Masters of Sex.

Die Analogie ist zu offensichtlich, um sie nicht erst mal zu ziehen: Es hat was von Dating, wenn man eine neue Serie anfängt zu gucken. Für ihre Pilotfolge macht sich die Serie extra schick, die Rollen sind jedoch schon bei diesem ersten Aufeinandertreffen klar verteilt, und deshalb wird die Analogie da bereits holprig: Die Serie ist immer die Verführende, der Zuschauer der zu Verführende (die deutsche Sprache hat dafür auch schon die Geschlechtlichkeit festgelegt); die Mittel sind auch klar, Thematik, Figuren, Setting, Dekor. Und bei einer Historienserie, die auf wahren Begebenheiten beruht wie „Masters of Sex“, kommt gleich noch die Frage hinzu, ob und wie sehr Stoff und Figuren bekannt sind; woraus die Serie also dramaturgisch ihre Spannung beziehen soll. Im Zentrum von „Masters of Sex“ also stehen der Gynäkologe William H. Masters und die kurzzeitige Sängerin und Journalistin Virginia E. Johnson, die sich 1957 kennenlernten, als Masters am Universitätsklinikum von St. Louis eine erste Studie zur menschlichen Sexualität begann und Johnson seine Assistentin wurde; die beiden bildeten dann bald ein Forscherteam und veröffentlichten 1966 und 1970 ihre Ergebnisse, die in Buchform in den USA große Verkaufserfolge wurden; anders als die vorangegangenen Kinsey-Reports (1948 und 1953) hatten Masters und Johnson Praxisstudien durchgeführt, sowohl an Einzelpersonen als auch an hetero- wie homosexuellen Paaren; ihre Erkenntnisse zu den physiologischen Vorgängen während des Geschlechtsverkehrs beziehungsweise des Masturbierens waren revolutionär, ihre Theorien zur Homosexualität von heute aus betrachtet gefährlicher Unfug (aber auch durchaus ihrer Epoche entsprechend; Masters und Johnson hielten Homosexualität noch für eine heilbare Krankheit und boten entsprechende Therapien an); nachdem sie bereits 14 Jahre zusammengearbeitet hatten, heirateten Masters und Johnson im Jahr 1971, ließen sich jedoch 1993 scheiden, womit auch ihre gemeinsame Arbeit endete; Masters starb im Jahre 2001, Johnson 2013. Diese Eckdaten lassen sich leicht googeln, und vermutlich tut das jeder Zuschauer von „Masters of Sex“ auch, bevor er oder sie die Serie beginnt; anders als etwa bei „Boardwalk Empire“ kommen einem die Namen der historischen Figuren nämlich nicht gleich bekannt vor (Capone, Meyer-Lansky und so), und anders als bei „Boardwalk Empire“ ist man sich auch nach einigen Folgen (bei mir sind es jetzt vier von „Masters of Sex“) nicht wirklich im Klaren darüber, ob alle Figuren neben den zentralen wirklich historische Vorbilder haben. Ob es sich bei der Serie also um eine Mischform handelt wie bei „Boardwalk Empire“, wo authentische und fiktive Figuren neben- und miteinander agieren, oder ob „Masters of Sex“ eher ein Dokudrama ist, eines der luxuriöser ausgestatteten dann eben. Eindeutig ist nur, dass die Nähe zum so wirklich Passierten deutlich größer ist als bei Historienserien wie „Mad Men“ oder gar „Downton Abbey“, die als Epochendramen sofort erkennbar sind (aber stets mit dem Versprechen an den Zuschauer operieren, sie zeigten uns historische Durchgangsstationen dessen, was wir heute als unsere Gesellschaft begreifen, unsere Zeit; wir sähen im Entstehen, warum manches so ist, wie es heute ist, auch wie und warum es anders ist als damals). „Masters of Sex“ steigt im Jahr 1957 ein, mit dem Kennenlernen von Masters und Johnson im beruflichen Umfeld. Die Grundkonstellation ist simpel, sie wird seine Assistentin, und daneben wird als dritte Hauptfigur der Serie sofort Masters Ehefrau Libby etabliert. Mit dem Wissen darum, dass irgendwann zwischen 1957 und 1971 aus dem Arbeits- auch ein Liebesverhältnis werden wird zwischen William Masters und Virginia Johnson, weiß man auch gleich, dass Masters Ehe mit Lizzy scheitern wird; und die Serie stößt einen gleich recht undezent auf den mutmaßlichen Hauptgrund dafür: Es wird dann wohl am Sex liegen. William und Lizzy erster gezeigter Beischlaf geschieht aus rein reproduktiven Gründen, die beiden wollen ein Kind zeugen, aber es klappt nicht; der Geschlechtsverkehr ist total verkrampft, eigentlich lustfeindlich. Virginia hingegen, die bereits zweimal geschieden ist bei Beginn der Serie und also für die damalige Zeit ein fast skandalös bewegtes Liebesleben bereits hinter sich hat, hat natürlich fantastisch kreativen Sex, dummerweise mit einem Untergebenen von William, Doctor Haas, der noch länger nerven wird und in einer späteren Folge sein Aufeinandertreffen mit Virginia so beschreiben wird (er sagt das zu einem anderen Mädchen, das sich ihm an den Hals wirft): Es sei so gewesen, als habe er sein ganzes Leben in Schwarzweiß verbracht, und Virginia (die er nicht beim Namen nennt) habe plötzlich den Farbfilm eingelegt. Virginia Johnson wird von der Serie also gleich auch als Befreiungsfigur positioniert in einer Epoche noch bestehender sexueller Repression, und sie wird damit zugleich jedoch zur Sexfantasie ihres männlichen Umfelds, gerade auch für Masters – obwohl Virginia alleinerziehende Mutter zweier Kinder ist, was für die Männer um sie herum mindestens als logistisches Hindernis erscheinen muss, eher noch aber als Herausforderung an ihr Verantwortungsbewusstsein, ihren „moralischen Anstand“ gegenüber Kindern. Interessant an „Masters of Sex“ ist also gleich die Frage, wie die Serie mit historischen Geschlechterrollen umgeht, die ja von heute aus rekonstruiert werden: Augenscheinlich ist sofort, mit wie umwerfend schönen Frauen die beiden weiblichen Hauptfiguren besetzt wurden, auf den ersten Blick sehr stereotypisch, Virginia Johnson wird von der braunhaarigen Lizzy Caplan gespielt, Lizzy Masters von der blonden Caitlin Fitzgerald; Michael Sheen sieht als William Masters hingegen sehr durchschnittlich aus. Masters ist, obwohl als erfolgreicher Arzt die Figur mit dem höchsten sozialen Status in der Serie, als Mann eher schwach, ein passiver Charakter, wenig expressiv, in sich gekehrt, ein Brüter, kein klassischer Serienheld. Zwei Gründe dafür werden sehr schnell klargemacht: Erstens hat er etwas zu verbergen, er belügt seine Frau an einem entscheidenden Punkt, nämlich dass nicht sie, sondern er der Grund ist, warum es mit der Schwangerschaft nicht klappt, er weiß um sein organisches Problem und jagt sie doch durch eine Fruchtbarkeitsbehandlung nach der anderen; zweitens war Masters Vater offenbar gewalttätig gegen seinen Sohn, als der im Kindesalter war. Die beiden weiblichen Hauptfiguren sind demgegenüber viel stärker angelegt, allerdings in einer auf den heutigen Zuschauer weird wirkenden Weise der Blicklenkung: Masters’ Funktion in der Serie scheint bislang die zu sein, dass er als beobachtende Figur (er ist ja auch bei seinen wissenschaftlichen Praxisstudien immerzu Beobachter) auch für den Zuschauer die Perspektive vorgibt, auf Lizzy als perfekte Unschuld, die heilige Reinheit in Person, und auf Virginia als perfekte Verheißung auf sexuelle Erfüllung. Als halbwegs reflektierter männlicher Zuschauer fragt man sich natürlich gleich: Will ich meinen Blick so lenken lassen – oder unterliege ich gerade einem kapitalen Missverständnis, denn es ist ja zweifelsohne so, dass die eigentlich starken Figuren in dieser Serie weiblich sind. Nur eben mit der Einschränkung, dass Lizzy und Virginia je supereindeutige unterschiedliche sexuelle Identitäten zugeschrieben werden, die man heute eher in einer Person vereinigt sähe (auch in Männern übrigens), situativ abrufbar gleichsam, im Rollenspiel des Alltags. Die dramaturgische Begründung der Serie für ihre Frauenfiguren und die Aufspaltung weiblicher Sexualität in zwei davon wäre selbstredend die historische Situation, in der diese stecken, eben einige Jahre vor der sexuellen Revolution und insbesondere der sexuellen Befreiung der Frau: Lizzys total unterdrückte Sexualität würde man heute erfolgreich psychotherapieren, und Virginias Sexleben gälte weder als verheißend noch promiskuitiv, sondern als total normal; sie möchte halt Spaß am Sex haben, sie möchte fantasievoll zum Orgasmus gebracht werden und bringt umgekehrt ihre Liebhaber fantasievoll zum Höhepunkt. Der Knackpunkt dieser übrigens gar nicht so explizit mit Nacktheit operierender Serie um Geschlechterrollen und Geschlechtlichkeit ist eher, dass sexuelle Aktivität respektive Passivität sich natürlich unterschiedlich abbilden in einer Spielhandlung, nämlich entweder im Zeigen des Tuns oder eben im tendenziellen Nichtzeigen von Nichtstun, und das beidem ein unterschiedlicher moralischer Wert gegeben wird. Das eigentlich Drama, das sich absehbar entwickeln wird in „Masters of Sex“, glaubt man, ist das von Lizzy. Und so sehr man als Zuschauer ihr die Entdeckung des Sex wünscht, so sehr würde man moralisch dafür bezahlen, denn ob man es nun will oder nicht (vor allem, aber nicht nur als männlicher Zuschauer): Lizzys persönliche sexuelle Befreiung bedeutete ja vor allem, dass sie zum ersten Mal vor unser aller Augen ausgezogen würde und ihre so übereindeutig behauptete Unschuld als Figur verlöre. Wie man es dreht und wendet also: „Masters of Sex“ selbst kann als Serie niemals unschuldig tun, denn sie verrät fast zwangsläufig, was sie womöglich propagieren will – the sexual revolution will be televised, and it’s done by showing people having sex.

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