Aufblende.

Zuletzt gedacht: Man müsste mal mit Szenen experimentieren, und zwar so, dass man die schlimmsten Unterhaltungen, die man natürlich nie selbst geführt hat, sondern sich aus reinem Selbstschutz und bösem Willen nur immer bei anderen vorstellt, zu einem allerschlimmsten Kondensat verdickt. Eigentlich: nur das Unerträglichste, das man sich einfallen lassen kann, geballt. Noch nicht besonders weit gekommen, noch nicht besonders gut durchgearbeitet. Noch längst alles NICHT SCHLIMM GENUG. Das geht noch viel unerträglicher. Demnach: Überarbeitung und Fortsetzung folgen.

Aufblende. Straße, Häuserzeile von der anderen Straßenseite aus gefilmt, exakt frontal. Kopfsteinpflaster, Altbauten, alles klar: Berlin. Bloß bitte nicht Prenzlauer Berg oder Friedrichshain, denn wesentlich ist: knapp vorbei am allzu bekannten Klischee, aber unbedingt nah genug dran.

Zehn, 15 Sekunden so stehen lassen, den Verkehr abwarten. Dann: Kamera fährt langsam auf das mittig gelegene Haus zu, hier noch auf Straßenniveau (Passantenblick), dann aber ohne Schnitt die Fassade hoch, langsam an großen Fenstern vorbei, dahinter entweder leere Zimmer oder einzelne Menschen, die unmittelbar wiedererkennbare Handlungen tun, Winterjacken anziehen (aber nicht zu schwere, das Licht draußen ist grau und suppig, Spätherbst, noch nicht Winter, AUF KEINEN FALL SONNENSCHEIN) oder hinter einem kleinen Kind her rennen, so was. Vier Stockwerke lang. LANGSAM.

Stopp am Dachgeschoss: Geländer, ausgebleichte Terracotta-Töpfe links und rechts, Olivenbaum (klein), Tomaten (ausgedörrt, aber eine kleine Tomate hängt noch dran, wie vergessen), verblühte Sommerblumen, verwittertes Balkonmobiliar (eine Bierbank, zwei Stühle, Tisch; wurde alles mal vor Jahren abgeschliffen, gebeizt, dann überlackiert, doch der Lack ist längst abgeplatzt – das soll so sein, DAS MUSS SO SEIN, die Verwitterung ist geplant). Dahinter bereits sichtbar: Balkontür leicht geöffnet, Fensterfront (lange nicht mehr geputzt). Die Kamera schleicht sich durch die Balkontür rein.

Wir sehen: Couch (Dreisitzer, Vintage) von hinten. In den jeweiligen Ecken der Couch: links an der Wand eine Frau, rechts zum Restraum hin ein Mann. Hinterköpfe und die obere Hälfte des Rückens. Ihre Köpfe sind leicht eingedreht zueinander, doch sie schauen sich nicht an, sie schauen haargenau aneinander vorbei. Der Mann trägt ein T-Shirt, die Frau einen dicken Pullover (es soll zunächst eine unterschiedliche Temperierung der beiden Figuren suggeriert werden; genaueres sehen und hören wir dann noch).

Die Kamera stoppt ungefähr zwei Meter hinter der Couch. Frau und Mann bewegen sich nicht. Und sagen vor allem nichts. Dass das kein Standbild ist, erkennen wir einzig an der dünnen Rauchfahne seiner Zigarette. Stille. So lange stehen lassen, dass es unangenehm wird. Das ist gerade ein Schweige-Wettbewerb. Ganz offensichtlich: ein toter Punkt in einer unerfreulichen Unterhaltung. Die Stille muss so lange gezogen werden, dass es einem beim Zuschauen unangenehm wird, weh tut. Es geht um was, augenscheinlich. Um wirklich was. Glauben diese Frau und dieser Mann. Wollen sie sich glauben machen.

Er zieht an seiner Zigarette, weder nervös noch genüsslich, sondern eher: beiläufig. Aber nicht lässig. Er will suggerieren: Ich interessiere mich, ich nehme das ernst, ich bin seriös, aber ich bin hier nicht der Erste, der umfällt. Ausatmen.

Er (weil er im Zweifel immer zuerst die Geduld verliert; es muss ihm offenbar etwas an Disziplin mangeln und an Härte für die großen Distanzen; er ist einfach nicht zäh genug): „Sollten wir nicht –“

Sein Satz verebbt so plötzlich, wie er angefangen wurde, im Nichts. Sie dreht ihr Gesicht zu ihm, zögerlich. Er schaut weiter schräg an ihr vorbei.

Sie (leicht genervt; womöglich auch einfach neugierig darauf, was ihm nun einfällt): „Was?“

Noch ein zu langer Moment Schweigen. Zirka fünf Sekunden. Dann dreht er ihr das Gesicht zu. Seines: ausdruckslos. Leicht errötet. Nervosität, offenbar. Endgültig creepy soll es sich anfühlen jetzt, das Bild. Die Beziehung zwischen diesen beiden Menschen steht möglicherweise in den nächsten zwei Minuten ultimativ zur Disposition.

Sie: „Endlich mal wieder miteinander schlafen?“

Er zuckt leicht zusammen. Hatte er jetzt nicht mit gerechnet. Augenbrauen hoch: Sie ist doch sonst nicht so direkt.

Er: „Da hatte ich jetzt eher nicht dran gedacht.“

Sie (leichte Tempoerhöhung jetzt bei der Erwiderung; noch kein echter Schlagabtausch, aber die Unterhaltung kommt endlich halbwegs in Gang): „Ich weiß.“

Er: „Und das heißt bitte was?“

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