Serieller Alltag.

Die Zwischenserie: auch ein relativ neues Phänomen. Das Serienschauen, hat man erst mal ernsthaft damit angefangen, schafft eben nicht nur neue Gesprächssituationen und -inhalte. (Wir haben uns doch früher am Tresen nach dem Kino nie über plotlines unterhalten, oder? Filme haben uns bestenfalls zunächst mal sprachlos gemacht, was aber leider scheiße ist, wenn man zu zweit oder so irgendwo rumsteht; man kann ja nicht ewig still ins Glas gucken oder Leuten hinterher; man muss ja auch mal REDEN; und die Musik, die ist ja nie laut genug, um bloß über sie hinweg zu schweigen; und Filmgespräche hatten auch ein größeres Versandungspotenzial, nicht? Selbst im Fall größter Uneinigkeit wirft der Streitgegenstand meist nicht ausreichend Material ab, Stoff, als dass nicht sehr bald ein Gefühl von Detailwut entstünde, von Kleinteiligkeit: “Wir wollen jetzt nicht wirklich über einzelne Kameraeinstellungen reden, mein Lieber”; have a drink, a heavy one, dieser Gesprächsfaden führt nirgendwo mehr hin.) Das Serienschauen schafft scheinbar ein ganzes Set von neuen Phänomenen, die den Alltag strukturieren. Mal mit der Jahresplanung angefangen: Man wusste doch früher zum Beispiel nicht, wann neue Staffeln von was auch immer anlaufen, und deswegen gab es auch gar keine Jahresplanung diesbezüglich. Das Gefühl ist neu: Im-Januar-geht-also-“Girls”-wieder-los-wie-viele-Folgen-hat-da-eine-Staffel-noch-mal-neun-acht-zehn-weiß-es-jemand-jedenfalls-ab-Januar-gibt-es-eine-Beschäftigungsinsel-im-Kalender-ein-vorübergehendes-Versprechen-relativen-Glücks. Aber: Was kommt danach? Wann geht “Game of Thrones” noch mal weiter? April? Bis dahin reicht “Girls” doch überhaupt nicht! Und womit stopft man dieses Jahr das unendlich große Loch, das “Breaking Bad” hinterlassen hat? Gibt es schon eine Ansetzung für die letzte “Mad Men”-Staffel? Nach dieser verdammten monatelangen Verzögerung, die der Streit zwischen Matthew Weiner und AMC und Lionsgate und wem sonst noch ausgelöst hat nach Staffel 4 ist man ja jahresplanungsmäßig völlig durcheinander wegen “Mad Men”. Der Staffelbeginn von “Mad Men” fiel früher ja in den Hochsommer, Ende Juli, Anfang August; fing “Mad Men” wieder an, wusste man um das baldige Zuendegehen des Sommers, nicht mehr lang, und die Tage würden grau, aber dann gab es ja Don; und der Sommer war ja auch serientechnisch öd und wüst: “Welche Zwischenserie guckst du gerade? Hast du noch irgendwas zum Zeitfüllen? Irgendwas zum Aufholen? Hast du alle klassischen Serien schon gesehen? Kennst du den ganzen Kanon? Hast du dir das Alte Testament wirklich schon komplett draufgeschafft, also ‘The Wire’, die ‘Sopranos’, müssen wir womöglich sogar bis ‘Hill Street Blues’ zurückgehen?” Wenn Serienschauen jetzt eben in den Freizeitbereich quality time fällt und nicht mehr Zerstreuung, dann gibt es auch eine Serienhierarchie, und in der ist die Zwischenserie gleichsam die Novelle zwischen den Großromanen: etwas für zwischendurch. (Aber bei ähnlichem Zeitaufwand für den Konsumierenden, deswegen hinkt der Novelle-Roman-Vergleich etwas, sorry; als anständiger Leser hätte man zwischen, sagen wir, “Korrekturen” und “Unendlicher Spaß” ja keinen fetten Dreckshistorienroman gepackt, bloß um die Zeit totzuschlagen und was Kiloschweres auf dem Nachttischchen liegen zu haben. Äh, hat überhaupt irgendwer noch ein Nachttischchen?) Im Regelfall ist die Zwischenserie nicht kanonisierbar. “Californication”: klassische Zwischenserie schon immer, für zu leicht befunden. “Entourage”: dito. “Boardwalk Empire”: ein ewiger Konflikt, ob das nun eher eine Zwischen- oder Hauptserie ist, zunächst aufgehangen an der Frage, ob Nucky Thompson als Hauptfigur ausreichend Statur besitzt, um den epischen Gestus der Serie zu rechtfertigen; und ist “Boardwalk Empire” vielleicht nicht doch nur eine Ausstattungsserie, eine Behauptung von großer Oper, wenn in Wahrheit doch nur eine Operette gegeben wird, egal wie viele Blutbäder da schon angerichtet wurden und Großfiguren getötet. “Treme”: ganz schwieriger Fall, weil eben mit der Hypothek belastet, dass “Treme” von David Simon ist, dem “The Wire”-Erfinder, und obwohl “Treme” womöglich sogar noch radikaler gut darin ist, Sozialrealismus episch zu erzählen, fühlt es sich immer bisschen nach Musikfan-Projekt an – New Orleans, post Katrina, ist im Gegensatz zu Baltimore bei “The Wire” nicht universell genug, es ist ein romantisch betrauerter Sonderfall, eine sich beständig um sich selbst und ihren buchstäblichen Untergang drehende Stadt mit zu viel historischem Musikballast, der in “Treme” wieder und wieder aufgeführt wird. “Treme” ist zu groß für eine Zwischenserie, aber zu mühsam, um als Hauptserie bestehen zu können. In der alltagsstrukturierenden Serienhierarchie rangiert unter der Zwischenserie dann noch die Beim-Sport-Serie (in meinem Fall genauer: die Trimmdichradserie). Im Zweifel: halbwegs erträgliche Sitcoms, also “How I Met Your Mother” etwa oder “New Girl” – drei Folgen hintereinander gleich eine Trainingseinheit. Dreimal 20 Minuten, das lässt die stumpfe Strampelzeit auch gleich kürzer erscheinen, als sie eigentlich ist. Serien mit einer Stunde Folgenlänge dehnen die Strampelzeit gefühlt hingegen eher, und außerdem würde man eine Hauptserie nicht damit entwerten, sie beim Sport zu gucken. Und da auch entsteht innerhalb der Serienhierarchie schließlich eine unterste, gleichsam unberührbare Kaste, Dramaserien, die nicht mal zum Sport taugen, erst gestern eine angefangen und nach der Pilotfolge gleich gekillt, “The Americans”: Die ersten 20 Minuten auf der Couch geguckt und Augenbrauenkarneval gekriegt schon allein angesichts der Tatsache, dass da eine Rückblende von knapp 20 Jahren vorkommt, bei der die offenkundige weibliche Hauptfigur der Serie aber exakt so jung beziehungsweise alt aussieht wie zu der eigentlichen Zeit, in der “The Americans” spielt, Anfang der 80er-Jahre. Eine derartige Frechheit, nee, tschuldigung, die kann man einer Serie heute nicht mehr verzeihen. Doch es waren ja noch 45 Minuten auf der Uhr, und die wurden dann halt freudlos weggestrampelt, eher genervt, “The Americans” gleich eine Dreivierteltrainingseinheit, zäh, nein, superzäh, und das Schlimmste, das Todesurteil: nicht mal richtig ins Schwitzen gekommen dabei.

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