Sherlock.

Nichts ist, wie es scheint: Jetzt weiß ich endlich, warum ich „Sherlock“ so scheiße finde. Nichts ist, wie es scheint: Das ist einer der ältesten Tricks der Geschichtenerfinder, und es ist ein unangenehmer schon deshalb, weil er meist mit so einem grauenhaft wissenden Raunen vorgebracht wird. Der Erzähler besitzt da eben nicht nur seinen immer schon konstitutiven Wissensvorsprung vor seinem angenommenen Publikum (Leserschaft, Zuschauerschaft, etc.), er teilt es dem auch groß und breit mit – total unsympathisch. Schlimmer noch: Nichts ist, wie es scheint, dieser Trick ist deshalb auch so eklig, weil das ihn umrahmende Raunen ja bloß bemäntelt, dass der Trick ganz funktional eingesetzt wird, nämlich zum Spannungserhalt, zur bloßen Verlängerung des Erzählens, zum Aufschub einer wirklich endgültigen Auflösung – deshalb auch ist dieser Trick vermutlich so beliebt im seriellen Erzählen. Wenn nichts fix ist, kann es immer weitergehen.

Nichts ist, wie es scheint: Was immer auch unter dieser Prämisse erzählt wird, steht unter einem Vorbehalt; der Geschichtenerfinder legt sich nicht fest, er hält sich bei jeder Entscheidung mindestens ein Hintertürchen offen, eher sogar viele, denn alles könnte auch anders sein, nein, es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit alles anders. Aber warum bekommt man dann überhaupt erzählt, was offenbar stets nur eine erste und vor allem falsche Version der Geschehnisse ist; die Wahrheit, mein Freund, kommt erst später raus, aber gibt es denn überhaupt noch eine letztgültige Wahrheit in diesem Erzählmodus? Und ist das nicht alles eine buchstäbliche wahnsinnige Zeitverschwendung?

Nichts ist, wie es scheint: Eben, dieser Erzählmodus ahmt den Denkmodus des Paranoiden nach, bedient sich dessen Gewissheit, dass dunkle Mächte im Hintergrund stets die Fäden ziehen, die uns eine Lüge nach der anderen servieren, weil, ja, wieso eigentlich? Na, es gibt doch immer böse Interessen, die die Wahrheit verschleiern müssen, zu ihrer Durchsetzung. Ach ja? Wieso denn eigentlich? Danach fragt das Paranoide im Zweifel gar nicht, ihm langt die Gewissheit, belogen zu werden: Wir sind doch immer die Dummen; wir sind nur Schachfiguren in einem größeren Spiel; wir werden doch immerzu nur verarscht.

Einschub: Ja, es war ein großer Spaß damals in den 90er-Jahren, im Hauptseminar über zeitgenössische amerikanische Literatur den Topos der Great American Paranoia bei DeLillo und Pynchon zu studieren. Nach dem 11. September 2001 jedoch wäre das nicht mehr so spaßig gewesen. In dessen Folge schien ja die Paranoia aus den Randbereichen der Gesellschaft und dem Fiktionalen in den Mainstream und die nonfiction zu wandern, gar Besitz von beidem zu ergreifen, schlimmer noch, Paranoia schien zur Entscheidungsgrundlage von politischem Handeln zu werden – oder ist diese Behauptung selbst schon wieder paranoid? Und die gigantische Echokammer für die nonfiktionalen paranoiden Erzählungen, für die großen und kleinen Verschwörungstheorien also, wurde das Internet. Es hat in seiner Verstärkerfunktion mindestens zur Verbreitung der Verschwörungstheorien ungemein beigetragen und dem paranoiden Denkmodus ein Forum gegeben und ein Kommunikationstool. Früher, so stellt man sich das ja vor, saßen die armen paranoiden Seelen alleine da und raunten die eigene Tapete voll, schlimmstenfalls bloß die sogenannten Stammtische, und nun wurden sie im Internet sichtbar, lesbar, unüberhörbar und darüber hinaus sogar erstmals miteinander vernetzt. Der Chor der Verschwörungstheoretiker singt laut und schlecht: Ob das Internet gar Paranoia erst produziert, lässt sich nicht seriös behaupten, die Wirkungsforschung ist halt stets eine furchtbar komplexe Wissenschaft. Und das Schlimmste heute an Edward Snowdens Enthüllungen ist neben ihrem Inhalt – also der Beschreibung der Praktiken von Geheimdiensten – die Wirkung dieser Enthüllungen auf das paranoide Denken: Es findet sich nicht nur bestätigt erstmals, es erschaudert genüsslich darüber, dass seine kühnsten, bescheuertsten, irrsten Annahmen und Theorien sogar übertroffen scheinen.

The game is on: Alles ist nur ein Spiel, und also endlich zu „Sherlock“. The game is on: Das sagt der so krankhaft spielsüchtige Sherlock wie befreit, als er in Magnussen endlich wieder einen ebenbürtigen Gegenspieler bekommt in Folge 3 von Staffel 3. Seitdem er, Sherlock, seinen Widersacher Moriatti erschossen hat, bevor er dann seinen eigenen Suizid inszenierte mit dem Sprung vom Dach, fehlt ihm ja ein echter Widerpart. Der Medienzar Magnussen, der so unerträglich offensichtlich nach den übelsten Verschwörungstheorien über Rupert Murdoch modelliert ist als Figur (übrigens mit einem ziemlich offensichtlichen xenophoben twang: Großbritannien im Griff eines ausländischen, höchstens naturalisierten Fremden, statt aus Australien kommt dieser Medienzar hier eben aus Skandinavien), Magnussen also hat gegen wirklich jeden im Land etwas in der Hand, er ist gleichsam ein Ein-Mann-Geheimdienst mit einer Armee aus Zeitungen, und Erpressung ist sein Geschäftsmodell respektive sein modus operandi zu Durchsetzung und Erhalt seiner Macht. Und bei jedem Menschen, dem Magnussen begegnet, beginnt sein computergleiches Hirn zu rattern: Wo ist sein pressure point, wo ist seine Schwachstelle?

Bei Sherlock Holmes rattert es da gewaltig in Magnussens Kopf, doch immer wieder taucht ein Name auf, John Watson. Das aber ist noch immer das schwarze Loch, das tote Zentrum, die große Unbekannte der Serie „Sherlock“: Was findet Sherlock an Watson? Warum sollte ein Mensch, der keine wesentlichen Gefühle besitzt, besonders nicht für andere Menschen, dem Leben und Tod nur ein intellektuelles Spiel ist – wieso sollte so einer etwas für jemanden wie Watson empfinden? In der zweiten Folge der aktuellen Staffel, der Hochzeitfolge also, tat die Serie so, als wolle sie die Frage beantworten, tat aber genau das nicht. Außer mit der beschissenen Ausrede, dass Sherlock neugierig sein könnte auf das ihm Fremde: Gefühle. Aber für Watson? Die ganze Existenz dieser Serie hängt letztlich an der Nichtklärung des Verhältnisses seiner beiden Protagonisten, und diese Nichtklärung ist ein weiteres eher konventionelles handwerkliches Mittel zum Aufschub, ein nichtparanoides. Doch es ist ein ständiger Quell nicht so sehr von spannender Ungewissheit. Es nervt bloß. Weil diese Beziehung von beiden Seiten aus komplett unlogisch ist – innerhalb einer Serie, die mit der Figur Sherlock ständig Logik (und Schlussfolgerungenziehen) als ihre eigenes Konstruktionsprinzip behauptet.

Nichts ist, wie es scheint, und keiner ist der, der er behauptet zu sein: Watsons frisch angetraute Ehefrau soll eine dunkle Vergangenheit als CIA-Killerin haben? Es ist die bislang vielleicht lächerlichste Volte in einer Serie, die einem beständig mit dem Unwahrscheinlichsten kommt. Übertroffen wird diese Volte dann nur noch vom Schluss von Folge 3, Staffel 3: Der tote Moriatti erscheint auf allen Bildschirmen Großbritanniens. Ist er also gar nicht tot, so wie Sherlock ja gar nicht tot war? Hat Moriatti irgendeinen Trick angewandt, und Sherlock dachte bloß, er habe ihn erschossen? Oder hat Sherlock seinen ärgsten Widersacher damals auf dem Dach vielleicht sogar verschont – um eben den zu behalten und nicht Gefahr zu laufen, sich nach dessen Ableben selbst zu Tode zu langweilen? Oder ist Moriatti wirklich tot und hinter dessen plötzlicher Bildschirmpräsenz steckt ein Dritter, entweder ein alter oder neuer Widersacher? Magnussen vielleicht sogar, den Sherlock auch vielleicht gar nicht erschossen hat, absichtlich oder unabsichtlich? STECKT WOMÖGLICH HINTER ALLEM ALLEIN SHERLOCK SELBST, SO WIE DIE SCHWARZE POLIZISTIN ES IMMER SCHON BEHAUPTET HAT?

Diese Fragen sollen einen nun also noch mindestens ein ganzes Jahr beschäftigen. Bis die in Auftrag gegebene Staffel 4 womöglich beginnt; vielleicht aber dauert es wie von Staffel 2 zu Staffel 3 ja sogar zwei Jahre? Es ist lächerlich.

The game is on: Die ganze Krux von „Sherlock“ ist, dass diese Serie als paranoides Spiel konstruiert ist, sich aber weder dazu eindeutig bekennt, noch dies ironisiert. Sie hat einfach gar keine Haltung, weder zur Wirklichkeit (mit der sie ja den Schauplatz teilt, das heutige Großbritannien) noch zu ihrer Verschwörungstheoriehaftigkeit. Es könnte sein: Diese Serie operiert ausschließlich im Konjunktiv, und das macht sie nicht nur unbefriedigend anzuschauen. Es ist noch schlimmer: Die paranoidesten Verschwörungstheoretiker können mit ihr argumentieren, sie sei die modernste mögliche Serie, weil sie, haha, genau die Wirklichkeit abbilde, wie die sie betrachten, aus ihrer paranoiden Perspektive – nichts ist, wie es scheint.

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