Mönchengladbach.

Das Interessante an Fußballmythen ist ja nicht ihr vermeintlicher Wahrheitsgehalt oder ihr hemmungsloser Gebrauch von Stereotypisierungen, sondern die Zufälligkeit ihres Entstehens. Und welche Auslassungen dafür gemacht werden. Zum Beispiel: Borussia Mönchengladbach (bin da geboren, weiß also ungefähr, wie es da so aussieht, und musste mir die Borussia gar nicht erst als Verein aussuchen; hätte mich allenfalls bewusst dagegen entscheiden können, den Club super zu finden, was aber echt schwer gewesen wäre, jaja). Die bis heute wirksamen Grundelemente dieses erst in den 70er-Jahren entstandenen Vereinsmythos sind dort: Angriffs- und Konterfußball (früher mal ernsthaft als “links” diskutiert), junge Spieler (“Fohlen”), Unangepasstsein / Glam / Genialität / geil aufreizende Faulheit (Netzer), finanzieller Underdog-Status. Alles so weit bekannt. Aber warum passierte das in Mönchengladbach und wie passt “die Region” da hinein, deren vermeintlicher “Charakter” in Vereinsmythen ja immer mitverarbeitet wird? Die Region wird bei Borussia Mönchengladbach eben gerade nicht miterzählt, und das könnte ein oder sogar der Grund dafür sein, weshalb dieser Vereinsmythos überregionaler funktioniert und überhaupt anschlussfähiger ist als andere. Was alles nicht vorkommt bei Borussia: das traditionell Bäuerliche der Gegend (Rüben, Getreide, Kühe; Pferdezucht gab und gibt es zwar, doch da ging es früher eher um Brauereigäule und Fleischproduktion als um schicke Renn- oder Springpferde und deren Fohlen); das Konservative (Mönchengladbach, obwohl seit langem Mittelstadt, hatte nach dem Krieg bis 2004 ausschließlich Oberbürgermeister, die der CDU oder früher dem Zentrum angehörten); das Katholische (in einer übrigens eher unspaßigen Version gerade im Gegensatz zu Köln; der Katholizismus am Niederrhein ist traditionell eher frömmelnd und schlechtgelaunt). Interessant auch, dass im Gegensatz etwa zu den Ruhrgebietsvereinen die einzige industrielle Grundlage der Heimatstadt des Clubs nicht die geringste mythologische Rolle spielte und spielt: In den 70er-Jahren, also in der Gründerzeit des Borussia-Mythos, ging in Mönchengladbach die Textilindustrie endgültig den Bach runter (der Teil, der Maschinen baute gerade auch für die Textilindustrie, überlebte hingegen halbwegs, bis heute); doch Borussia wurde weder zuvor als (Textil-) Arbeiterverein betrachtet, noch wurde der Niedergang des relativen Bisschen Industrie in der Stadt dann gleichsam kompensatorisch umgeleitet in den Vereinsmythos wie etwa bei Schalke und Dortmund. Dem Fußball wurde also weder eine Ablenkungsfunktion von allgemeinen wirtschaftlichen Problemen gegeben (wenigstens samstags im Stadion kann man mal zu den Siegern im Leben gehören), noch wurde die Interpretation des Spiels selbst damit aufgeladen (nach dem Motto: Fußball muss erst mal gearbeitet werden, egal, wie unansehnlich er dann wird; siehe Schalke). Im Gegenteil: Die “Fohlen”-Metapher mit ihrer Idee von Stürmen, Rennen, Unbeschwertheit hat nicht nur keinen wirklichen regionalen Bezug, sie widerspricht eigentlich der relativen Erdenschwere und latenten Verregnetheit der Gegend; und die Leichtfertigkeit und Nonchalance, ja Weltläufigkeit, die Netzer dann verkörperte, hatte, gemessen an der Stadt und der Region, fast etwas von einer Travestie. Ohnehin hätte das Kunstvolle eher in die traditionell wohlhabendere, kulturaffinere, weltoffenere Nachbarstadt Krefeld gepasst (“Die Stadt aus Samt und Seide”), doch die wurde einerseits wie Duisburg fälschlicherweise auch fußballerisch dem Ruhrgebiet zugeschlagen (wo ein Stahlwerk steht, da ist halt der Pott), und andererseits kämpfte ihr wesentlicher Club mit dem Stigma der (auch noch kleineren) Werksmannschaft: Bayer Uerdingen (heute KFC Uerdingen, Regionalliga West) kam aus einem unansehnlichen Stadtteil, spielte unansehnlichen Fußball, hatte kaum Fans und wurde nicht mal im Niedergang anständig beweint. Gladbach hingegen und seine Landeier, wie Netzer ja nun auch eines war, trotz Ferrari und Disco und langen Haaren und Spanien irgendwann? Der wurde am Ende zu Nancy Sinatras Hochzeit eingeladen. Ein Zufall auch das. Aber in einem Sport, in dem das Wort AUSGERECHNET den Zufall zur Zwangsläufigkeit erklären kann, immer wieder, und damit jede dramaturgisch gerade passende Volte als Beleg für die Existenz einer höheren Logik hernimmt (“Ausgerechnet Matthäus!”, “Ausgerechnet Götze!”, you know the score) – in einem solchen Sport bedarf ein Mythos vermutlich keiner faktischen Grundlage. Man muss bloß wissen, welchen Teil der Geschichte man nicht erzählen sollte, um die Geschichte als Ganzes nicht zu versauen. (Oder machen Menschen doch Geschichte? Ach nee, das klären wir später, es ist Sonntag, Gladbach hat gestern Schalke besiegt und ist jetzt punktgleich mit Dortmund; egal warum, es ist eine Traumsaison gerade, und manche Sachen muss man ja auch einfach so stehen lassen können, ungeklärt, unerklärt, bis auf weiteres.)

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