Tatort.

Mir steht der “Tatort” bis da oben hin. Mir stehen auch die Unterhaltungen über den “Tatort” bis da oben hin. Beides, jeder angeblich neue “Tatort” und jede angeblich neue Unterhaltung darüber, sind ja eigentlich Wiederaufführungen des immer gleichen; die Variationsbreite ist so lächerlich gering in beiden Fällen, dass die ARD eigentlich auch ab sofort immer den selben “Tatort” zeigen könnte (und alle paar Wochen zur Abwechslung den selben “Polizeiruf”, damit auch der immer gleiche Teil der Unterhaltung abgedeckt ist, in dem der “Polizeiruf” dann als die bessere Alternative vorkommt; eine Alternative aber braucht ja zwangsläufig das andere, zu dem es alternativ sein kann, hier also den “Tatort”). Die Unterhaltung über den “Tatort” müsste nicht mehr so tun, als suchte noch einer der Gesprächspartner nach neuen Argumenten. Selbstverständlich ist auch eine Klage wie diese hier bereits fester Bestandteil der Folklore um den “Tatort”. Es ist niederschmetternd: Absolut nichts, was mit dem “Tatort” zu tun hat, kann sich der Allmacht der strukturellen Ritualisierung entziehen. So wie die Rechtfertigungen und Ausreden dafür, sonntags um 20.15 Uhr “Tatort” zu gucken, lächerlich absehbar sind, so ist auch der Impuls gegen dieses Ritual und seine Voraussetzungen lächerlich absehbar: Die Annahme, es sei okay, ja womöglich unverzichtbar, dass der Mensch Rituale besitze, weil er sonst aus dem Leben falle und gar keine Sicherheiten mehr habe in dieser ach so komplizierten Welt – diese Annahme ist so fad wie zwangsläufig jeder Protest dagegen; beides ist Posentheater. Why bother, also? Warum auch noch in die alles verschlingende Wiederaufführungsfalle tappen? Vermutlich weil die Sehnsucht einfach nicht versiegt, es möge irgendwann aufhören mit dem “Tatort”, mit den “Tatort”-Unterhaltungen, mit dem Genervtsein über all das vom “Tatort” ausgelöste. Ob man ihn guckt oder nicht, man entkommt im kaum. Und dann steht man wieder vor irgendjemanden, den man für klüger und witziger und, oh Gott, weniger konventionell gehalten hat und redet auf denjenigen ein, völlig nutz- und folgenlos: Du guckst doch auch sonst kein deutsches Fernsehen; du interessierst dich doch auch sonst nicht die Bohne für Städte wie Erfurt, Münster, Kiel und deren Landschaften drumherum, deren behauptete regionale Besonderheiten, die absurden Dialekte, die dort gesprochen werden (und im “Tatort” von Leichenbeschauern, Assistenten und Zeugen mühsam nachgemacht werden müssen, die Ermittler sind ja entweder eigentlich ortsfremd oder angeblich zu gebildet, um Dialekt zu sprechen); du würdest doch jede andere Fernsehserie verachten, deren Dramaturgie so vorhersehbar und öd, deren Wirklichkeitsbezug so dünn wäre (wie viel mehr Menschen sterben noch mal in der Summe aller deutschen Fernsehkrimis pro Jahr als in der deutschen Wirklichkeit?); du schaust doch auch sonst keine Serien mehr, die am Ende jeder Folge eine Abgeschlossenheit behaupten und in denen zuvor jede Handlung, wirklich jede Handlung einer Figur mit Dialog gedoppelt wird, zur Sicherheit (warum noch mal eigentlich? Damit Blinde und Taube auch folgen können? Oder Strunzdumme?); du akzeptierst doch auch sonst kein festgelegtes Programmschema mehr, nur beim “Tatort” machst du eine Ausnahme, mit der faden Begründung, es mache doch irgendwie auch ein gutes Gefühl zu wissen, dass sonntags zwischen 20.15 Uhr und 21.45 Uhr fast alle deine Freunde das selbe tun, zu Hause herumsitzen und sich, ja, okay, unter Niveau unterhalten lassen, mit der lausigen Begründung, sonntags um diese Uhrzeit nicht mehr sonderlich aufnahmebereit zu sein, das Wochenende war ja wieder mal furchtbar anstrengend; du würdest doch auch sonst keinen Film anschauen, in dem, sagen wir, Maria Furtwängler oder Til Schweiger die Hauptrollen spielen, und zwar zurecht; du hoffst doch auch längst nicht mehr darauf, dass eines schönen Sonntagabends plötzlich ein wirklich guter “Tatort” kommt, denn wirklich gut soll und kann der nicht sein, der “Tatort”, dafür ist er einfach nicht gemacht. Und immer so weiter. Und immer so fort. Bis irgendwann alle üblichen Argumente vorgebracht sind und die Unterhaltung endlich versandet. Gebracht hat sie niemandem was. Vor allem nicht einem selbst, denn die “Tatort”-Ablehnung ist eine so schrecklich müde Widerstandsgeste, eine so komplett unheroische Pose, dass man schier verrückt werden könnte darüber: dass man sie nicht einfach aufgibt. Doch dann hätte der “Tatort” ja gewonnen.

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