Downton Abbey.

Gestern wieder eine Folge der aktuellen vierten Staffel „Downton Abbey“ geguckt. Zirka nach Verklingen der Anfangsmelodie selbstverständlich gleich großes Selbstentsetzen darüber, was das denn jetzt bitte eigentlich soll: sich diesen Kostümstuss weiter anzutun. Fernsehserien, das ist ja der große Paradigmenwechsel auf der Zuschauerseite, sind doch heute selbstverständlicher Teil der (pop-) kulturellen Bildung und Erbauung, nicht mehr der Zerstreuung, und entsprechende Ansprüche hat man an das eigene Zuschauerverhalten. Welchen vernünftigen Grund also könnte es geben, „Downton Abbey“ anzusehen? Ziemlich sicher ausschließen lassen sich bei einem selbst: das Sentiment „Landlust“ (als Ideologie; als Magazin nie in die Hand genommen, brrr, so weit kommt es noch) oder irgendeine Sehnsucht nach den guten, alten, einfachen Zeiten der Klassengesellschaft. (Letztere sieht der „The Wire“-Erfinder David Simon im Westen und besonders in den USA bereits wieder in fullest effect, wie er in einer düsteren Rede ausführte, die auf der Guardian-Seite vorgestern protokolliert erschien; die sozialrealistische Fernsehserie „The Wire“ habe, sagte Simon, dementsprechend die Welt der neuen Ausgestoßenen und Vergessenen zeigen sollen, jener zehn bis 15 Prozent der Bürger, die überhaupt nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen, weil ihnen für so was einfach das Geld fehlt; es steht zu befürchten, dass der „Lindenstraßen“-Erfinder Hans W. Geißendörfer zwar mit Simon politisch völlig übereinstimmt, aber niemals dessen fabelhaften Drehbücher gelesen oder „The Wire“ auch nur eine Minute lang gesehen hat. Um sich zum Beispiel mal zu informieren, wie Fernsehserie eigentlich heute geht.) „Downton Abbey“ also: eigentlich unsehbar, außer man hat einen schweren Tick für viktorianische Möbel oder deviante Sexrollenspielfantasien, die total herzensgute Altbutler einschließen oder total durchtriebene Zofen oder total verträumte Hausmädchen oder total stockarschige Lords oder deren total hirnparfümierte Töchter. Nichts davon bei einem selbst zu diagnostizieren, allerhöchstens ein meinetwegen auch etwas perverses Vergnügen daran, Leuten beim hochenglischen Parlieren zuzuhören; aber das reicht ja nicht für die Quälerei, die „Downton Abbey“-Gucken ansonsten bedeutet. Alle Viertelstunde also zum Frustrauchen auf Pause gedrückt. Dabei dann kurz gedacht: Ist das jetzt möglicherweise die Fortsetzung von Zuschauerselbsthass mit anderen Mitteln, jenes Selbsthasses nämlich, den man früher, als man noch ernsthaft einen Fernsehapparat besaß, immer beim Betrachten von deutschem Fernsehen verspürte? Eine ferne Erinnerung: Guckt man deutsches Fernsehen, guckt man ja zugleich immer auch der eigenen Lebenszeit beim Verschwendetwerden zu, vom Sofa aus. Die Hölle. Und die Hölle hält man sich im Leben ja zuerst mal selbst kuschelig warm, und nirgendwo hört man das glühende Holz seiner eigenen seelischen Selbstverbrennung wohliger knacksen als vorm Kaminfeuer namens: deutsches Fernsehen. Aber, nein: Selbsthass war das auch nicht, bei „Downton Abbey“. Die Folge zu gucken, das war nicht mal wirklich eine Vermeidungshandlung, auch keine Ablenkung. Nein, „Downton Abbey“ muss etwas anderes triggern, und die beste Verschwörungstheorie, die einem dazu gerade einfällt, die lautet: Julian Fellowes, der Erfinder und Drehbuchschreiber der Serie, lässt in „Downton Abbey“ immer wieder ganz kurz die Möglichkeit aufscheinen, er wolle einem nun wirklich mal erzählen, wie die Moderne begann; die Befreiung der Unterklasse und vor allem des weiblichen Geschlechts zum Beispiel sind immer wieder thematisiert worden, ebenso die Verarmung des englischen Landadels. Doch immer wenn es gerade interessant wird und man glaubt, na, jetzt kommt echt was Gutes, Kluges – dann haut einem Fellowes ein glitschiges Stück Fernsehseife in die Fresse. Plotdreck halt: noch eine dumme Intrige, die die Bösen grundlos aushecken und die Guten einstweilen vom Gutsein abhält; noch ein dummer Figurentod, dessen angebliche Konsequenzen dann endlos weitergestrickt werden. (Den Schauspieler, der Matthew spielte, den eingeheirateten Erben des Landsitzes Downton Abbey, fängt man als Zuschauer dann wirklich an zu hassen dafür, dass er nach der dritten Staffel freiwillig aus der Serie ausgestiegen ist. Denn das bedeutet für die vierte Staffel: endlose Trauerlabereien der jungen Witwe Mary und von Matthews eh schon unerträglichen Frau Mama.) Dieser Plotdreck jedoch simuliert lediglich einen Handlungsfortgang, der in Wahrheit der Idee dieser Serie im Kern widerspricht: In ihr soll die Zeit still stehen, für immer. „Downton Abbey“ will tatsächlich eigentlich das Gegenteil von Bewegtbildern produzieren, es will eine verblichene Fotografie sein, ein staubbedecktes Gemälde gar, das Panorama einer untergegangenen Epoche. Wir sollen, anders als bei “Mad Men”, nicht der eigenen Zeit beim Entstehen zuschauen. Aber ein Gemälde kann man ja nicht ins Fernsehen stellen; im Fernsehen muss sich permanent was bewegen. Also quält sich „Downton Abbey“ in der Zeit nach vorne, so langsam es eben geht. Doch während es bei anderen, klügeren Serien ein Vergnügen ist, die nächste Volte vorher zu ahnen (um im besten Fall von einer noch tolleren Volte überrascht zu werden; und davon begeistert zu sein, wie gut und logisch diese Volte dann exekutiert wird, dramaturgisch, filmisch), läuft es bei „Downton Abbey“ ganz altbekannt darauf hinaus, dass die Erzählung stets einem vermeintlichen Happy Ending entgegenstrebt. Von dem man jedoch ganz genau weiß, dass dieser Zustand des relativen Glücks der Figuren immer fragil sein muss, immer nur vorläufig; wäre und bliebe alles gut, wäre die Serie am Ende. Oh, fuck: Spielt „Downton Abbey“ also vielleicht doch das wahre Leben nach? Nein, nein, nein, das kann nicht sein. Es darf vor allem nicht sein.

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