Computerliebe.

Heute das verfolgt, was seit gestern Abend als Debatte firmiert, seit der Videobotschaft des Enthüllers Glenn Greenwald an die Jahresversammlung des Chaos Computer Clubs: die Frage danach, ob Greenwald nun eher ein Journalist sei oder ein Aktivist, weil er bei seinen NSA-Berichten (deren Grundlage die ihm von Edward Snowden übergebenen NSA-Dokumente sind) eindeutig Partei ergreife, gegen die NSA, gegen ihre von ihm enthüllten Methoden, gegen ihre von ihm auf dieser Basis angenommenen Ziele. Gleich gedacht: Müssen wir in Deutschland jetzt wirklich noch mal alle Argumente nachplappern, die im öffentlichen Schreibdialog zwischen Greenwald und Bill Keller, dem Chefredakteur der New York Times, doch vor Wochen schon hinreichend ausgetauscht wurden? Und zwar vor dem Hintergrund der wesentlich rigideren Vorstellung von “journalistischer Neutralität” in den USA, da speziell bei eben der New York Times?  Puh. Auf diese Debatte (sorry, der stumpfe Hinweis muss jetzt kommen: diese Journalistendiskussion führt selbstredend vom eigentlich zu diskutierenden Gegenstand weg, den Machenschaften der NSA): keine Lust. Auch keine Lust auf die wieder mal in dem Zusammenhang veröffentlichte Empörung darüber, dass sich angeblich niemand (mehr) empört über die immer nächste und nächste und nächste Enthüllung. Bei mir jedenfalls ist so etwas ähnliches wie Empörung immer noch da, eine neue Enthüllung verschlägt mir zwar nicht mehr der Atem wie zu Beginn, obwohl manche der späteren Enthüllungen ja eigentlich bedeutsamer waren als viele der frühen. Jetzt ist da eher eine stille Wut, aber auch eine kalte Faszination zu beobachten, wie es weitergeht: Was kommt als nächstes, wie fallen die Reaktionen darauf aus; wie wirkt sich eine in dieser Dauer und Dosiertheit vielleicht beispiellose Kette von Enthüllungen politisch aus, wirkt sie sich überhaupt politisch aus, denn bislang ist ja absolut nichts passiert, außer dass es ein paar internationale atmosphärische Störungen gab wegen abgehörter Politikertelefone; was ist die größerer, noch immer nicht restlos sichtbare Struktur des NSA-Skandals, und wie verhält er sich zu früheren Skandalen; inwiefern wird der seltsame Impuls von Menschen, sich zu allem und jedem Verschwörungstheorien auszudenken, scheinbar immer weiter als begründet bestätigt, da die vor allem von Greenwald beschriebene Wirklichkeit der NSA-Aktivitäten den übelsten Verschwörungstheorien nicht nur zu entsprechen scheint, sondern sie womöglich gar übertrifft (und was bedeutet das für die Zukunft jeglichen öffentlichen Diskurses über den Staat und seine Organisationen)? Das sind so die größeren Fragen. Und die kleinen lauten gerade: Warum habe ich meinen persönlichen Umgang mit Computern und Telefonen bislang nicht verändert, und warum ist da zufällig genau heute eben auch diese komisch unbeschädigte Freude darüber, ein neues Macbook zu konfigurieren? Es ist so banal wie wahr: Hätte ich auch nur das geringste Talent zum Verschwörungstheorienzusammenfabulieren, heute wäre der Tag dafür gewesen. Nachdem ich jetzt endlich wieder Festplattenplatz habe, bin ich gleich mal auf iTunes gegangen mit dem neuen Macbook und hab nach Filmen geschaut, die nicht mehr auf den alten Rechner gepasst hatten. Kein Scherz: “Die Unbestechlichen” war die erste Wahl, denn man will ja nur Filme auf seiner Festplatte haben, von denen man weiß, dass man sie gerne noch mal und noch mal und noch mal anschauen werden will. Weil es aber das erste Mal war, dass ich mit dem neuen Rechner was bei iTunes kaufen wollte, musste ich die beiden iTunes-Account-Sicherheitsfragen beantworten, die ich vor Jahren wohl beim zweiten Macbook mal hinterlegt hatte (ich bin jetzt beim fünften Macbook, es ist also echt lange her). Konnte mich nicht mehr an die Antwort auf diese eine Frage erinnern: “Was ist Ihr Traumberuf?” Hab alle möglichen Variationen desjenigen Berufs eingegeben, der als einziger in Frage kam, doch alle Antworten waren falsch. Und also musste ich mich vom Apple-Support anrufen lassen, es dauerte nur eine Minute, bis tatsächlich aus Irland eine deutsche Stimme dran war, und der Mann brauchte auch nur zwei, drei Minuten, um meine Sicherheitsfragen wieder zurückzustellen, damit ich neue Antworten eingeben konnte, an die ich mich beim nächsten Macbook dann hoffentlich noch erinnern werde. Fürs eigentliche Zurückstellen beförderte der Mann mich in die Warteschleife, und dort hing ich bloß für etwa die Hälfte des Liedes, immer noch kein Scherz und bestimmt kein Zufall, “Everything’s Gonna Be Alright” von Bob Marley und die ersten vielleicht 20, 30 Takte von “Wonderful World” von Louis Armstrong. Fürs Apple-Selbstverständnis indes schien das eine lange Wartezeit, der Mann entschuldigte sich dafür und sagte “Sie sind ein härterer Fall”, ohne mir zu verraten, was aus Apple-Sicht “ein härterer Fall” ist. Dann war alles gut. Im Schlechten: Ich hatte dem Vertreter einer Firma, die im Zweifel mit der NSA kooperiert offenbar (und die ihre Computer unter mindestens merkwürdigen Umständen in fernen Ländern zusammenbauen lässt, aber fangen wir damit besser erst gar nicht an), über eine 1a-abfangbare Handyverbindung von Irland nach Deutschland nicht ganz unsensible Daten mitgeteilt, er hatte mich beim Eingeben verschiedener nicht ganz unsensibler Daten offenkundig online in meinem Account beobachtet, um am Ende die Sicherheitsfragen zurückstellen zu können; so scheint das übliche Prozedere bei Apple zu sein, um festzustellen, das der wahre Besitzer eines Accounts auch gerade in der Leitung ist. Ich wurde also mindestens von Apple zu meiner eigenen Sicherheit überwacht. Um dann schließlich 9,99 Euro ausgeben zu können für einen Spielfilm, der die Enthüllung des Watergate-Skandals zeigt, des womöglich folgenreichsten Politikskandals, den die USA je erlebt haben: Richard Nixon musste immerhin zurücktreten, während heute ja noch nicht mal jemand davon redet, dass NSA-Chef Keith Alexander sich vielleicht wenigstens mal eine neue PR-Strategie für seinen Laden überlegen sollte. Als der Download-Balken oben in der iTunes-Maske endlich ansprang und die ersten Megabyte von “Die Unbestechlichen” flossen, fühlte ich den inneren Widerspruch; ich fühlte das Paradoxe, ich fühlte die Ohnmacht, doch ich konnte einfach nichts tun: Ich war so etwas ähnliches wie glücklich, dass es lief zwischen mir und meinem neuen, schicken Computer.

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