Männerkrise.

Dann gestern doch mal das „Zeit“-Dossier über die „Männerkrise“ gelesen, nachdem mir bereits drei Leute erzählt hatten, sie seien nicht über die ersten zwei Spalten hinweggekommen. Wegen Tony Soprano. Sollte heißen (und ich nickte sogleich zustimmend): Wie könne man denn eine aktuelle Analyse über gleich ein ganzes Geschlecht mit einer fiktiven Fernsehfigur beginnen, die seit Jahren tot ist? (Aber ist Tony Soprano wirklich gestorben? Für mich ja: nicht. Es war nicht im Bild, und was nicht im Bild war, das ist nicht passiert. Da war doch nur ein schwarzer Bildschirm am Ende. Doch, grien, ist das jetzt schon Wirklichkeitsverweigerung?) Was eigentlich die vermeintliche Aktualität des Themas begründe? Und dann käme halt das Übliche: Schulversager, Suizidrate, Obdachlosenquote, Kriminalstatistik. Und dann hätten sie eben aufgehört zu lesen. Ich hingegen hab dann gestern durchgehalten bis zum Schluss. (Der Text der beiden Autorinnen endet mit dem Gedanken, dass eine Männerbewegung begrüßenswert sei, auch aus Frauensicht.) Am Ende hab ich auch gedacht: Ja, keine Ahnung, warum der Text jetzt kommt. Hatten wir doch schon alles, kennen wir doch schon alles. Sogar die im Text bereits eingelöste Forderung, Empathie fürs männliche Geschlecht zu entwickeln. Denn das geschehe derzeit nicht. Und auch wenn das so explizit nicht im Text stand, deutete sich da die unauflösliche Verknotung dieser Argumentation an: Ein Geschlecht, dem es an Empathie fehlt, nicht zuletzt und vor allem gegenüber sich selbst, soll Empathie entgegengebracht werden. Eigentlich gibt es also vor allem eine Empathiekrise. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Männer sind in dieser Logik eben nicht nur Täter, sie sind zugleich auch Opfer, im Zweifel sind sie beides gleichzeitig, im noch größeren Zweifel sind sie sogar Opfer ihrer selbst. Und da schließlich kommt man wohl zum Kern dessen, weshalb man diesen Diskurs in dieser Form für letztlich unführbar halten könnte, für sich als Mann: Er diskutiert das männliche Geschlecht fast zwangsläufig pathologisch. Dann eben gestern bei der Lektüre auch selbst, sozusagen am eigenen Leib, den Abwehrimpuls gespürt gegen diese Pathologisierung, und doch Verständnis dafür gehabt, klar, die ganzen Statistiken sind ja da. Dennoch: Wenn man sich selbst in diesem Täter-Opfer-Schema nicht wiedererkennt, für sich dort keine Position sieht, und auch in dem größeren Machtdiskurs nicht (als weder direkt Macht Ausübender noch direkt Macht Unterworfener, und zwar noch nicht mal symbolische Macht) – steht man da nicht automatisch außerhalb der Diskussion? Oder, aktiv: Stellt man sich nicht automatisch außerhalb der Diskussion? Bin ich also nicht diskursfähig, weil ich mich als existenziell nichtbetroffen empfinde? (Und keinen meiner möglichen persönlichen Krisenherde als geschlechtsbedingt betrachte?) Es ist, als werde da nicht über mich geredet, und auch über keinen anderen Mann, den ich persönlich näher kennen würde. Aber, eben: Es lässt sich ja doch nicht leugnen, wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich einen Mann vor mir. Und doch scheint mein soziales Geschlecht ein anderes zu sein: Ich bin ein Neutrum.

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