System Fußball.

Heute Morgen beim Betrachten des Video-Interviews von und mit Thomas Hitzlsperger gedacht: Hoffentlich hat dieses so wundervolle, souveräne Coming-Out noch eine bislang gar nicht besprochene Konsequenz, nämlich dass die ewige Funktionärsausrede ein Ende hat, der Profifußball sei “ein Spiegel der Gesellschaft”. Das ist er nämlich nicht. Er ist noch nicht mal dessen Zuspitzung oder Übertreibung. Er ist nicht mal wirklich als gesellschaftliches Subsystem zu begreifen, sondern als bizarrer Sonderfall voller Ungleichzeitigkeiten und Widersprüche. Das beginnt damit, dass der Profifußball eine strenge Geschlechtertrennung vorsieht, die er zwar mit den meisten professionell betriebenen Sportarten, insbesondere den Mannschaftssportarten, gemein hat (miteinander und gegeneinander treten Männer und Frauen doch lediglich im Reitsport und teilweise im Golf an, richtig?); doch das allein schon zeigt doch, dass der Profisport perse gesellschaftlich nicht repräsentativ ist. Hinzukommen beim Fußball jedoch noch viel krassere Dinge, in erster Linie etwa die Tatsache, dass bei Profispielen in Stadien sowohl auf dem Platz auch auf den Rängen Macht- und Gewaltfantasien auf eine Weise geduldet, gefordert, gefördert und am Ende gar real ausgelebt werden, wie sie in absolut keiner anderen Situation geduldet würden und duldbar wären. Selbst gewalttätige Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit Demonstrationen sind damit strukturell kaum vergleichbar. Und massenhaft vorgetragene rassistische und homophobe Äußerungen in Stadien sind doch bitte nicht damit zu erklären, dass der Fußball “ein Spiegel der Gesellschaft” sei:  Auch das würde sonst nirgendwo geduldet. Der Profifußball ist auch deshalb ein bizarrer Sonderfall, weil er Atavismen kultiviert, die ansonsten längst nicht mehr existieren; er ist nicht mal ein Abbild irgendeines “Raubtierkapitalismus”, denn selbst der besitzt heute weitgehend eine Corporate-Kultur, die die grausamsten Darwinismen einhegt. Für die meisten Grenzüberschreitungen (außer es handelt sich um “systemrelevante Banken”) gibt es den Staatsanwalt, und für die gröbsten individuellen Härten gibt es die Sozialversicherungen. Betrachtet man die Vereinskultur der Bundesliga, dann ist die so absonderlich, dass es eigentlich zum Lachen ist: An der Spitze regiert in aller Regel ein (von Jahreshauptversammlungen und Mitgliederbefragungen doch nicht ernsthaft kontrollierter, sondern bloß sentimental beklatschter) absolutistischer Fürst; er gibt und er nimmt, nach eigenem Gutdünken, und wenn er es im Extremfall mal mit weltlichen Gesetzen zu tun kriegt, reicht öffentliches Weinen, damit ihm zumindest das Publikum verzeiht. Entweder daneben oder stattdessen gibt es auch Vorstands- und Aufsichtsratskonstruktionen, die in fast allen Fällen jedoch nur ein Mimikry der eben zitierten Corporate-Kultur sind: Da werden Unternehmensstrukturen doch nur behauptet, wo in Wahrheit traditionelle Günstlingswirtschaft herrscht, aber immerhin kann man so den Sponsoren gleichsam Aug in Aug gegenübertreten – so von Vorstandschef zu Vorstandschef. Die “sportlich Verantwortlichen” wiederum, Trainer und Manager, sind in ihrer völligen Handlungsfreiheit allenfalls noch vergleichbar mit Regisseuren in Film und Theater (und selbst die sind in aller Regel einer größeren Kontrolle durch Produzenten respektive Intendanten ausgesetzt); solange “der Erfolg stimmt”, werden Methoden, Spielstrategien und Autorität nicht im Ansatz hinterfragt. Und die große Paradoxie des modernen Fußballspiels schließlich besteht dann noch darin, dass in seiner Ideologie zwar einerseits die Physis als Hauptkriterium durch individuelle technische und taktische Fähigkeiten der Spieler ersetzt wurde, mithin also der Kampf Mann gegen Mann zivilisiert und die Körperlichkeit auf Sprint- und Ausdauerqualitäten reduziert wurde; doch andererseits um den Preis der völligen Austauschbarkeit der auf dem Platz handelnden Personen – der Fußball ächzt doch längst unter dem inneren Widerspruch, dass sein altes Ideal von individuellem Heldentum gerade rasend sozialisiert wird, der Fan sich aber trotzdem auf sein teures Merchandise-Trikot doch nur EINEN Spielernamen aufflocken lassen kann. Auch diese Austauschbarkeit und Reduzierung von Menschen auf “Spielermaterial” aber ist keine Zuspitzung oder Übertreibung irgendeiner Wirtschaftskultur oder gar Teil der vielbetrauerten Halbquatschidee der “Ökonomisierung aller Lebensbereiche” des Menschen. Sie ist nur ein weiterer überkommener Atavismus, der im Fußball dann mit ekligsten Sentimenten zugespachtelt wird: männerbündlerism, Lokalpatriotismus, Heimatliebe, GEWINNEN (in dem Sinne hat jeder Sport doch perse nichts mit dem Leben zu tun: Das Leben ist doch bitteschön nicht in Sieg und Niederlage beschreibbar). Wow, äh, möglicherweise ganz schön wirr, das alles. (Und trotzdem geh ich natürlich in drei Wochen wieder ins Stadion, um Gladbach GEWINNEN zu sehen, gegen Leverkusen, diese, haha, KONZERN-Truppe.) Also erst mal: Schluss, Abpfiff.

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