Heimspiel.

Heute durch Düsseldorf gelaufen und gedacht: Irgendwann müsste man sich mal darüber informieren, wie das mit der Erinnerung eigentlich physiologisch funktioniert genau. Gibt ja bestimmt einen Haufen superschicke Neuro-Untersuchungen zur Erinnerungsproduktion, zum Gedächtnis; gibt ja auch offenkundig verschiedene Arten, wie sich Leute was merken, in welcher Form sie wo was speichern, wie das gefiltert wird, was bleibt, was geht, was irgendwann viel später plötzlich wieder da ist. Selbstbeobachtung: Beim Wiederaufsuchen von Orten, von denen man annimmt, sie hätten in einem früher mal was emotional ausgelöst, also wirklich AUSGELÖST, weil man zum Beispiel dort ein paar der Nächte verbracht hat, die man möglicherweise noch immer für konstitutiv hält fürs eigene Verständnis von, sagen wir, Aufregung, Selbstvergessen, Anfänge von Exzess – absolut nichts gespürt. Da lässt sich einfach keine Verbindung mehr aufnehmen zu den Gefühlen, von denen man anscheinend nur noch glaubt, sie müssten mal da gewesen sein. Doch, doch, da muss was gewesen sein. Doch dann: nichts. Vorm “Ratinger Hof” (musikhistorisch zu spät dort getanzt, aber ziemlich super, so weit eben die Erinnerung nicht trügt; das war Anfang bis Mitte der 90er-Jahre), vorm “Relax” (da mutmaßlich exakt zur neuralgischsten Zeit getanzt, 1986, 1987; das “Relax” war Düsseldorfs Hip-Schwulendisco; für einen sich ziemlich heterosexuell begreifenden 15-, 16-Jährigen aus der Kleinstadt mit kaum einem Jahr Club-Erfahrung aus der Gladbacher Altstadt war das der Hammer, die größte Schau überhaupt, auf der Tanzfläche Sekt und Poppers und “Slave To The Rhythm” und rummachende Männer und bunte Versace-Hemden und blaue Montana-Anzüge, und auf dem Klo war dann in der Kabine nebenan Sex, oopsie, da hatte man doch was erlebt, da konnte man doch montags in der Schule von erzählen. Dann aber eben auch: 1985 war Rock Hudson gestorben, und obwohl man auch als 15-Jähriger 1986 schon von Aids gehört haben musste, ist da keine Erinnerung an ein Nachdenken darüber. Wie ging es dann eigentlich weiter mit den Jungs von der Tanzfläche? Heute nicht mal sicher, ob der Laden auf der Jahnstraße in Düsseldorf, über dem “Relax” steht, wirklich der Ort des ursprünglichen “Relax” ist; in der Erinnerung machte das “Relax” bald zu, keine Ahnung warum, und man selbst vergaß, wo genau in Düsseldorf-Friedrichstadt das “Relax” eigentlich gewesen war.) Waren diese Gefühle vielleicht gar nicht so konstitutiv, weil sie andauernd von neuen Gefühlen überschrieben wurden, vermeintlich größeren, stärkeren; der erste Kontakt zu House und Techno kam ja erst nach dem “Relax”. Und da kamen ja auch noch ganz andere Erlebnisse. Keine Verbindung zu vergangenen Gefühlszuständen mehr zu kriegen, das schützt einen zumindest erst mal davor, Nostalgie zu entwickeln. Nostalgie ist doch so eine hässliche Sache, nicht. “Weißt du noch”: Nie einen Satz so anfangen. Aber geht das nicht zwangsläufig irgendwann los? Dass es dann kippt, und dass das Gedächtnis dann zu einer Sentimentalitätsmaschine wird, die sich in Erinnerungen zurück gräbt: Aber eher in Bilderrekonstruktionen im Hirn, nicht? Einen dahingehenden Versuch dieses Frühjahr mal gewagt: noch mal zum Bökelberg hochgelaufen, einem anderen konstitutiven Ort der Jugenderinnerungen, das Stadion ist längst abgerissen, der Schutt längst abgeräumt, doch die Hälfte der Kuhle ist noch da, der Bökelberg war ja ein eingegrabenes Stadion. Gras ist über alles gewachsen. Der drängendste Gedanke dort war dann nicht irgendeine Erinnerung an ein bestimmtes Spiel oder eine Anekdote oder ans Gefühl Mit-dem-Vater-Hingehen oder ans Gefühl Zum-ersten-Mal-alleine-Hingehen. Stattdessen pures Staunen: Das ist ja alles winzig hier, so klein war das alles, kann nicht sein, kann wirklich nicht sein! Das Stadion der Träume: Die Hälfte des Spielfelds ist heute bedeckt von einem einzigen Einfamilienhaus mit einem Zaun drumherum, und an dem Frühjahrstag jetzt zogen wohl bald die Bewohner ein, eine Frau saß oben auf der Terrasse, sie trug so Malermeisterkittelzeugs und machte wohl gerade eine Pause vom Anstreichen, Zigarettchen und so. Sie sah rüber zu uns und dachte bestimmt bei sich: “Stadiontouristen, aha, weiß auch nicht, ob das so eine klasse Idee war, hier zu bauen, ausgerechnet hier.” Nur kurz dem Blick der Frau noch standgehalten, dann rasch Land gewonnen, zurück ins Irgendwoanders. Was man halt so Wirklichkeit nennt, Gegenwart. Morgen ist Heimspiel im immer noch neuen Stadion.

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