Ryan Gosling.

Gestern Abend endlich mal „Half Nelson“ zu Ende gesehen, die DVD hatte an der ME-Movies drangeklebt, und dann lag sie in München im Zweitzimmer eine ganze Weile herum. Die Sache mit Ryan Gosling ist nämlich die: gucke ihn rückwärts. Also: seine Filme. Also: in umgekehrter Reihenfolge deren Entstehens, so ungefähr. Hatte mich bis „Drive“ nämlich dämlicherweise strikt und sehr bewusst geweigert, ihn überhaupt wahrnehmen zu wollen. Und deshalb ist es nu Arbeit, alles nachzuholen. Bin immer noch dran, „Blue Valentine“ zum Beispiel ist weiterhin aufgeschoben, das womöglich Zweitbeste zum Schluss (ja, ja, es gibt unterschiedliche Meinungen zu „Blue Valentine“, geschenkt; sehen wir ja dann, später). Die lange Weigerung ist umso dümmer, weil sie natürlich aus absolut niederen Beweggründen geschah: Ryan Goslings Schönheit nervte schon auf Filmplakaten und Magazinfotos und im Internet, genauso wie es jetzt umso bescheuerter ist, darüber nachzudenken und zu reden, woher diese Schönheit eigentlich rührt. (Ergebnis: keine Ahnung. Es ist, mit Ausnahme seiner in austrainiertem Zustand abartigen Bauchmuskeln, wohl eher die Summe der Teile als ein spezielles Teil.) Warum sie einen nerven kann, diese Schönheit, ist ja ziemlich offensichtlich. Gosling selbst weiß das offenbar ja auch, seine Rollenwahl in letzter Zeit zumindest legt den Schluss nah, dass ihn seine Schönheit irgendwann auch zu nerven begann, respektive die alles andere verdrängende Faszination, die sie aufs Publikum ausübt. Nach „Crazy, Stupid, Love“ hat er ja keine Figur mehr gespielt, die nicht im Laufe des Films den Körper demoliert kriegt oder gleich von Anfang an bisschen verunstaltet ist, zum Beispiel mit eklige Tätowierungen wie in „Place Beyond The Pines“. Womit er dem Teil des Publikums, der immer noch genervt ist wegen dieser Gosling-Brüllschönheit, eine herzlich willkommene Befriedigung verschafft: „God Only Forgives“ etwa ist als Film in seiner räudigen psychologischen Plumpheit ja eine einzige Hinführung zu dem Höhepunkt, an dem Gosling aber mal so richtig geil vermöbelt wird, und wenn er dann dasteht, total verbeult und wacklig und todessehnsüchtig, dann freut man sich über diese gewalttätigst herbeigeprügelte plötzliche Hässlichkeit des Schönlings, und man vorfreut sich schon auf den Augenblick, wenn dann bald die Sache mit dem Samuraischwert kommt und den appen Arme. Ach, könnte man’s nur richtig sehen, wie ihm die Arme abgeschlagen werden, die Mordwerkzeuge, diese mordsmäßigen Werkzeuge. Und sogar bei „Crazy, Stupid, Love“ ist ja der eigentliche, wenn auch etwas krude Witz, dass Gosling einen Mann spielt, der Frauen gewohnheitsmäßig als Objekte betrachtet, aber erst in dem Moment die Freiheit erlangt (und sich der Liebe einer Frau als würdig erweist), als eine Frau ihn zu exakt dem Objekt degradiert, als das die Zuschauer Gosling immerzu betrachten: „You look like you’ve been photoshopped“, immer noch der beste Dialogsatz über Gosling als Körperprojektionsfläche. Da auch spätestens schwante einem, dass Gosling nicht nur ein ziemlich guter Schauspieler in einer halt arg übertrieben attraktiven Hülle ist, sondern auch offenbar: ziemlich klug. Klug genug jedenfalls, das Kreuz zu schultern, das seine Schönheit bedeutet, und sie in den Filmen, in denen er heute mitspielt, so weit als möglich dekonstruieren zu lassen. So weit jedenfalls, bis wir, die wir nie so schön waren und nie so schön werden wie er: seinen Anblick endlich ertragen.

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