Feuilletons: von wie wenigen). Das Gute im alten Journalismus nämlich ist, dass man als Schreiber zunächst mal vor allem sich selbst, dann einem Redakteur oder einer Redakteurin, schließlich einer Publikation verpflichtet ist. Wer für die Leute schreiben will, weiß, wo man das am besten tut. Wer für sich schreiben will (und womöglich einen höheren Zweck, für die Wahrheit zum Beispiel, die Erkenntnis, vielleicht auch nur den Spaß), der kümmert sich eigentlich nur darum, dass das eigene Zeug gut ist und möglichst noch besser wird, nachdem es ein Zweiter überarbeitet hat. Und dass es vor allem erscheint. Ein Blog hingegen wird nicht redigiert. Und er wird dadurch garantiert nicht besser.

Zur Wahrheit also, und die ist kein Spaß, denn der Anlass dieses Textes ist letztlich ein ganz anderer, als das bis hierhin Geschriebene vermuten ließe (so was immerhin kann man nur in einem Blog machen: so lange das eigentliche Thema verschweigen). Aus dem Off also und der Mittagspause: Ich bin seit gestern nach langer Zeit wieder im Emailkontakt mit einer Ärztin im Irak. Falludscha ist das Thema, es tauchte hier schon mal im Blog auf, es ist eines der Themen, auf denen ich seit Jahren ausharre, rumkaue, bei dem ich stur bleibe. Die Ärztin war diejenige, die als Erste davon berichtete, dass in Falludscha seit 2004 extrem viele Kinder mit Geburtsfehlern auf die Welt kämen. Diese Frau arbeitet auf der Kinderstation des örtlichen Krankenhauses, die Kinder sind ihre Patienten, sie hat als Ärztin mehrere Studien durchgeführt, und ihre Beobachtungen haben andere Studien ausgelöst; auch solche, die zu anderen Ergebnissen kamen als die der Ärztin. Genaueres bitte in den Texten nachlesen, die ich dazu geschrieben habe. Ich weiß bis heute nicht, was die Wahrheit ist, wenn es um diese Kinder geht.

Die Ärztin schreibt mir nun aber gestern, dass sie seit drei Monaten auf der Flucht ist und seit drei Monaten nicht mehr in ihrem Krankenhaus war. Der Grund dafür ist, dass die radikalislamischen Truppen der ISIS (von der sich mittlerweile sogar Al-Qaeda losgesagt hat) die Stadt Falludscha seit Dezember besetzt halten; und dass die Stadt deswegen seit Januar von Einheiten des regulären irakischen Militärs beschossen wird. Nicht mit der Wucht, mit der vor genau zehn Jahren amerikanische Truppen Falludscha angriffen. Aber seit Januar, so die Ärztin (und diese Zahlen sind in etwa auch offiziell bestätigt), sind durch die Kämpfe in Falludscha etwa 1000 Zivilisten verwundet worden und mehrere Hundert gestorben. Wo sich die Ärztin genau befindet, hat sie mir nicht geschrieben. Nur dass sie mit ihrer Familie, die insgesamt 18 Mitglieder hat, in drei Zimmern irgendwo im Irak haust. Weit weg von ihren Patienten.

Ich habe der Ärztin heute Morgen bloß eine Frage gemailt: “Is there anything we can do from here?”

Ihre Antwort kam etwa eine Stunde später: “I am not sure, maybe as a media you can help through showing the people’s suffering and the army’s crimes on civilians.”

Aufmerksamkeit zu schaffen: Das fand ich immer etwas kläglich, wenn man das als Journalist für seine Aufgabe hält. Dafür gibt es zum Beispiel Menschenrechtsorganisationen, die können das besser. Aber vielleicht gibt es ja für so was auch so einen Blog wie den hier. Dachte ich eben, als die Mittagspause begann. Jetzt ist sie zu Ende.

Die Recherche geht weiter.

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