My Very American Year.

2017 war mein amerikanischstes Jahr ever. Das hier hab ich so gelesen, gehört, gesehen – und außergewöhnlich gefunden. Eine total subjektive Liste. Enjoy, wie Donald Trump sagen würde.

Die Geschichte des Jahres: S-Town 

https://stownpodcast.org


Porträt, das man gelesen haben musste: Markus Feldenkirchen über Martin Schulz, „Mannomannomann“, Der Spiegel.

https://blendle.com/i/der-spiegel/mannomannomann/bnl-derspiegel-20170929-2821a8b2471?sharer=eyJ2ZXJzaW9uIjoiMSIsInVpZCI6ImRpcmtwZWl0eiIsIml0ZW1faWQiOiJibmwtZGVyc3BpZWdlbC0yMDE3MDkyOS0yODIxYThiMjQ3MSJ9


Der andere Podcast des Jahres, ein werktägliches Must-listen-to (wenn’s so was gibt, haha): „The Daily“ der New York Times, mit Michael Barbaro.

https://www.nytimes.com/podcasts/the-daily


Der zweite andere Podcast des Jahres: Malcolm Gladwell, „Revisionist History“, Season 2.

Folge 6, „The King of Tears“: über den Mann, der den traurigsten Song aller Zeiten schreiben wollte.

http://revisionisthistory.com/episodes/16-the-king-of-tears

Folge 7, „State v. Johnson“: über Schuld und Sühne und Unschuld und die Südstaaten.

http://revisionisthistory.com/episodes/17-state-v-johnson

Folge 10, „The Basement Tapes“: über einen Mann, in dessen Keller die Lösung für ein wissenschaftliches Rätsel lagerte.

http://revisionisthistory.com/episodes/20-the-basement-tapes


Der dritte andere Podcast des Jahres: „Dirty John“ von Christopher Goffard, die Kriminalgeschichte einer Verführung, L.A. Times.

Die erste Folge als Story (der sechsteilige Podcast ist gleich oben eingebunden): http://www.latimes.com/projects/la-me-dirty-john/#nt=outfit


Eine Geschichte, die mir das Herz brach: Am 13. März starb die Autorin Amy Krouse Rosenthal, zehn Tage zuvor erschien ihr Text „You May Want to Marry My Husband“ in der New York Times.

https://www.nytimes.com/2017/03/03/style/modern-love-you-may-want-to-marry-my-husband.html?smid=tw-nytstyles&smtyp=cur&_r=0

In der Folge vom 29. Mai des NPR-Podcast „Modern Love“ liest Debra Winger den Text vor:

https://www.npr.org/podcasts/469516571/modern-love


Die Enthüllungsgeschichte des Jahres: Harvey Weinstein

Die Story von Jodi Kantor und Megan Twohey aus der New York Times, mit der alles begann: https://www.nytimes.com/2017/10/05/us/harvey-weinstein-harassment-allegations.html

Die drei wichtigsten Stories von Ronan Farrow aus dem New Yorker, die anschließend folgten (in chronologischer Reihenfolge):

https://www.newyorker.com/news/news-desk/from-aggressive-overtures-to-sexual-assault-harvey-weinsteins-accusers-tell-their-stories

https://www.newyorker.com/news/news-desk/weighing-the-costs-of-speaking-out-about-harvey-weinstein

https://www.newyorker.com/news/news-desk/harvey-weinsteins-army-of-spies


Journalistengespräch des Jahres, über Journalismus, na klar: Ezra Klein von Vox interviewt David Remnick vom New Yorker:

https://www.stitcher.com/podcast/the-ezra-klein-show/e/51526503


Der Essay des Jahres, Ta-Nehisi Coates, „The First White President“ aus dem Atlantic:

https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2017/10/the-first-white-president-ta-nehisi-coates/537909/


Zwei eindrucksvolle Porträts, die die Lebensläufe zweier weißer Männer nachzeichnen – und wie sie zu Nazis wurden:

„A Most American Terrorist: The Making of Dylann Roof“, Rachel Kaadzi Ghansah, GQ.

https://www.gq.com/story/dylann-roof-making-of-an-american-terrorist

„The Making of an American Nazi“, Luke O’Brien, The Atlantic.

https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2017/12/the-making-of-an-american-nazi/544119/


Kurze Pause zum Durchschnaufen: „How the sandwich consumed Britain“, eine total tolle Kulturgeschichte des modernen britischen Sandwich von Sam Knight, The Guardian:

https://www.theguardian.com/news/2017/nov/24/how-the-sandwich-consumed-britain


Eine Geschichte zum sentimental werden: Acht Jahre Obama in der Poststelle des Weißen Hauses:

https://www.nytimes.com/2017/01/17/magazine/what-americans-wrote-to-obama.html?rref=collection%2Fsectioncollection%2Fmagazine&action=click&contentCollection=magazine&region=rank&module=package&version=highlights&contentPlacement=1&pgtype=sectionfront


Fünf Lieblingssongs:

Kamasi Washington, „Truth“: https://www.youtube.com/watch?v=rtW1S5EbHgU

Thundercat feat. Michael McDonald & Kenny Loggins, „Show you the Way“: https://www.youtube.com/watch?v=Z-zdIGxOJ4M

Rhye, „Count to Five“: https://www.youtube.com/watch?v=sxUqBS_gzfM

Laurence Guy, „Saw you for the First Time“: https://www.youtube.com/watch?v=ChyJYQgpgrU

Jad & The, „Accidental Audi Driver“: https://www.youtube.com/watch?v=y4KVMFrSqy8


Die Hacker-Überraschung des Jahres: Hinter dem Mirai-Botnet steckten weder Russland noch Nordkorea noch ein Bond-Bösewicht, sondern drei amerikanische Jungs mit einer Schwäche für Minecraft – eine weitere Supergeschichte von Garrett M. Graff aus der US-Wired, der außerdem der allerbeste Robert-Mueller-Experte ist, schließlich hat er vor Jahren ein Buch über den damaligen FBI-Chef geschrieben:

https://www.wired.com/story/mirai-botnet-minecraft-scam-brought-down-the-internet/


Sechs Lieblingsgeschichten aus dem New Yorker, der 2017 ein fantastisches Jahr hatte:

Evan Osnos über reiche Prepper: https://www.newyorker.com/magazine/2017/01/30/doomsday-prep-for-the-super-rich

Jane Mayer über Robert Mercer, Trumps milliardenschweren Großsponsor: https://www.newyorker.com/magazine/2017/03/27/the-reclusive-hedge-fund-tycoon-behind-the-trump-presidency

Lawrence Wright über Texas, die Zukunft Amerikas: https://www.newyorker.com/magazine/2017/07/10/americas-future-is-texas

Evan Osnos (again), live aus Nordkorea: https://www.newyorker.com/magazine/2017/09/18/the-risk-of-nuclear-war-with-north-korea

Dexter Filkins’ Porträt über Rex Tillerson: https://www.newyorker.com/magazine/2017/10/16/rex-tillerson-at-the-breaking-point

Adam Davidsons Recherche über Trumps Geschäfte im Osten, featuring Iran: https://www.newyorker.com/magazine/2017/03/13/donald-trumps-worst-deal


Das andere Lieblingsbuch des Jahres, das nicht von Ta-Nehesi Coates („We Were Eight Years in Power“) stammt: David Grann hat eine hundert Jahre zurückliegende Mordserie an Mitgliedern des Stammes der Osage recherchiert; „Killers of the Flower Moon“ erzählt zugleich die Frühgeschichte des heutigen FBI. Martin Scorsese verfilmt das Buch, Leonardo DiCaprio wird die (oder eine) Hauptrolle spielen.

https://www.amazon.de/Killers-Flower-Moon-Osage-Murders/dp/0385542488/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1513815656&sr=8-1&keywords=killers+of+the+flower+moon


Noch eine Geschichte, die mir das Herz brach: „Chika’s Story“ von Mitch Albom, Detroit Free Press:

https://www.freep.com/story/sports/columnists/mitch-albom/2017/06/11/chika-story-daughter-cancer-mitch-albom/322589001/?hootPostID=5a9c20223c503de745876986b3961de4


Stalking in digitalen Zeiten: beängstigende Titelstory von Brooke Jarvis in der US-Wired über eine Frau, ihre Beziehung und einen Eindringling, den man nicht mehr loswird.

https://www.wired.com/story/how-one-womans-digital-life-was-weaponized-against-her/


Lieblingsfilm, der keine Auszeichnungen bekommen hat:

Mike Mills, „20th Century Women“: https://www.youtube.com/watch?v=bxcvng_CpMQ


Das California Sunday Magazine ist das schönste Magazin der Gegenwart, find ich, und das aktuelle Teenager-Heft ist dann gleich wunderschön. Elizabeth Weil erzählt darin von der Erziehung ihrer Tochter – und deren Kommentare dazu werden gleich mitgeliefert:

https://story.californiasunday.com/raising-a-teenage-daughter


Lieblingsfolge einer delightfully schmaltzy Serie: Netflix, „The Crown“, Season 2, Episode 4, „Beryl“:

Die Selbstbefreiung Princess Margarets. Vanessa Kirby und Matthew Goode spielen das, was eigentlich total creepy sein müsste, sehr schön.


Lieblingsserie natürlich gerade:

Netflix, „Stranger Things“, Season 2.


Der Brüller des Jahres: Das abendliche Telefongespräch zwischen (dem mittlerweile vom New Yorker wegen sexual misconduct entlassenen) Ryan Lizza und The Mooch:

https://www.newyorker.com/news/ryan-lizza/anthony-scaramucci-called-me-to-unload-about-white-house-leakers-reince-priebus-and-steve-bannon


Die eindrucksvollste Recherche, die eine bislang wenig bekannte Tatsache enthüllt: Die Luftschläge der US-Streitkräfte gegen den IS im Irak haben wesentlich mehr Menschenleben gefordert als angenommen und behauptet. „The Uncounted“, New York Times.

https://www.nytimes.com/interactive/2017/11/16/magazine/uncounted-civilian-casualties-iraq-airstrikes.html?smid=tw-share&_r=1


Wenn ein Polizist zum Bankräuber wird: eine dieser Cop-Stories, die irgendwie nur in Amerika spielen können. Von Jeff Maysh, Los Angeles Magazine.

http://www.lamag.com/longform/snowbird-bandit-randy-adair/


Und schließlich die unglaublichste Liebesgeschichte aus dem Atlantic:

https://www.theatlantic.com/technology/archive/2017/10/hook-line-and-sinker/542748/

Traveling Light.

Dann seufzte er, es entstand eine seltsam lange Pause, so als müssten die Gedanken sich erst durch diesen Puffer aus Morphium kämpfen. Vielleicht suchte mein Vater nach einem letzten Gedanken; einem, der es wert war, jetzt noch geäußert zu werden. Denn viele würden es ja nicht mehr sein, die er noch mitteilen können würde, und vermutlich ahnte er das längst.

Mein Vater sagte schließlich: „Was für ein verrücktes Leben.“ Dann betrat, als habe sie auf ihr Stichwort gewartet, meine Mutter wieder den Raum.

„Was für ein verrücktes Leben“: Ich verstand den Satz nicht. Jedenfalls nicht aus dem Munde meines Vaters. Er hatte, so war es mir erschienen, so erscheint es mir bis heute, das genaue Gegenteil eines verrückten Lebens geführt. Verrücktheit, glaubte ich, glaube ich noch heute, hatte meinem Vater eher Angst gemacht. Sein ganzes Leben, so verstand ich es, verstehe ich es bis heute, war der Vermeidung jeglicher Verrücktheit gewidmet. Bloß keinen Gefühlen folgen, bloß alles rational angehen, bloß nicht die Kontrolle verlieren.

„Was für ein verrücktes Leben“: Ich verstehe den Satz noch immer nicht. Zehn Jahre später ist er mir weiter ein Rätsel. Eines, das ich irgendwann mal lösen sollte. Wenn es denn überhaupt eine Auflösung gibt für dies Rätsel namens Leben.

Letzten Sätzen wird ja oft zu viel Bedeutung beigemessen.

Trump.

Womit anfangen?

Das wird das Problem sein in den nächsten vier Jahren, Tag für Tag: Womit anfangen?

Gestern allein schon. Da steht dieser Mann im Hauptquartier der CIA vor der Memorial Wall, auf der 117 Sterne die im Laufe der Existenz dieses Geheimdienstes im Einsatz getöteten Mitarbeiter symbolisieren. Und Trump, der die lebenden, aktiven Mitarbeiter dieses Geheimdienstes vor ein paar Tagen noch mit deutschen Geheimdiensten der Nazizeit  verglichen hat (er wurde da nicht spezifischer, er wird ja nie spezifischer), labert irgendeinen unzusammenhängenden Stuss: Niemanden liebt er mehr als die Mitarbeiter der CIA, klar, echt jetzt, und dann ist da aber noch die Sache mit der Zuschauerzahl bei seiner Inauguration, eine Million, anderthalb Million, locker, und da war ja noch der Regen, weswegen die ja auch hätten zu Hause bleiben können, und der Regen wiederum, also das war, als ob Gott den Regen in dem Moment gestoppt hat, als er, Trump, ans Rednerpult gegangen ist, und dann hat eben Gott, und überhaupt ist er, Trump, ja im Krieg mit den Medien, und die lügen nur, die lügen die ganze Zeit …

Ich zum Beispiel schaffe ja nicht mal den gedanklichen Sprung, nun plötzlich Solidarität empfinden zu sollen mit der CIA.

Etwa deshalb, weil es absolut beleidigend es sein muss als Geheimdienstmitarbeiter und überhaupt Staatsdiener, Trump als obersten Dienstherrn zu haben für die nächsten vier Jahre – einen Mann, der völlig ahnungslos ist, in wirklich jeder Beziehung, und der einen gestern als Nazi bezeichnet und heute als Helden und morgen als dann noch was anderes; einen Mann, der es bislang ablehnt, das tägliche Geheimdienstbriefing zu lesen oder überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, was unter anderem die CIA da für den Präsidenten der Vereinigten Staaten so an Informationen zusammenträgt; einen Mann, der mutmaßlich sehr bald schon unter anderem diesen Geheimdienst einsetzen wird, um – ja, was dann wohl zu tun?

Da komme ich schon nicht mehr mit. Da platzt mir schier der Kopf.

Und kurze Zeit später, wohl weil er nicht genug hat, den Trump kann nie genug haben, schickt dieser Mann dann seinen Sprecher zum ersten Mal vor das versammelte White House Press Corps, und Sean Spicer lässt dann einen fünfminütigen rant los über die vorgeblichen Lügen der Medien zu den Zuschauerzahlen bei der Inauguration, das also ist als Thema so bedeutsam, dass die erste Pressekonferenz des neuen White House Press Secretary davon handelt, aber wir reden ja auch schon von kaum was anderem, wir haben uns schon in Geiselhaft nehmen lassen von der Paranoia dieses Mannes, Trump, und Spicer reiht eine Lüge an die andere, objektiv stimmt fast nichts, was er sagt, bald schreit, und am Ende stürmt dieser Sean Spicer aus dem Saal, ohne dem White House Press Corps auch nur eine einzige Nachfrage zu gestatten, und jeder kann aber noch mal die Bildervergleiche der Inaugurationen sehen, 2009 und 2017, vor aller Augen also steht der selbsternannte Volkstribun Trump nackt da wie der sprichwörtliche Kaiser, doch es stellt sich keine Erleichterung ein darüber, dass alle den Bluff erkannt haben werden, stattdessen wird das Gefühl nur noch bedrückender: Wir sehen jemandem dabei zu, Trump, wie er eine alternative Realität erfindet, erfinden lässt, im lächerlichsten Stile mittelmäßiger Diktatoren kurz vor ihrem Sturz, doch er hat eben erst angefangen, dieser irgendwie gewählte Präsident, und es ändert auch nichts, dass diese alternative Realität lediglich der Aufplüsterung seines eigenen Egos dient, dieser Mann ist jetzt eben Präsident, und wie weit auch immer seine Version von Realität von einer objektiven, objektivierbaren entfernt sein mag – Trumps Realität wird sein Handeln bestimmen, und nicht nur die Bürger seines Landes werden die Konsequenzen zu tragen haben.

Da komme ich schon nicht mehr mit. Da platzt mir schier der Kopf.

Und während Sean Spicer im Weißen Haus wütet, ziehen draußen geschätzt eine halbe Million Frauen (und Männer) vorbei, und überall im Land und auf der Welt tun es andere auch, laufen, singen, schreien an gegen Trump. Doch diese Menschen kamen nicht vor in Spicers rant, weil sie es ja nicht dürfen, der Protest, obwohl so groß und so sichtbar, darf ja nicht einsickern in diese alternative Realität, jede Erwähnung würde die Existenz des Protests überhaupt erst bestätigen, doch was nicht sein darf, kann auch nicht sein, und so ist der Protest auf sich selbst zurückgeworfen: Er wird aus sich selbst heraus und für sich existieren müssen, im Widerstreit gegen die alternative Realität Trumps, der nun die geballte Exekutive seines Landes zur Herstellung oder zumindest Bestätigung seiner Fiktionen zur Hand hat, und in welcher Form der Protest dagegen über vier Jahre hinweg geschehen kann, weiß vermutlich noch niemand.

Aber der Morgen ist ja noch jung in Amerika, der neue Präsident wird in seinen neuen Gemächern gerade erst aufwachen, und bestimmt fällt ihm noch ein, wie er seine Gegner, die da gestern so mächtig protestiert haben, kleinmachen kann, beleidigen, herabwürdigen.

Und da ist er auch schon aufgewacht:

“Had a great meeting at CIA Headquarters yesterday, packed house, paid great respect to Wall, long standing ovations, amazing people. WIN!“

“Watched protests yesterday but was under the impression that we just had an election! Why didn’t these people vote? Celebs hurt cause badly.“

“Wow, television ratings just out: 31 million people watched the Inauguration, 11 million more than the very good ratings from 4 years ago!“

Nun, es ist halt eine Frage, womit verglichen wird. Bei Variety geht das so:

“Donald Trump‘s inauguration day ceremonies grabbed 30.6 million viewers on Friday, significantly lower than the crowd that turned out for Barack Obama’s first inauguration in 2009. Nielsen measured the 12 networks that aired any live coverage of inaugural events between 10 a.m. and 6 p.m. ET. Obama’s history-making first time out averaged 37.7 million viewers. The highest-rated inauguration remains Ronald Reagan in 1981, which brought in 41.8 million viewers.“

Aber damit anfangen? Mit Einschaltquoten? Ernsthaft? Schon ist man wieder auf Trumps Ego hereingefallen.

Eines jedenfalls ist klar: Es kann einem nicht jeden Tag schier der Kopf platzen.

Spannend.

Das Unwort des Jahres 2016 wird erst im Januar 2017 bekanntgegeben, doch ein guter, wenn auch vermutlich chancenloser Kandidat dafür wäre das Adjektiv spannend.

Seit einer Weile wird es inflationär gebraucht von Menschen, die sich mit der Zukunft beschäftigen, über sie nachdenken, an ihr arbeiten, in sie investieren. Oder bloß vorgeben, etwas davon zu tun. Oder, schlimmer noch, fälschlicherweise glauben, etwas mit der Zukunft zu tun zu haben. Jede verdammte Idee, die irgendwer irgendwo in die Welt hinausatmet, wird spannend genannt.

Spannend, so nannte man früher lediglich die Handlung von Krimis. Die Antwort darauf, wer der Mörder sei, whodunit, die sollte möglichst gut und lange hinausgezögert werden – der Spannungsbogen bezeichnete die Zeit der Ungewissheit bis zur Auflösung, und die kunstvolle Verzögerung sollte einem wohlige Schauer bereiten als Leser oder Zuschauer.

Mag man den Siegeszug des Adjektivs spannend in der Startup-, Digital- und Irgendwas-mit-Medienwirtschaft nun langsam auch nervtötend finden, so steckt dahinter doch mehr als nur einfallsloser Sprachgebrauch. Das Wort spannend bezeichnet etwas, dessen Ausgang noch nicht feststeht in dem Moment seines Entstehens – und die Denke dahinter ist neu, zumindest in Deutschland.

Wir haben doch ursprünglich alle mal gelernt, dass man die Dinge vom Ende her denken und betrachten möge. Und womöglich weil Enden nun mal die Tendenz dazu haben, eher unerfreulich zu sein, hat es in Deutschland wohl sehr lange eine Kultur des Gar-nicht-erst-Anfangens gegeben. Stattdessen wurde das, was eh schon immer da zu sein schien, besser gemacht: effizienter, langlebiger, bequemer, umweltschonender und so weiter.

In diesem kleinen, hässlichen Wort spannend bündelt sich nun womöglich das Beste, was dieses seltsame Land hier, dieses Deutschland, vom Silicon Valley, von der kalifornischen Ideologie überhaupt gelernt hat oder gerade dabei ist zu lernen: Man kann die Dinge auch von ihrem Anfang aus denken und betrachten.

Aber deswegen muss man ja nicht gleich den Gebrauch eines anderen Wortes einstellen, das zwar sehr Englisch klingt, aber eine vielleicht in Deutschland höchst verbreitete Skepsis immer wieder ins Recht setzt: bullshit.

90 Prozent aller Startups scheitern. Ein Großteil von ihnen tut das nicht deswegen, weil diese Startups bloß zur falschen Zeit am falschen Ort von den falschen Leuten gegründet wurden; und ein Haufen dessen, was irgendwer irgendwo irgendwann mal für eine saugute Idee hielt, ist nicht deshalb nie umgesetzt worden, nie Realität geworden, weil die Welt oder die Zeit oder die Menschen oder sonst was noch nicht bereit dafür war.

Sondern weil es einfach bullshit war.

Und doch gilt, und hat schon immer gegolten, und von diesem Möglichkeitsraum gilt es zu erzählen: Die Zukunft ist das, was noch nicht geschrieben ist.

Spannend. (Nun ja, so was in der Art halt. Neue Adjektive braucht das Land.)

Kotzen können. Und dann Ruhe.

Zuletzt zum ersten Mal seit bestimmt zehn Jahren wieder mal echt gekotzt. Kam nicht viel bei raus. Bisschen sehr flüssiges Zeug, ging locker das Küchenwaschbecken runter, vorm Klo niederknien wäre auch zu würdelos gewesen. Einmal gewürgt, fertig: Sogar beim Kotzen kann man sich also selbst underwhelmen. Waren vorher vielleicht fünf Flaschen Bier und dann irgendwann paar Schnaps gegen den Weltekel gewesen. Nach der Dosis ist heutzutage also eine Nacht schon offiziell vorbei. Hurra.

Der Punkt ist der: Donald Trump hatte in der Nacht die Wahl gewonnen. Das war also so was wie Kotzen für Amerika. Kotzen für den Weltfrieden. Kotzen für die Meinungsfreiheit. Es war, ta-dah, eine freie Meinungsäußerung, nicht bloß ein schwacher Magen (und auch kein relapse in eine frühere Erkrankung, zum Glück hatte ich eine solche nie). Es hat absolut Sinn gemacht.

Seither ist das mulmige Gefühl nicht weggegangen. Zwei Wochen Mitlesen auf Facebook und Mitreden und Zuhören im echten Leben haben aber mal wirklich rein gar nichts gebracht. Nicht dass man sich davon ernsthaft therapeutische Effekte versprechen würde, das Prozessieren von Furcht und Ekel scheint dann halt doch so ähnlich zu verlaufen wie das von Trauer (fragen Sie dazu aber besser mal Ihren örtlichen Neurowissenschaftler, nur zur Sicherheit, vielleicht kann der was verschreiben). Blöderweise hört es ja nie auf. Bis es mit einem selbst aufhört.

Zugleich ist da ein Gefühl großer Dankbarkeit gegenüber den Leuten beim New Yorker und der New York Times, und dass letztere Zeitung bereits erklärt hat, einen erheblichen Anstieg der Abonnements seit Trumps Wahl zu verzeichnen, wundert nicht: Das zähe weitere Reportieren der Geschehnisse und die vielen klugen Kommentare zu eben diesen Geschehnissen, dieser stetige Fluss an guten Texten, der ist schon tröstlich. Trost zu spenden (und womöglich geht es unter anderem also doch ums individuelle wie filterbubble-kollektive Prozessieren von Trauer gerade, einem virtuellen Mitleiden): Das mag eine merkwürdige Funktion sein, die manche Texte nun erfüllen.

Bei mir insbesondere die von David Remnick, dem Chefredakteur des New Yorker. Remnick, das war eh immer klar, ist ein fabelhafter Porträtschreiber, einer, der sich auf die sogenannten ganz Großen konzentriert hat, fast ausschließlich Männer, was ich stets als eine seltsame, aber dennoch interessante selbstauferlegte Beschränkung empfunden habe. Keine Ahnung, ob er da mal öffentlich drüber gesprochen hat, und Ferndiagnosen sind ja fast immer eine Scheißidee, jedenfalls: Remnick hat fast ausschließlich über Männer geschrieben, über die schon zuvor andere (meist Männer) auch geschrieben hatten, in den vergangenen Jahren waren relativ viele Musiker darunter, Bob Dylan, Bruce Springsteen, zuletzt Leonard Cohen, aber auch mehrmals Barack Obama. Und die Porträts waren nicht nur deswegen so gut, weil Remnick sehr nah an diese Männer rangekommen ist.

Remnick schreibt in diesem ruhigen Erzählton, den deutsche Porträtschreiber und Reporter fast nie hinkriegen oder hinkriegen wollen, was womöglich vor allem in einer anderen journalistischen Tradition begründet liegt: Wir erzählen anders. Vielleicht, aber das ist jetzt ein nicht weiter begründbarer persönlicher Verdacht, mangelt es im deutschen Journalismus auch an Zutrauen in die eigenen Geschichten, weshalb wir sie mit cliffhangern zustellen müssen alle paar Absätze, bis vor lauter Spannungsaufbau kaum noch Spannung übrig bleibt; vielleicht fürchten wir auch insgeheim, unsere ganz Großen seien gar nicht so groß in Wirklichkeit, also retten wir uns in allzu viel Lakonik bei ihrer Beschreibung; vielleicht ängstigen wir uns auch einfach, man könnte uns der Bewunderung zeihen für die Lebensleistungen oder auch nur die kleinen guten Anekdoten, die so ganz Große zu erzählen haben. Im Zweifel schreiben wir lieber Reportagen, in denen gestorben wird. Da müssen wir das Drama nur noch kuratieren.

Über Donald Trump hat Remnick meines Wissens nie ein Porträt geschrieben. Wieso auch. Da gibt es ja eigentlich nichts zu erzählen. Viele haben es versucht, alle sind doch letztlich zu dem Ergebnis gekommen: Der Typ ist buchstäblich hohl. Niemand, der noch ganz bei Trost ist, wird sich mit Trump mehr als nötig beschäftigen, ihn gar treffen wollen. Trump, und das ist für einen Porträtschreiber ein maximal großes Problem, ist vor allem in seiner Wirkung beschreibbar. Doch Trumps Wirkung sagt letztlich überhaupt nichts über Trump aus. Sie sagt nur etwas über die aus, die seine Wirkung auf sich wirken lassen. In diesem Sinne allein ist Donald Trump wohl so etwas wie ein Volkstribun. (Und die nicht richtig beschreibbar gekriegt zu haben, ist dann vielleicht doch das größte Versäumnis der Leute, die in den vergangenen anderthalb Jahren über ihn geschrieben haben.)

David Remnick hat nach der Wahl die für mich zumindest wichtigsten Texte über eben diese Wahl geschrieben. Politische Analysen, keine Porträts (außer das letzte über Obama). Kühl und präzise in der Sache, warm im Ton. Und der New Yorker, diese unwahrscheinlichste aller Wochenzeitschriften, die in ihrer scheinbar so gespreizten Lückenhaftigkeit stets das Gegenteil eines Nachrichtenmagazins war, das alles, alles, was passiert, panisch zu berichten versucht, ein in der Überproduktion an Nachrichten und Meinungen im Netz heutzutage komplett irrer und zum Scheitern verurteilter Versuch – also dieser New Yorker erscheint mir gerade die zeitgemäßeste aller Zeitschriften. Paradoxerweise indem sie es hinkriegt, in mir Ruhe zu erzeugen. Das, was alles nicht erzählt wird, existiert ja trotzdem. Aber es muss nicht alles an diesem einen Ort gedruckt werden. Der ist für das Gute reserviert. Also: nicht das Gute in der Welt. Sondern die guten Texte, die die Geschehnisse in ihr auslösen.

Ohne irgendeinen Grund dafür zu wissen, weshalb zum Beispiel George Packer sich außer in der hauseigenen New Yorker Radio Hour noch nicht zur Wahl geäußert hat, jedenfalls nicht in einem Text, macht mich der New Yorker denken: Packer, der 2013 in seinem Buch The Unwinding: An Inner History of the New America ja schon alles erzählt hat, was man über Trumpland wissen musste, bevor es zu Trumpland wurde, wird schon noch mit einer Geschichte kommen. Er hat ja erst zwei Wochen vor der Wahl erzählt, wie die Demokraten die weiße Arbeiterschicht verloren haben. Nu wird Packer wohl noch was Zeit brauchen für eine neue Geschichte.

Ich kann warten.