Sally Draper.

Noch mal die drei “Child Psychologist”-Videos mit Kiernan Shipka (die in “Mad Men” Don Drapers Tochter Sally spielt) auf “Funny Or Die” angesehen. Wieder der gleiche Effekt wie zuvor: creepy. Eine gerade 14 Jahre alt gewordene Schauspielerin ist als smart / glamourös / sexy gekleidete erwachsene Frau gestylt, relativ unheimlich, eher sogar perfide: Der satirische Inhalt (Kinderstars imitieren erwachsene Stars, also brauchen sie wie die auch unbedingt eine Therapie) wird auf der Bildebene fortgesetzt (Kinderstars imitieren Erwachsene auch stylemäßig); tatsächlich ist Shipkas Outfit aber so spekulativ, sind ihre Röcke derart beinfrei, dass praktiziert wird, was vorgeblich ironisiert wird – das superfrühe Markieren von Mädchen als sexuelle Attraktion. Nach den “Child Psychologist”-Videos die logische Frage also noch mal: Wie ist es in “Mad Men” eigentlich mit Sally? Diese Figur wird ja von Staffel zu Staffel problematischer (und interessanter, auf eine problematische Weise) allein dadurch, dass sie altersgemäß zuletzt der Pubertät immer näher kam. In den ersten drei Staffeln, vielleicht auch noch in der vierten, war Sally eindeutig noch als Kinderfigur eingesetzt, also erst mal harmlos. Doch spätestens mit der Trennung der Eltern wurde sie bereits erstaunlich komplex: In ihren Verhaltensweisen mischten sich immer mehr die supereindeutig verschieden angelegten Charakterzüge ihrer Mutter und ihres Vaters. Sally bekam so eine Art Verstärkerfunktion für die Konflikte zwischen Betty und Don, weil die beiden je das in Sally wieder erkennen konnten, was sie an ihrem bald Ex-Ehepartner verabscheuten oder möglicherweise irgendwann früher einmal gemocht hatten; das war dann schon mehr als die Fortsetzung des Klischeespiels “Sie hat mehr von dir / Sie hat mehr von mir” nach der Trennung der Eltern. Sally hatte nun eher eine Nemesis-Funktion, auch schon ansatzweise creepy. In der zuletzt ausgestrahlten sechsten Staffel bekam Sally dann zum ersten Mal ihre Periode, womit symbolisch der Prozess ihrer allmählichen Frauwerdung auch in der Serie sozusagen offiziell wurde – obwohl sie längst schon als sexuelle Attraktion inszeniert wurde. Denn der ganze Der-weirde-Nachbarsjunge-und-Sally-Subplot war ja von Anfang an relativ schmierig als “geschlechtliches Erwachen” Sallys angelegt. Doch andererseits wird Sally parallel dazu im absehbar eskalierenden Mutter-Tochter-Konflikt positioniert, an dessen Ende wieder mal Betty als die Dumme dastehen wird mutmaßlich: Betty, die geistig Kind gebliebene Frau, ist ja offenkundig die Lieblingshassfigur des show runners Matthew Weiner. Wenn man es nett ausdrücken will, dekonstruiert Weiner mit Betty den Archetypus der Hausfrau und trophy wife der 60er-Jahre und verschafft so Don anfangs ja auch ständig allerbeste Ausreden, um Betty mit interessanteren, moderneren Frauen zu betrügen, dem Hippie/Junkie-Mädchen, der Kaufhauserbin und so weiter. Bettys Abneigung gegen die moderne Welt rührt ja offenkundig von Minderwertigkeitskomplexen her, sie kommt nicht mehr mit, sie hat nur noch ihre Model-Vergangenheit, und die ist wirklich sehr vergangen. Und nun also wechselt Sally symbolisch von der Kinder- auf die Erwachsenenseite und wird endgültig zu Bettys Konkurrentin. Wobei, Gender-Bender, das “Erwachsene” in Sallys Verhalten ja recht eindeutig von ihrem Vater abgeschaut ist, nicht von ihrer Mutter. Sally setzt gleichsam zum Überholen an. Bettys sentimentale Reaktion auf die Nachricht, dass Sally ihre erste Periode hat, könnte darauf schließen lassen, dass ihr noch gar nicht richtig bewusst ist, dass Sally nun bald genau das repräsentieren wird, wonach Don sich bei seinen Affären gesehnt hat (außer bei Sallys Grundschullehrerin, da hatte Don gerade seine weiße Phase sozusagen, da suchte er in einer Affäre nicht Selbstbestätigung, sondern Selbstrettung; und er suchte keine versautere, smartere Frau als Betty dafür – er suchte das absolut Reine, als Frau). Sally ist ein city girl im Werden, “sie hat da mehr von Don”; nur äußerlich, irritierenderweise, ist sie immer noch Betty in jung. Der Mutter-Tochter-Konflikt muss also in der siebten und letzten Staffel, die nächstes Frühjahr beginnt, fast notwendigerweise eskalieren, er ist im Zweifel eben auch viel spannender, als Don Draper immer weiter bei seinem körperlichen, moralischen, mutmaßlich dann auch wirtschaftlichen Abstieg zuschauen zu müssen. Und da Betty nun mal Betty ist, poor girl, Matthew Weiner wird sich schon irgendeine Quälerei wieder für sie einfallen lassen – deshalb bleibt aus der Familie Draper eigentlich nur Sally noch als interessante Figur übrig. Zudem kann die Serie ja im Grunde gar nicht anders, als nun, mit Sallys offiziellem Eintritt in die Pubertät, die Erfindung der Jugend als Zielgruppe in den 60er-Jahren mal endlich an einem konkreten Beispiel zu erzählen (denn selbst die “Jungen” aus Dons Agentur sind ja immer schon zu alt fürs Jungsein und qua ihres Jobs lediglich an der Kommerzialisierung von Jugend interessiert; sie schauen von außen auf ihr eigenes Noch-gerade-so-Jungsein). Nun ist Sally dran, die Baby-Boomer-Generationenvertreterin schlechthin in der Serie. Das Problematische aber daran werden die äußeren Begleitumstände sein: Wenn die “Child Psychologist”-Videos mit Kiernan Shipka einem schon nur creepy vorkommen können, wie creepy wird es dann erst werden, wenn Matthew Weiner bei Sally Draper demnächst ernst machen sollte mit so was wie: Sex.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

w

Connecting to %s