Falludscha.

Vor drei Jahren um diese Zeit waren wir in Falludscha, und eigentlich wollten wir gerade wieder dort sein. Doch daraus wurde nichts, und daraus wird wohl auch nichts mehr. Hab die Geschichte, die wir dort machen wollten, nicht verkauft bekommen, das gehört zum Job, so was passiert, weiß auch nicht mal wirklich, ob ich mir selbst die Geschichte abgekauft hätte, wenn ich sie mir gepitcht hätte; und nun, wo man sie mutmaßlich allerbestens verkauft kriegte, schließlich wird um die Stadt in diesem Moment wieder mal gekämpft – da kommt man nicht mehr hin.

Matschig: Das war glaube ich der erste Gedanke. Jedenfalls der erste, an den ich mich noch erinnern kann. Matschig sieht der Irak von oben aus, ein so komisches Braun hatte ich noch nie gesehen, na ja, was man sich halt so einbildet. Das Flugzeug aus Istanbul war voll mit Männern in diesen hellbraunen amerikanischen Wüstensoldatenstiefeln, und obenrum trugen sie aber funktionale Zivilkleidung; die meisten Männer sprachen entweder Englisch oder Russisch, und man brauchte nicht besonders viel Fantasie, um sich vorzustellen, was sie wohl im Irak machten. Es war der frühe Januar 2011, die amerikanischen Truppen waren bereits im Abzug begriffen, allzu lange also würde die Internationale der Freelance-Sicherheitssöldner und Krisengebiets-Ingenieure im Irak wohl auch keine Arbeit mehr haben. Das heißt: Arbeit hätte es genug gegeben, aber das war ja nicht der Punkt. Irgendwer musste sie bezahlen. Man musste sich die Dienste dieser Männer leisten können. Und wollen.

Es war ein erstaunlich kalter Morgen, daran erinnere ich mich auch noch; es war überhaupt erstaunlich kühl die ganze Zeit über, oder jedenfalls fühlte es sich so an. Der Fahrer wartete tatsächlich auf dem Parkplatz hinter all den Sicherheitsschleusen und Checkpoints, die um den Flughafen von Bagdad errichtet worden waren; der Fahrer stand vor einem klapprigen Toyota, glaub ich, und in dem Moment auch wurde mir erst wirklich bewusst, wie sehr wir davon abhängig sein würden in den folgenden sieben Tagen, dass Leute ihre Versprechen hielten und ihr Wort, sonst wäre man hier völlig verloren; dass man sich die Versprechen erkaufte mit Dollars, das war mir vorher klar gewesen, doch mir fehlten halt wie am Anfang einer jeden Reportagereise die konkreten Bilder und die Menschen zur Bestätigung dieser Gewissheit. Ich kannte das von anderen Orten und von anderen Geschichten, dieses Sich-Durchkaufen, doch anderswo hätte man es schon irgendwie hingekriegt, sich selbst zu helfen. Im Irak hingegen wäre man einfach lost gewesen.

“Das ist Abu Ghuraib”, wir waren bestimmt schon eine halbe Stunde auf diesem leeren Highway durch die Wüste gebrettert, das Braun war etwas heller geworden als das matschige, das ich vor der Landung durchs Flugzeugfenster gesehen hatte, und dann, wie aus dem Weltall über der Wüste abgeworfen, war da eben Abu Ghuraib. Ich hatte mir es anders vorgestellt, ich hatte mir immer einen höheren, größeren Gebäudekomplex vorgestellt, einen richtigen, ausgewachsenen Gefängnisbau, aber das war Unfug, jedenfalls sah man von der Straße keinen solchen Gebäudekomplex, man sah nur die endlos lange Mauer und dahinter Wachtürme und niedrige Baracken, und dann war Abu Ghuraib auch schon wieder aus dem Bild heraus und die Wüste wieder leer. Surreal, dachte ich, in Ermangelung einer originelleren Idee.

Alex wartete mit Frühstück im safe house, das er für 1000 Dollar gemietet hatte für vier Wochen, es gab Käseomelett, es gab ab da überhaupt jeden Morgen Käseomelett, und mittags und abends aßen wir auch immer das gleiche, zwei Schawarma pro Mann, das machte satt und war verträglicher, als mit so was Beknacktem wie “lokaler Küche” anzufangen: Schafskopf klang jetzt nicht wirklich appetitlich. Alex war schon zwei Wochen in Falludscha, er hatte schon einen Haufen Bilder von der Stadt gemacht, vor allem aber hatte er alles organisiert und schon mal den Drill eingeübt: viel rumsitzen, wenig rauskommen. Er hatte zwei junge Männer engagiert, die 100 Dollar plus Benzin und Spesen pro Tag kosteten, der eine war unser Fixer, ein örtlicher Journalist, der andere einer seiner Freunde, der nachts mit uns im safe house blieb und ansonsten immer den zweiten Wagen fuhr, den angeblich zum Hilfeholen, falls wir im ersten Wagen aus irgendeinem Grund in Schwierigkeiten geraten würden. Erst am Abschiedstag zeigte der zweite junge Mann uns die Waffe, die er im Schrank versteckt hatte für den Fall der Fälle. Wir seien die ersten westlichen Journalisten, die hier seit 2004 mehr als eine Nacht verbrachten, und dann auch noch ohne Sicherheitsteam, sagte der Fixer am ersten Tag, doch ich weiß bis heute nicht, ob das wirklich stimmte; ich legte auch keinen besonderen Wert auf diese vermeintliche Ehre. Alex und ich hatten eine einfache Rechnung aufgemacht für uns selbst, in einer vermutlich sehr kruden Mischung aus Angstverdrängung, Leichtsinn und selbstbehaupteter Professionalität: Nach allem, was wir vorher rausfinden konnten, war es gerade ruhig genug in der Gegend, um dort hinzufahren, und echte Sicherheitsleute konnten wir uns eh nicht leisten, wir waren auf eigene Kosten unterwegs; echte Sicherheitsleute hätten, so beruhigten wir uns selbst, auch bloß die Aufmerksamkeit auf uns gelenkt: Hallo, wir sind Westler, wer immer uns auch nicht mögen will, ist hiermit herzlich eingeladen. Wir hatten Glück, wir fielen niemandem auf.

Die Leute, vor denen wir Angst haben mussten, waren irgendwo vor der Stadt, niemand sagte, wo genau, vielleicht wusste es auch niemand so ganz genau, vielleicht wollte es auch niemand so genau wissen: die Leute von “al-Qaida im Irak”, so hießen die Überbleibsel des Al-Zarkawi-Netzwerkes, Dschihadisten aus aller Herren Länder; heute nennt sich die Nachfolgeorganisation, die sich mittlerweile von al-Qaida losgesagt hat, “Islamischer Staat im Irak und Syrien” (ISIS), und die Kämpfer dieser Organisation sind es, die in diesen Tagen scheinbar wenigstens Teile von Falludscha kontrollieren. Es ist die gleiche Sorte Leute, die schon 2004 da war, als Falludscha zweimal hintereinander von US-Truppen zusammengeschossen und halbplatt bombardiert wurde (das anstehende zehnjährige “Jubiläum” der ersten Schlacht um Falludscha wäre auch der Anlass gewesen, warum Alex und ich nun noch mal dort hinfahren wollten). Das Verhältnis zwischen diesen Dschihadisten und den Bürgern der Stadt ist so kompliziert, dass man es als Außenstehender eigentlich nicht verstehen kann; zudem “Bürger der Stadt” auch schon nicht stimmt, denn die Menschen, die heute offenkundig in Falludscha leben, teilen sich nicht nur auf verschiedene dort beheimatete Clans und Stämme auf (deren Sheikhs und geistliche Anführer verschiedenste Allianzen und Feindschaften unterhalten); Falludscha ist, wie überhaupt der Bundesstaat Al-Anbar, Fluchtpunkt geworden für irakische Sunniten verschiedenster Herkünfte, die sich dort am sichersten fühlen vor der Gängelung durch die heute schiitisch dominierten Behörden. Dass die Dschihadisten auch alle Sunniten sind, macht sie nicht automatisch zu Verbündeten der Leute von Falludscha, im Gegenteil; und dennoch kämpften manche Bürger von Falludscha für eine Weile jedenfalls Seite an Seite mit den Dschihadisten gegen die amerikanischen Besatzungstruppen, sie “verteidigten und befreiten” die Stadt gemeinsam (so sagten es zumindest die meisten Leute von Falludscha im Jahr 2011), und doch war das alles andere als Glaubensbrüderschaft – viele in Falludscha betrachteten die Dschihadisten als Fremde, deren Anwesenheit in der Stadt und um die Stadt herum der wesentliche Grund für die beiden verheerenden US-Angriffe gewesen war. Die Menschen von Falludscha fühlten sich doppelt besetzt und gegängelt, und die irakischen Sicherheitskräfte, die 2011 schon die scheinbare Kontrolle über die Stadt übernommen hatten, waren für sie nichts anderes als Handlanger der US-Truppen und der damals noch mehr oder minder von den USA kontrollierten Regierung in Bagdad. Äußere Kräfte hatten Falludscha zum Kriegsgebiet gemacht, so sahen es die meisten derjenigen Menschen dort, mit denen wir sprachen; und den plötzlichen Abzug dieser irakischen Sicherheitskräfte nun haben dann ja auch die Dschihadisten genutzt, um die Stadt anzugreifen. Sie wurde ihnen auf dem Präsentierteller serviert.

Über Falludscha liege ein Fluch, so sagte es ein Mann damals im Jahr 2011, der zwei schwer missgebildete Söhne hatte. Wegen den Kindern von Falludscha waren Alex und ich dort hingefahren, wegen der Berichte und Gerüchte über die angeblich so vielen Kinder, die missgebildet zur Welt kamen seit den amerikanischen Angriffen von 2004. Wir sahen wohl zwei Dutzend dieser Kinder, wir sprachen mit deren Vätern (denn mit Frauen darf man als Mann und zudem Westler in Falludscha im Normalfall nicht sprechen), wir sprachen mit Ärzten im örtlichen Krankenhaus, und hinterher versuchten wir das Rätsel zu lösen, ob es wirklich so viele missgebildete Kinder in Falludscha gab, und wenn ja, was wohl die Ursachen dafür sein könnten. Vor allem: Ob es mit Waffen oder Kampfstoffen zu tun haben konnte, wie überall geraunt wurde. Wir folgten jeder Spur, die wir finden konnten. Wir sprachen mit einer Aktivistin in London und einem durchaus umstrittenen Wissenschaftler, wir sprachen mit Kinderärzten in Berlin und London, wir sprachen mit einem schottischen Politiker in Edinburgh und einem Menschenrechtsanwalt in Birmingham, wir sprachen mit dem WHO-Abgesandten in Bagdad und der Pressesprecherin des irakischen Gesundheitsministeriums, wir reisten durch die halbe USA und sprachen mit einem Militärhistoriker in Florida, wir sprachen mit zwei Ex-Generälen in Washington und mit ehemaligen Soldaten von Tennessee bis Colorado, wir sprachen mit einem vom Soldaten zum Antikriegsaktivisten gewordenen Mann in Boston und mit seiner irakischen Frau, wir sprachen und sprachen und sprachen – und fanden bis heute keine Lösung, keine Erklärung, keine Beweise. Das Letzte, was wir hörten aus dem Irak, war vor einigen Monaten die Nachricht, eine WHO-Studie, auf die nicht nur wir jahrelang gewartet hatten, besage folgendes: In der Provinz Al-Anbar gebe es keine statistischen Auffälligkeiten an missgebildeten Kindern. Schon die Pressesprecherin des Gesundheitsministers, eine Schiitin, hatte damals zu uns gesagt: Das bilden sich diese Sunniten alles einfach ein, weil sie sich selbst immerzu als Opfer betrachten, seit Saddam, ihr Bruder und Beschützer, nicht mehr ist.

Eine Kinderärztin, die im Krankenhaus von Falludscha arbeitet und mit der wir damals auch sprachen, postet auf Facebook bis heute fast täglich neue grauenhafte Fotos von Neugeborenen mit Missbildungen und von toten Föten. Doktor Samira war die erste, die Buch geführt hat über die Fälle, die sie zu behandeln hatte; ob die Zahlen in ihren Büchern stimmen und woher die Fotos stammen, die sie auf Facebook postet, weiß ich nicht. Ich weiß nur, welche Kinder wir gesehen haben, als wir in Falludscha waren. Ich weiß, dass wir uns die nicht eingebildet haben. Ich könnte zig Variationen der immer gleichen Geschichte erzählen: dass wir immer noch nichts wissen.

In den letzten Tagen hat Doktor Samira keine Kinderfotos gepostet. Sondern Bilder und Videos, die Falludscha zeigen; die Quellen dieser Bilder und Videos kann niemand seriös nachprüfen. Das eindrücklichste Video ist eines, das scheinbar vorgestern aufgenommen wurde, von einem Dach aus: Man sieht von oben eine der Hauptstraßen der Stadt, und so weit der Blick der Kamera reicht, sieht man unzählige Reihen von Männern, die auf dieser Straße knien. Die Imame der Stadt, so heißt es, hätten aus Protest gegen die Belagerung durch die Dschihadisten zum Freitagsgebet im Freien aufgerufen. Keine Ahnung, ob das wirklich stimmt. Ich war nicht dort vor zwei Tagen, ich bin gerade nicht dort, ich werde dort nicht mehr sein.

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