Say Lou Lou.

http://www.muzu.tv/_de/say-lou-lou/better-in-the-dark-musikvideo/2127031/

Man weiß ja gleich, wenn man etwas eigentlich nicht mögen sollte. Musik zum Beispiel, bei der schon so offensichtlich ist, welches ästhetisches Konzept einem da wie verkauft werden soll. Say Lou Lou zum Beispiel, schwedisch-australische Zwillingsschwestern, 22 Jahre alt. Erst hatten sie ihren Fotoblog, da kannte man die Kilbey-Schwestern noch gar nicht, geschweige denn überhaupt mal ein Lied von ihnen. Und man dachte schon: Noch ein historisches Modefoto, auf dem ein klassisches Saint-Laurent-Outfit zirka aus dem Jahr 1975 abgebildet ist, halte ich im Kopf nicht aus. Da passte auch endlich mal der überstrapazierte Begriff “kuratiert”: Einen härter auf guten Geschmack kuratierten Fotoblog kenne ich nicht; doch die Geschmacksbehauptung, die da eben von Anfang an aufgestellt wurde, Weltklasse, die ließe sich doch niemals mit Songs einlösen. Das musste doch zum Scheitern verurteilt sein. Dass Miranda und Elektra Kilbey (die Vornamen müssen erfunden sein) auf den ersten Fotos, die sie dann von sich veröffentlichten, dem Schönheitsideal der Epoche gemäß gestylt waren, die sie visuell am liebsten zitieren, frühe 70er bis frühe 80er, as though Punk never happened though, die ganze Welt ein Roxy-Music-Cover: Das war dann nicht sehr überraschend. Überraschend war, wie perfekt die Selbsteinpassung ins dies hochartifizielle Referenzsystem aus Zitaten funktionierte, und wie völlig ungebrochen vor allem es präsentiert wurde. Es bot einem nicht die Sicherheit einer Doppelbödigkeit: Bei, sagen wir, Lady Gaga kann man sich immer mit einem vermeintlichen Überschuss an irgendwas rausreden, da geht immer noch irgendein weit hergeholtes Argument (das Fame-Spiel; das Geschlechterrollen-Spiel; das Medien-Spiel; und immer so weiter). Say Lou Lou hingegen verweisen auf nichts als Oberflächen, stellen dem Betrachter und dann schließlich auch dem Zuhörer nichts anderes zur Verfügung als: nicht hinterfragbare, nur katalogisierbare Oberfläche. Affirmation als subversive Strategie, diese uralte Popmelodie, wurde da nicht gespielt. Die dunkle Oberfläche des Systems Say Lou Lou darf natürlich eigentlich nicht dem Licht ausgesetzt werden (“Better In The Dark”, die neue, dritte Single, heißt deswegen aber wohl nicht so). Als die Kilbeys mal bei einem H&M-Event letztes Jahr in Berlin aufgetreten sind, wirkten sie fast bedauernswert unsicher live, eigentlich sogar einfach musikalisch schlecht; da wurde eben doch nur ein Zwang hörbar, sichtbar, sich als Act zu beweisen, der seine Musik auch konzertant aufführen kann. Obwohl es dafür absolut keine Notwendigkeit gäbe. Say Lou Lou müssen nicht nur nicht auftreten, sie dürften es eigentlich gar nicht, denn sie sind als hermetische Behauptung zwangsläufig viel, viel besser denn als plötzliche Bühnenpräsenz; warum nicht einfach weiter den Raum des völlig Vagen bespielen, in der nachbearbeitbaren Virtualität von Magazinen und Musikvideos bleiben? Bei “Better In The Dark” kommt nun verschärfend hinzu, dass Lied und Video völlig ohne Not einen Vergleich zu den Hurts aufdrängen; Say Lou Lou als die weiblichen Hurts also. (Dabei kam das Bildersystem Say Lou Lou bislang komplett ohne Männer aus. Männer wurden nicht angesungen, becirct, sich gegenübergestellt; die Schwesternsymbolik war komplett selbstreferenziell, es brauchte kein Außen, nicht irgendein “Anderes”; es war sich selbst genug, und was der männliche Blick daraus machte, war eben außerhalb des eigenen Systems.). Nun also: 80er-Powerballaden-Sound, auch jeder Klang nun hervorragend kuratiert, und im Video tauchen zwei Männer auf, die eben wie die beiden von den Hurts gestylt sind. Ist das schon Angst? Oder schlimmer noch: Ist das Kalkül? Und zwar ein billiges? Wofür dann all die Mühe vorher mit den endlosen Moods und Modefotos auf dem Blog, wofür ein ganzes Referenzsystem aus Zitaten konstruieren, wenn den Hurts-Verweis bei “Better In The Dark” absolut jeder sofort kapiert, offenbar kapieren soll, der oder die in den letzten zwei Jahren mal das Radio für mehr als drei Minuten anhatte? Und damit den ganzen guten Geschmack zerstören? Weil Say Lou Lou vielleicht einfach so großen außermusikalischen Aufwand betreiben müssen, um das von ihnen letztlich womöglich benutzte musikalische Prinzip Karaoke zu tarnen (kuratierte Instrumentalmusik plus “neue” Stimme gleich Karaoke; DJ-Musik ohne DJ)? Nein, der Tarnverdacht ist ja immer nur das Totschlagargument des Muckertums. Das System Say Lou Lou ist natürlich super, man kann und braucht es sich nicht schönreden, denn es ist ja schon alles schön darin. Und dahinter ist: absolut nichts. Außer dem Versprechen auf rückstandslos konsumierbare ästhetische Oberflächen, für die sich die Kilbeys neben ihrer Kuratorinnenarbeit noch zur Verfügung stellen als Bildinhalt. Jemand muss es ja machen, sonst ist es nicht Pop. Solange man von dem hoffentlich nichts anderes mehr erwartet als gut gestaltete Zeitverschwendung, ist das perfekter Pop.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s