Homeland.

„Homeland“ ist die schlechteste Serie, die je gut gefunden wurde. Okay, das ist vielleicht bisschen übertrieben. Tatsächlich aber ist sie auf eine ziemlich unerträgliche Weise manipulativ und dabei zugleich Opfer ihrer eigenen dramaturgischen Volten: Jeder plot turn erzwingt den logischen nächsten, so weit normal bei einer Serie; doch bei „Homeland“ kann man sehen, was passiert, wenn eine Entscheidung mal so grundfalsch war, dass sie eine schier nicht enden wollende Kette katastrophaler weiterer plot turns erzwingt, die eine Serie immer weiter kaputtmacht. Ja, ja, wir steigen mit dem für echte „Homeland“-Fans altbekannten Argument ein, dass Brody eigentlich am Ende der ersten Staffel schon hätte sterben müssen. Doch das Argument stimmt halt. Und bis Sonntagabend war das Nichterfernen Brodys der Auslöser allen Übels bei und an „Homeland“. Deren Macher waren zu feige oder zu bequem, einen der beiden Protagonisten in dem Moment aus der Serie herauszuschreiben, als seine Funktion innerhalb ihrer Großerzählung komplett erfüllt war. Nun, am Ende der dritten Staffel, deren letzte Folge eben am Sonntagabend lief, war es längst zu spät für Brodys Abgang. Dessen Tod am Galgen in Teheran rettet nichts mehr: „Homeland“, und das ist womöglich sogar etwas, das man als Verdienst missverstehen könnte, hat die Grenzen dessen, was eine Serie glaubt, ihren Zuschauern zumuten zu können an Unwahrscheinlichkeiten, längst viel zu weit verschoben. Nur weil etwas passieren kann, muss es das aber nicht. Denn eine Serie sollte plausibel bleiben, und zwar nicht nur innerhalb ihrer eigenen Binnenlogik. Insofern ist „Homeland“ andererseits aber ein interessanter Fall. Ihr Ausgangspunkt als fiktionale Serie war ja ein reales zeithistorisches Ereignis, der 11. September 2001, man hörte es schon immer im Vorspann (Kann es sein, dass die Passage zuletzt gestrichen wurde? Kann gerade nicht nachhören.): „I missed something … I can’t let that happen again“, sagt Carrie, sie fühlt sich also schuldig, die Anschläge unter anderem auf die Twin Towers nicht verhindert zu haben, und deswegen muss sie, für sich, nur für sich und ihren Seelenfrieden, die Wiederholung eines solchen Terroranschlags oder eines ähnlichen Verbrechens gegen die USA verhindern – das ist ihr Auftrag an sich selbst, und den wird sie durchsetzen, mit der Absolutheit derjenigen, die das „Richtige“ tun will, im Zweifel gegen die Entscheidungen ihrer Vorgesetzten bei der CIA und deren „politische“ Motivation. (Gab es eigentlich überhaupt je eine Serie, die so sehr auf der allgemeinen Verachtung des Publikums für alles „Politische“ fußte, von staatlichen Apparaten, von „Washington“ schlechthin? „House of Cards“ etwa tut natürlich etwas ähnliches gerade, doch diese Serie spielt eben mit, huah, offeneren Karten: Ihr Protagonist will nie das „Richtige“, das „Gute“ tun, er will die Macht, und auch wenn die damit moralisch perse entwertet wird und das ganze politische System der USA gleich mit, behauptet „House of Cards“ nichts anderes, als dass das Streben nach Macht als Motivation erst mal reicht. Diese Serie spielt ein Spiel.). „Everybody missed something that day“, antwortet Saul Berenson auf Carrie, ihr Chef und Übervater spricht sie so rückwirkend von aller Schuld frei (oder jedenfalls entlastet er sie davon, dass ihre Schuldgefühle gerechtfertigt sein könnten); er legitimiert dadurch aber auch nur seinen Führungsanspruch ihr gegenüber: Er ist ihr quasimilitärischer Vorgesetzter, for heaven’s sake, und sie hat sich seinen Entscheidungen zu beugen. Anyway: Der 11. September 2001 ist der zeithistorische Anker von „Homeland“ in der Wirklichkeit, und ab da etabliert die Serie ihre eigene, parallele Wirklichkeit, die glaubhaft allein dadurch sein soll, weil sie ja in der dunklen Welt der Geheimdienste spielt. In der kann alles passieren, ist sich das Vorurteil des Zuschauers sicher. Aber sollte das nicht wenigstens halbwegs PLAUSIBEL sein, und zwar gar nicht so sehr gemessen an der ja immer noch mitlaufenden „realen“ Wirklichkeit – sondern daran, dass auch Geheimdienste ihr Spiel LOGISCH spielen und LERNFÄHIG sind? Wie viele Unwahrscheinlichkeiten soll man denn bitte als Zuschauer ohne Murren fressen? Schon die ursprüngliche Prämisse von „Homeland“ testete ja unser Verdauungsvermögen: Ein Marine wird jahrelang im Irak gefangen gehalten, gefoltert, schließlich umgedreht und kehrt als Konvertit und lebendes Terrorwerkzeug irgendwann zurück in die USA – auch schon randständig bescheuert. Aber: okay. Wenn man jetzt ganz viel überspringt und die dritte Staffel betrachtet, muss man doch durchdrehen als Zuschauer: Schon allein diese Nummer, dass in der vierten Folge rauskommt, dass Carrie im Auftrag von Saul drei Folgen lang die endgültig Verrücktgewordene gespielt hat (und zwar selbst dann, wenn die Kamera sie alleine in einem Raum zeigte; der Zuschauer durfte ja nichts ahnen), um sich als Überläuferin dem iranischen Geheimdienst und dessen stellvertretenden Chef Javadi anzudienen, der wiederum, DOPPELSPIEL, ALTER, so als Überläufer angeworben werden soll – COME ON! Und dieser stellvertretende Geheimdienstchef hat natürlich eine gemeinsame Vergangenheit mit Saul, klar, man sieht sich immer zweimal im Leben, besonders unter Spionen und Agenten. Yeah. Und Javadi also, der doch als so kalt kalkulierende Figur eingeführt wird, muss dann aber noch schnell ein privat motiviertes Blutbad auf dem Boden der Vereinigten Staaten von Amerika anrichten, weil man in der Gegend, aus der Javadi stammt, eben Ehrenmorde auch nach Jahrzehnten noch für dringend zu erledigen hält, bevor man sich wieder den Tagesgeschäften (Carrie für den iranischen Geheimdienst einkaufen) widmet. Yeah. Den zivilen Kollateralschaden hat Saul nicht vorhergesehen, aber er verrechnet sich erstaunlich oft übrigens dafür, dass er so ein verdammt riesiges Geheimdienstgenie ist. Aber nun haben seine Fehleinschätzungen auch mal langsam Konsequenzen, denn er wird nicht CIA-Chef, nein, es muss das „Politische“ von außen in den doch so viel besser Bescheid wissenden Geheimdienstapparat eingeschleust werden, Senator Lockhart, der Feind eigentlich; der aber, COME ON!, im entscheidenden Moment plötzlich erpressbar wird durch Saul. Yeah. Und der sich bald trotzdem plötzlich an Sauls Seite stellt als aufgeschobener, nicht aufgehobener Demnächst-CIA-Chef, DENN WENN EINE AMERIKANISCHE SERIE EINFACH NICHT WEITER WEISS, DANN HOLT SIE SICH AUS DEM NICHTS SCHNELL PATRIOTISMUS ALS MOTIVATION FÜR IHRE FIGUREN. Oder soll Senator Lockhart wirklich glauben, Sauls irrer Plan mit Javadi sei eine Spitzenidee? Und dann muss der von den Ereignissen verdammt weit weg nach Caracas geschriebene, neuerdings als Heroin-Junkie reüssierende Brody ja wieder in die Handlung integriert werden; warum bringt der nicht einfach den iranischen Geheimdienstchef um, damit Javadi, diese Doppelnull, an dessen Stelle treten kann und die CIA den iranischen Geheimdienst ab dann von Langley aus fernsteuert? Yeah. Brody ist genau der richtige Mann für den Job, denn er teilt sich ja mit Carrie den Preis für den zuverlässigsten CIA-Mitarbeiter des Jahres. Und dann klappt es sogar, das mit dem Mord. Yeah. Und dann findet Senator Lockhart aber, dass er jetzt mal so langsam von Saul die CIA-Leitung übernehmen müsse, also telefoniert er halt mal schnell mit dem US-Präsidenten, und die beiden finden dann eben, Brody, sorry, stirbt leider im Iran, Javadi muss den mit Carrie auf der Flucht befindlichen Brody nämlich kriegen, um gleich viel glaubwürdiger zu sein als neuer iranischer Geheimdienstchef, diese Ajatollahs sind ja auch nicht blöd; und Saul und Carrie werden also mal wieder übergangen mit ihren hehren Idealen davon, was das Richtige ist. Saul wird endlich mal aufgeklärt, nach paar Jahrzehnten CIA-Tätigkeit: Nicht die Mitarbeiter sind entscheidend, ihre Mission ist es, und also muss man auch mal jemanden von den eigenen Leuten opfern, und Brody war ja eh irgendwie kein echter. Ich habe heute kein Sternchen für Sie an der CIA-Totenwand, sorry, sagt der Senator, da kann Brody noch so schön vom Kran in Teheran baumeln. Yeah. Und was passiert als nächstes? Plötzlich wird die „reale“ Wirklichkeit annähernd wieder hereingebeten, Iran stimmt der Kontrolle seiner Nuklearanlagen zu, und wer hat’s erfunden? DER SAUL. Der sitzt mit seiner Ehefrau (war die nicht eben noch mit dem Mossad im Bett? Dem Mossad!) im Urlaub auf der Dachterrasse, Darling, es gab kein Baguette mehr, also hab ich Croissants mitgebracht. Der Saul also schweigt und genießt seinen weltpolitischen Scoop. Denn das ist das Schicksal der Geheimen: Ihre Verdienste bleiben auch immer geheim. Yeah. Und Carrie, die arme Carrie, trägt aber noch das Kind der Liebe zu Brody unter der Brust, kann es aber nicht behalten, weil sie dann auch mal endlich eingesehen hat, das sie AMTLICH VERRÜCKT ist; was Senator Lockhart, der, obwohl längst CIA-Chef, immer noch „Senator“ genannt wird, damit auch jaaaa niemand vergisst, dass er weiterhin der Feind von außen ist, der „Politiker“ – was also Senator Lockhart trotzdem nicht davon abhält, einer IM ACHTEN MONAT SCHWANGEREN AMTLICH VERRÜCKTEN den Posten als station chief der CIA in Istanbul anzutragen, damit sie von da aus Javadi, den weltpolitischen Superagenten, fernsteuern kann. Yeah. DAS IST DOCH ALLES SCHWACHSINN. Und zwar von vorne bis hinten. Und durch nichts zu rechtfertigen, außer durch die Idee, dass in einer Serie immer das Unwahrscheinlichste passieren muss, damit die Zuschauer andauernd aus dem Sessel fallen vor Überraschung. Und deshalb ist „Homeland“ am Ende doch die schlechteste Serie, die je gut gefunden wurde: Sie hat absolut keinen Respekt vor Plausibilitäten, vor allem aber hat sie keinen Respekt vor der Intelligenz ihrer Zuschauer. „Homeland“ hält uns für dumm. And by the way: Carrie nervt. Aber das tat sie ja vom ersten Augenblick an.

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