Im Kino gerade.

Was kann amerikanisches Serienfernsehen denn jetzt nicht, was nur das Kino kann? Vor paar Tagen im New York Times Magazine von A.O. Scott die These dann zum ersten Mal zu Ende gedacht gelesen, die ja seit einer ganzen Weile schon in der Luft hing (bestimmt war Scott auch gar nicht der Erste, der es dann ausformulierte): Endlich hat das Kino sich diese Frage nicht nur auch mal gestellt, sondern überzeugende, radikale Antworten gefunden auf das neuerliche „Goldene Zeitalter des Fernsehens“ (Kevin Spacey). Man kann die betreffenden Filme einzeln durchgehen. „Gravity“: eine totale Raumerfahrung, alles Handlung and no backstory, und 90 Minuten reichen völlig. „All Is Lost“ (noch nicht gesehen, nur davon gelesen bislang; kommt am 9. Januar in die deutschen Kinos; offenbar ein ganz ähnlich gelagerter Fall wie „Gravity“, nur analog und zweidimensional sozusagen): ein Mann, ein Boot, die Elemente, fast kein Wort wird gesprochen. „Blau ist eine warme Farbe“ (ab heute in den deutschen Kinos, endlich): ein Mädchen und die erste Liebe, drei Stunden aus nächster Nähe, beides ganz elementar wichtig für den Überwältigungseffekt des Films, Länge und Nähe, als Erfahrung so spürbar nur im Kino, kein Pausenknopf, große Leinwand; und nebenbei wird einem während der jetzt schon kaputtdiskutierten Sexszenen beim Zusammengucken mit Wildfremden in einem Saal noch mal die soziale Situation Kinovorführung sehr deutlich, und wie Leute sogar in dunklen Räumen noch voreinander füreinander performen, Lachen, Schämen, Stöhnen (also jetzt nicht im sexuellen Sinne). Beim Sklavereifilm „Twelve Years A Slave“ (kommt am 16. Januar in die deutschen Kinos) ist die Sache aber schon viel komplizierter, weil dieser Film auf so vielen Ebenen gleichzeitig funktioniert, Sinne, Verstand, Gefühlshaushalt beschäftigt; der benutzt viele konventionelle Mittel, auch viele konventionelle Erzählmuster, ist da nicht sonderlich radikal; einiges des Beeindruckungspotenzials wird ganz altmodisch freigesetzt durchs Bewundern schauspielerischer Einzelleistungen (Chiwetel Ejiofor und Michael Fassbender besonders); der extremen körperlichen Gewalt, die man zu sehen kriegt, lässt sich aber nicht aus dem Weg gehen, gerade im Kino nicht, sie lässt sich nicht ironisch betrachten, sie muss ertragen und durchgestanden werden. Dass man letztendlich jedoch da sitzt und heult oder einem wenigstens zum Heulen zumute ist, das liegt daran, dass die Geschichte auf eine hypothetische Frage zuläuft, die einen auch 150 Jahre nach dem dargestellten Geschehen und trotz der eigenen Nichtbetroffenheit als Zuschauer (zumal mit weißer Hautfarbe) im Kinosessel zusammenstaucht: Stell dir vor, du wachst eines Tages auf und findest dich in Ketten. Der Empathiesprung, der da nötig ist über Zeiten und Rassenfragen hinweg, braucht wohl die Totalität der Kinoerfahrung, des elementare Ausgesetztseins. Das also jedenfalls sind ungefähr die Filme, die jenseits der Überwältigungsmaschine Blockbuster und deren ermüdender Überbietungslogik an Schauwerten gerade das Kino als Ort der Erfahrung bedürfen, es zurückerobern. Die nächste Frage wäre dann aber: Welche Genres und Erzählmethoden macht denn das amerikanische Serienfernsehen gerade obsolet fürs Kino? Das herkömmliche Epos ganz sicher, siehe „Mandela“ (kommt am 30. Januar in die deutschen Kinos): Da helfen auch keine afrikanischen Landschaften, die Kinoversion eines so großen menschlichen Lebens kommt einem lächerlich verkürzt vor, wenn man sich allein schon an die Zeit gewöhnt hat, die das Serienfernsehen sich für Figurenerzählungen nehmen kann. Der herkömmliche Indie-Film hat auch ein Problem, selbst wenn er ein klares ästhetisches Konzept hat und sich erzählerisch begrenzt: Sogar bei „Frances Ha“ ist man doch schon aus dem Kino rausgekommen und hat gedacht „Ja, ganz nett, aber für mehr als noch zehn Minuten gute Laune reicht der Film jetzt auch nicht danach, da fehlt einfach viel zu viel, sogar bereits im Vergleich zu ,Girls’“. Und ganz tot ist die herkömmliche romantische Komödie, die hat ja weder echte Schauwerte zu bieten noch eine Story, die nicht völlig absehbar wäre; im amerikanischen Kino kommt sie jetzt schon quasi nicht mehr vor, Katherine Heigl ist die derzeit wohl prominenteste Langzeitarbeitslose Hollywoods. Und damit schließlich könnte man mal nach Deutschland rübergucken, ins Land des mausetoten Fernsehens und der romantischen Kinokomödien: Wie lange eigentlich noch soll das so weitergehen? Und wie lange geht das noch gut für, sagen wir, Til Schweiger?

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