Ich. (Eine sozialmediale Konstruktion, Bauphase)

Ich schreibe ungern: ich. Es gibt dafür verschiedene Gründe, private wie professionelle, und der wichtigste ist wohl, dass “ich” eine viel zu komplexe Konstruktion ist, um einen Text (und mittelbar dessen Leser) damit zu behelligen. Wer “ich” schreibt, behauptet zunächst einmal, dass die Beziehung zwischen diesem “Ich” und dem, was in der Folge im Text beschrieben wird, so erheblich ist, dass dieses “Ich” unbedingt mitgeschrieben werden muss. Dabei setzt jeder Text bereits qua seiner Existenz die Position eines Schreibenden respektive Beschreibenden voraus: Solange es sich nicht um irgendwelche Rollenprosa handelt, ist alles, was da steht, bereits Ausdruck einer Ich-Perspektive auf die Welt beziehungsweise desjenigen Ausschnitts der Welt, der im Text beschrieben wird. Warum also diese Position noch mit dem “Ich” überbetonen, wenn ICH, der Schreibende, doch im ganzen gottverdammten Text bereits drinsteht? Und das hat nichts mit falscher Bescheidenheit zu tun. Aber auch wenig mit einer unhaltbaren Objektivitätsbehauptung: Natürlich ist der Blick des Schreibenden subjektiv. Nicht “ich” zu schreiben, das erspart allen Beteiligten einfach die unnötige Arbeit, sich mit diesem “Ich” näher beschäftigen zu müssen, seiner Verfasstheit, inneren Beschaffenheit, seinen Voraussetzungen. “Ich” ist eine nur scheinbar vereinfachende, nur scheinbar beglaubigende Positionsbestimmung innerhalb eines Textes. Denn wer “ich” schreibt, performt notwendigerweise sein soziales (und in Zusammenhängen wie diesen hier: sozialmediales) “Ich” bereits im Text mit. Wie anstrengend! Man muss sich selbst (beziehungsweise die inszenierbare Idealvorstellung, die man von sich selbst entwickelt hat) doch schon genug AUFFÜHREN, sobald man unter Menschen ist, da möchte man doch wenigstens beim Schreiben nicht auch noch ein “Ich” performen müssen. Wobei natürlich genau in der Möglichkeit, seine höchsteigene, möglicherweise aber auch nur per Copy-Paste-Verfahren erstellte Idee eines Selbst wenigstens in Teilen zu FIKTIONALISIEREN, das große Heils- oder (noch wertender ausgedrückt) Optimierungsversprechen aller sozialmedialen Kommunikation liegt: Mein sozialmediales “Ich” sieht auf Fotos immer viel besser aus als mein Spiegel-Ich (Thanks, Photoshop!); es riecht niemals schlecht, es riecht einfach nach gar nichts; es weiß bedeutend mehr, es vergisst auch nichts (Thanks, Wikipedia!); es ist witziger, denn es hat den entscheidenden Moment mehr Zeit als in einer unmittelbaren Kommunikationssituation, um sich eine schlaue Pointe zu überlegen, für die Kommentarspalte; es hat einen erheblich unfehlbareren Geschmack, denn es kann sich selbst mit den unendlich vielen “coolen”, “schönen”, “guten” Images und Sounds umgeben und dergestalt illustrieren, die eine Google-Bildersuche und die Youtube-Favoritenliste hergeben; es ist in seiner Geschmacksbeweisführung also nicht so situativ beschränkt wie beim tatsächlichen Auftreten des “Ich” als realer Körper in einer (hoffentlich) als geschmackssicher, gar attraktiv erkannten Hülle aus Klamotte und Duft. “Ich” ist auf Facebook so viel besser als “ich” in echt! Und “ich” erscheint in diesem Blog-Eintrag auch so viel konziser in seinen Gedankengängen als “ich” in echt. Wobei “echt” nichts mit “authentisch” zu tun hat: “Authentisch”, um diese Diskussion sofort abzuwürgen, ist langweilig, dumm, nicht erstrebenswert, nicht diskursfähig. DU SIEHST: Es gibt scheinbar keinen Ausgang aus der Hölle / aus dem Himmel der permanenten Selbstinszenierung. Denn dieser Blog-Eintrag, der allererste, ist ja auch nichts anderes als: eine Performance. Read me. Like me. Love me.

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