God Only Knows.

Gestern Abend lief wieder mal “Love Actually” im Fernsehen. Gibt ja wirklich viele Gründe, diesen Film zu hassen, und der geringste ist der relativ übliche Vorwurf, der Film sei zynisch, weil er natürlich an absolut nichts von dem glaubt, was er vordergründig propagiert. Erstens ist Zynismus ein eher lausiges moralisches Kriterium fürs Gutsein oder eben viel mehr Nichtgutsein eines Films, und zweitens war Richard Curtis’ viel größeres Problem als Drehbuchautor ja schon vorher, dass er zunehmend schlechter verschleiern konnten, welch wirklich mieser Verkäufer der vermeintlichen Universalität der Liebe er ist. “Notting Hill” und “Bridget Jones’ Diary” zuvor waren ja schon deshalb leicht ranzig gewesen, weil sie sich so erkennbar abmühten, totale Unwahrscheinlichkeiten plausibel zu machen, bloß damit man sich als Zuschauer am Ende angeblich besser fühlt. (Curtis-Filme sind fast immer implizit Zuschauerbeleidigungen: Ihre Prämisse ist, dass man als Zuschauer mindestens so gewöhnlich ist wie Hugh Grant als stinklangweiliger Buchhändler mit einem grauenhaft langmütigen, öden, kleingeistigen Lebensentwurf oder so unattraktiv wie Renée Zellweger als dümmliche, ungeschickte, übergewichtige Verlagsmitarbeiterin. Was aber, wenn man sich weder so fühlt noch so glaubt zu sein?) Die Liebe muss bei Curtis stets (als unüberwindbar behauptete) Grenzen nicht bloß überwinden, sondern gleich plattwalzen. Deswegen muss sich in “Notting Hill” eine weltberühmte Schauspielerin in den Langweiler verlieben (weil sie ja auch nur ein Mädchen ist, das einen Jungen darum bittet, es zu lieben – die Frau muss sich buchstäblich klein machen, um als love interest in Frage zu kommen); und es muss sich ein hochintelligenter, brutal gut ausgebildeter Menschenrechtsanwalt in “Bridget Jones’ Diary” in die Dummköpfin verlieben. “Love Actually” ist als Ensemblefilm mit zehn Subplots die Multiplizierung der Curtisschen Unwahrscheinlichkeitsrechnungen. Übler noch: Der Film macht die Liebe zur Weltformel für die Errichtung eines endgültigen Glücksstaates, der dummerweise aber so scheiße aussieht wie das in New-Labour-Wahlspots vor zehn Jahren ausgemalte moderne Großbritannien in seinen unerträglich dickaufgetragenen Hemd- und Anzugfarben. Es ist nicht nur alles möglich bei Curtis, es passiert auch alles Unmögliche, weil die Liebe erst dann wahr wird, wenn sie jeder Logik oder Wahrscheinlichkeit widerspricht. Wobei, das ist der Gag bei Curtis, die Liebe niemals die gesellschaftlichen Verhältnisse auch nur erschüttert – obwohl doch genau das die logische Konsequenz aus der Grenzüberschreitung wäre. Alles passiert bloß, weil es SCHÖN ist. Der Schriftsteller liebt die Putzfrau (mit der er sich verbal nicht verständigen kann, weil sie kein Englisch spricht; DOCH DIE LIEBE HAT JA NUR EINE SPRACHE: DIE LIEBE!); der Premierminister liebt die Hausangestellte aus der Unterschicht (schon gemerkt, dass bei Curtis die klassenübergreifende Liebe fast immer so funktioniert, dass der Mann von oben die Frau von unten ERWÄHLT? Slash: SIE DA RAUSHOLT, SIE RETTET? Nicht ob sie will oder nicht – sie will IMMER); der Witwer, der auf der Trauerfeier für seine Frau deren Wunsch vorträgt, er möge mit Claudia Schiffer glücklich werden, ist am Ende mit einer alleinerziehenden Mutter zusammen, die wie Claudia Schiffer aussieht, weil sie gottverdammt noch mal von Claudia Schiffer gespielt wird; die schöne weiße Frau bleibt bei ihrem – als Figur bemerkenswert untererzählten – schwarzen Mann, obwohl der schöne weiße beste Freund ihres Mannes doch die scheinbar viel passendere Partie wäre, und der liebt sie doch auch so dolle, aber nicht alles darf gut ausgehen bei Curtis (respektive: indem die weiße Frau bei ihrem schwarzen Mann bleibt, trotz allem, bestätigt Curtis nur das UNNORMALE dieser Verbindung; käme man ihm deshalb mit einem Rassismus-Vorwurf, könnte er mit gesellschaftlichen Realitäten argumentieren und sich sogar an die Brust heften, auch da besiege die Liebe alle Widerstände; Curtis ist ja nicht blöd; er sichert sich politisch ab). Das alles macht also schon wahnsinnig schlechte Laune. Doch die schlimmste und einzig lebensweltlich bedeutsame Folge (denn das Plastikphantasialand von “Love Actually” reicht ja ansonsten niemals ins eigene Leben, hoffentlich), die dieser Film zeitigt, ist am Ende: der schlimme, schlimme Missbrauch von “God Only Knows” in der Schlussszene. Nur um das kurz abzuklären: “God Only Knows” von den Beach Boys ist zirka einer der drei besten Popsongs, der je geschrieben wurde. Keine Ahnung, wie Curtis an die Rechte zur Benutzung des Liedes gekommen ist, ist auch egal. Aber zur Untermalung welcher Szene er es benutzt hat, das ist nicht egal, denn diese Alle-fallen-sich-in-der-Flughafenankunftshalle-in-die-Arme-Schlussszene von “Love Actually” ist die absolute Pest, eigentlich ist sie ein eigener Propagandafilm der Curtisschen Liebesdoktrin, dieser schwärzesten aller schwarzen Romantic-Comedy-Magie: Jahrelang hatte ich “God Only Knows” im Ohr, wenn ich die Ankunftshalle eines Flughafens betreten habe und mal wieder niemand auf mich wartete. Ich nahm Richard Curtis nicht nur die Profanisierung des heiligen Popsongs “God Only Knows” persönlich übel, ich machte ihn auch persönlich dafür verantwortlich, dass jedes Ankommen zur grauenhaften Einsamkeitserfahrung wurde. Denn selbst wenn man manchmal ja durchaus allerglücklichst verliebt ist, kann doch nicht überall die betreffende Person schon am Flughafen auf einen warten; jedenfalls nicht, wenn man Flugzeuge regelmäßig beruflich als Transportmittel benutzt. P.S.: Find selbstverständlich “Four Weddings and a Funeral” immer noch super, aber das zu erklären, puh, das dauerte jetzt echt zu lang.

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