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Es gibt in München kein Internet. Also bei mir. Und der Handyempfang ist auch sehr schön schlecht. So als wollte Vodafone einem noch mal durch die Blume mitteilen, was man ohnehin dank des technischen Sachverstandes echter Experten bereits wusste: Wegen Vodafone hätte 4G nicht erfunden werden müssen, Vodafone hätte auch E gereicht. Vodafone, so die Vermutung, will seine Kunden davor schützen, übers Monatspaket rauszusurfen. So spart sich Vodafone Serverkapazitäten und spart den Kunden Geld. Vodafone, falls du das liest: Hör doch einfach auf, besser wissen zu wollen, was gut für mich ist. BAU DEIN SCHEISSNETZ AUS.

In München kann man deshalb folgende Dinge sehr gut tun, zu denen man in Berlin kaum kommt, wegen dieses Internets und überhaupt den Sachen, die man dort machen könnte, hall-oh-oh-oh, KONJUNKTIV, aber man macht sie dann ja auch wirklich … München also nervt einen auf absolut angenehme Weise nicht mit irgendeinem Überangebot an Freizeitmöglichkeiten, die ein halbwegs vernunftbegabter Mensch wahrnehmen wollen würde. Deshalb kann man in München zum Beispiel super: Lesen und Schreiben vor allem; außerdem früh Schlafengehen, denn München belästigt einen auch nicht nur nicht mit langen Ladenöffnungszeiten, es kommt einem auch nicht blöd mit guten Bars (das Schumann’s, man ahnt es, ist auch nicht mehr das, was es mal blabla, seitdem lalala, und außerdem war es auch früher schon schubidu); dementsprechend läuft Frühaufstehen in München auch gaaanz klasse; und hätte man was für die Natur übrig, und wer hätte das nicht nicht, also mit klarem Kopfe, dann könnte man, aber wie gesagt: nein. Sport muss man ja nicht im Freien treiben, da atmete man eh nur den Tieren die schöne frische Luft weg.

Seriengucken kann man in München auch ganz vorzüglich. Man unterbricht sich selbst nämlich in München erstens nicht den halben Tag über mit Plänen für den Abend; Pläne für den Abend sind, genauso wie die Natur, ja nur in der Möglichkeitsform etwas uneingeschränkt Tolles; realisiert man sie erst mal, die Pläne, kriegt man davon typischerweise Kopfschmerzen, spätestens am nächsten Morgen, und auch wenn man einen ganz wunderbaren Abend hatte vor der Nacht zwischen dem Morgen und den Kopfschmerzen, droht dann ja bald schon wieder der nächste Abend, und das fördert auch wieder nur das Plänemachen, und am Ende kommt man vor lauter Plänen und Abenden zu gar nichts mehr. Zweitens aber muss ich zum Beispiel mir die Serien fürs Gucken in München vorher auf die Festplatte laden, weil, siehe oben: Durchs Handy würden ja auch schlecht paar Gigabyte HD passen, selbst wenn das Handynetz schneller wäre. Man würde bloß alle paar Minuten eine SMS an Vodafone schreiben, ja, ich möchte noch mal 500 MB kaufen, und deren gesammelter Inhalt übersetzt würde bedeuten: Man zahlte zirka 100 Euro für die monatspaketüberschreitende Schneckenübertragung einer Serienfolge, deren Inhalt man für bloß 2,99 (SCHNÄPPCHEN!) bei iTunes gekauft hatte vorher. Meine Mathe-Abinote war zwar nur 3+, aber das lag nicht an einer irgendeiner Logikschwäche. Die Zahlen waren häufig einfach im Weg. Aber ungefähr 102,99 Euro, das kapiere ich schon, ist jetzt kein Sonderangebot.

Vorgestern Abend lief die dritte und letzte Folge der dritten Staffel der britischen Serie „Sherlock“, und die könne man sich jetzt runterladen, schrieb vorgestern Nacht dann iTunes automatisch per Mail; das jedoch, also iTunes, obwohl mutmaßlich mit den neuesten Algorithmen ausgestattet vom Apple-Spitzenpersonal, offenbar leider nichts von den häuslichen Situationen seiner Kunden zum Beispiel in München weiß (und es offenbar auch nicht für nötig hält, mal bei der NSA deswegen nachzufragen, und sei es auch aus reiner Höflichkeit, man weiß ja nie, welche Daten die NSA womöglich gar nicht von einem hat oder haben will oder jedenfalls jetzt gerade noch nicht zu brauchen glaubt, die NSA-Server sind ja auch trotz ständigem Ausbau zwischendurch bestimmt mal voll, und bestimmt auch muss einer da andauernd Datensätze runterschmeißen, denn irgendwas muss ja auch noch von Hand gemacht werden, von Menschenhand; Edward Snowden kann doch nicht den ganzen Tag Däumchen gedreht und Dokumente kopiert haben; und wie so ein Warnhinweis wohl aussehen mag bei der NSA – „Um weitere drei Zillionen Telefonverbindungsdatensätze laden zu können, müssen Sie jetzt erst mal fünf Fantastilliardenbyte Speicherplatz auf Ihrer Festplatte löschen, nehmen Sie doch einfach Deutschland 2012-2013, who cares about Germany anyway“?).

In den Mails, und um die abzufragen, reicht E aufm Handy, in den Mails also schlummert ein Link zu anderthalb Stunden Fernsehen, die mich möglicherweise der Beantwortung der Frage auch nicht näher bringen, die ich mir in den letzten anderthalb Wochen dauernd gestellt habe, während ich die acht Folgen „Sherlock“ gesehen habe, die ich vor Sonntag auf meinen Rechner geladen hatte, im WLAN-Nahverkehrsbereich Berlin nämlich: Wieso genau find ich „Sherlock“ eigentlich so wahnsinnig öde?

Naheliegende Antwort: Sherlock nervt halt. Weil das Konzept Schlaumeier nervt, besonders dann, wenn es offensiv ironisch angewandt wird. Oder Benedict Cumberbatch nervt einfach, der Sherlock spielt. Oder Watson. Oder die Haushälterin. Oder Sherlocks Bruder Mycroft. Oder Sherlocks Assistentin. Oder, ganz übel, Irene Adler, die Elfjährigenvorstellung einer „Gesellschaftsdame“ oder, äh, Domina, und in welcher Folge noch mal starb die nicht oder doch oder tat nur so oder, tschah, irgendwann ist es einem dann auch egal gewesen? Vielleicht nerven auch alle Figuren zusammen, also ersetze oder durch und.

Und addiere dann noch: die stumpfe Fernsehmodernitätsbehauptung bei “Sherlock” von, vrooom, plötzlichen superschnellen Kamerafahrten und ebenso plötzlich aufpoppenden Gedankenwortwänden, die Sherlock von links nach rechts durch den Raum schieben kann, so als wäre er Tom Cruise oder ein verdammter Frühstücksfernsehwetterfrosch mit einer Riesenwetterkarte im virtuellen imaginären Raum (was ungefähr aufs gleiche hinausläuft, Cruise und Frosch), nur hätte Sherlock bloß Worte und keine Wetterkarten zum Verschieben, und er wäre noch eintöniger angezogen als der Frühstücksfernsehwetterfrosch, und er würde viel, viel schneller reden als der; Frühstücksfernsehwetterfrösche kriegen ja offenbar auf der Frühstücksfernsehwetterfroschakademie beigebracht, dass sie ganz, ganz langsam reden müssen, dabei aber doch aufgeweckt erscheinen sollten, denn Aufgewecktheit darf man um 6.35 Uhr schon erwarten, wenn einer von Reiner Calmund werbejingelnd angekündigt wird, und zwar aus dessen auf jeden Fall sondermaßgefertigten Flugzeugkabinensuperdoppelsitz, den der Calli auf seine Flüge nach Thailand vermutlich mitnimmt wie Amateurpassagiere ihr aufgeblasenes Nackenkisten, nur dass der Calli seinen Doppelsitz nicht schon beim Check-In um den Hals hängen hat, denn der Calli – Ab in den Urlaub! Ach, nee, das singt ja Michael Ballack – ist Profi, und das gilt für alle vermarktbaren Lebensbereiche, garantiert.

Plus, wir sind jetzt wieder bei „Sherlock“: Die ganze Idee genialer Soziopath hat sich doch nach einer Minute schon ausgespielt, einmal Watson-Beleidigen plus Haushälterin-Ignorieren gleich eine Sendeminute, fertig wäre der Pudding, aber es muss ja (außer Fälle-Lösen) noch Tee serviert werden, andauernd muss Tee serviert werden bei „Sherlock“, aber genau diese penetrant durch acht Lagen Selbstironie verkaufte britishness nervt natürlich auch ganz kolossal auf die Dauer, denn, haha, die Briten können sich gerade im Moment auch gar nicht vor sich selbst rausreden, Land kaputt, Finanzen kaputt, Fußball kaputt, Mode doof, und sie haben David Cameron und Boris-den-Bürgermeisterdarsteller doch nicht aus Selbstironie gewählt, das kann man nicht mit einem trockenen Scherz und einer Tasse Tee einfach so runterspülen oder gar mit der natürlich völlig korrekten Ausrede aus der Welt schaffen, Tony Blair sei ja auch schon relativ scheiße gewesen und nur kriegsverbrechertechnisch auf dem Weg zur Weltspitze, dass aber unter Blair wenigstens die Musik besser gewesen sei, was ja stimmt irgendwie, und kommt uns jetzt ja-ha-ha-ha nicht heute mit: James Blake.

Plus, Moment, hmm: Da fällt einem bestimmt noch was ein. Bis Folge 9 dann irgendwann irgendwie irgendwo auf den Rechner gewuppt ist. Und man weiter verdrängt, was deutsche Fernsehgucker sich so ansehen, während „Sherlock“ auf der BBC läuft, und dass man sich selbst dabei längst nicht mehr zuhören kann, dieses Drecksargument zu wiederholen, wieder und wieder, ad infinitum, wie absolut scheiße deutsches Fernsehen ist, doch diese Feststellung ändert ja auch nichts, und das Wiederholen dieser Feststellung ändert schon gar nichts an ihrer bleibenden Richtigkeit. Was wäre das deutsche Fernsehen nur froh, wäre es nur einmal so gut nervtötend wie „Sherlock“.

Aber warum tust du dir “Sherlock” weiter an?, könnte man sich fragen (und tut es dann ja auch irgendwann), und die banale Antwort ist selbstverständlich: Na, weil ich mitreden will. Menschen treffen ja die unsinnigsten Entscheidungen, um mitreden zu können, wetten, dass 80 Prozent aller Inline-Skates, die heute in deutschen Kellern vergammeln, von Menschen gekauft wurden, die nur mitreden wollten; und die geschätzt zwei Prozent der verkauften Auflage von “Der Turm”, die heute nicht nur in deutschen Bücherregalen stehen, sondern unsinnigerweise sogar komplett durchgelesen wurden, wurden dies eben von Menschen, die mitreden wollten. Und warum sonst, und da beißt sich, hoho, die Katze in den Schwanz, gibt es Blogs auf der Welt, na, weil man mitreden will (sogar dann, wenn man nicht mal dafür bezahlt wird: was für ein totaler Schwachsinn eigentlich; man könnte ja auch einfach mal die Klappe halten und, äh, “Der Turm” lesen, obwohl auch da: nein); und wenn man aber seinen selbstauferlegten Rechercheauftrag ernst nimmt als Blog-Servicekraft, tschah, dann tut man eben auch so was komplett bescheuertes wie: “Sherlock” weitergucken.

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