Spannend.

Das Unwort des Jahres 2016 wird erst im Januar 2017 bekanntgegeben, doch ein guter, wenn auch vermutlich chancenloser Kandidat dafür wäre das Adjektiv spannend.

Seit einer Weile wird es inflationär gebraucht von Menschen, die sich mit der Zukunft beschäftigen, über sie nachdenken, an ihr arbeiten, in sie investieren. Oder bloß vorgeben, etwas davon zu tun. Oder, schlimmer noch, fälschlicherweise glauben, etwas mit der Zukunft zu tun zu haben. Jede verdammte Idee, die irgendwer irgendwo in die Welt hinausatmet, wird spannend genannt.

Spannend, so nannte man früher lediglich die Handlung von Krimis. Die Antwort darauf, wer der Mörder sei, whodunit, die sollte möglichst gut und lange hinausgezögert werden – der Spannungsbogen bezeichnete die Zeit der Ungewissheit bis zur Auflösung, und die kunstvolle Verzögerung sollte einem wohlige Schauer bereiten als Leser oder Zuschauer.

Mag man den Siegeszug des Adjektivs spannend in der Startup-, Digital- und Irgendwas-mit-Medienwirtschaft nun langsam auch nervtötend finden, so steckt dahinter doch mehr als nur einfallsloser Sprachgebrauch. Das Wort spannend bezeichnet etwas, dessen Ausgang noch nicht feststeht in dem Moment seines Entstehens – und die Denke dahinter ist neu, zumindest in Deutschland.

Wir haben doch ursprünglich alle mal gelernt, dass man die Dinge vom Ende her denken und betrachten möge. Und womöglich weil Enden nun mal die Tendenz dazu haben, eher unerfreulich zu sein, hat es in Deutschland wohl sehr lange eine Kultur des Gar-nicht-erst-Anfangens gegeben. Stattdessen wurde das, was eh schon immer da zu sein schien, besser gemacht: effizienter, langlebiger, bequemer, umweltschonender und so weiter.

In diesem kleinen, hässlichen Wort spannend bündelt sich nun womöglich das Beste, was dieses seltsame Land hier, dieses Deutschland, vom Silicon Valley, von der kalifornischen Ideologie überhaupt gelernt hat oder gerade dabei ist zu lernen: Man kann die Dinge auch von ihrem Anfang aus denken und betrachten.

Aber deswegen muss man ja nicht gleich den Gebrauch eines anderen Wortes einstellen, das zwar sehr Englisch klingt, aber eine vielleicht in Deutschland höchst verbreitete Skepsis immer wieder ins Recht setzt: bullshit.

90 Prozent aller Startups scheitern. Ein Großteil von ihnen tut das nicht deswegen, weil diese Startups bloß zur falschen Zeit am falschen Ort von den falschen Leuten gegründet wurden; und ein Haufen dessen, was irgendwer irgendwo irgendwann mal für eine saugute Idee hielt, ist nicht deshalb nie umgesetzt worden, nie Realität geworden, weil die Welt oder die Zeit oder die Menschen oder sonst was noch nicht bereit dafür war.

Sondern weil es einfach bullshit war.

Und doch gilt, und hat schon immer gegolten, und von diesem Möglichkeitsraum gilt es zu erzählen: Die Zukunft ist das, was noch nicht geschrieben ist.

Spannend. (Nun ja, so was in der Art halt. Neue Adjektive braucht das Land.)

Kotzen können. Und dann Ruhe.

Zuletzt zum ersten Mal seit bestimmt zehn Jahren wieder mal echt gekotzt. Kam nicht viel bei raus. Bisschen sehr flüssiges Zeug, ging locker das Küchenwaschbecken runter, vorm Klo niederknien wäre auch zu würdelos gewesen. Einmal gewürgt, fertig: Sogar beim Kotzen kann man sich also selbst underwhelmen. Waren vorher vielleicht fünf Flaschen Bier und dann irgendwann paar Schnaps gegen den Weltekel gewesen. Nach der Dosis ist heutzutage also eine Nacht schon offiziell vorbei. Hurra.

Der Punkt ist der: Donald Trump hatte in der Nacht die Wahl gewonnen. Das war also so was wie Kotzen für Amerika. Kotzen für den Weltfrieden. Kotzen für die Meinungsfreiheit. Es war, ta-dah, eine freie Meinungsäußerung, nicht bloß ein schwacher Magen (und auch kein relapse in eine frühere Erkrankung, zum Glück hatte ich eine solche nie). Es hat absolut Sinn gemacht.

Seither ist das mulmige Gefühl nicht weggegangen. Zwei Wochen Mitlesen auf Facebook und Mitreden und Zuhören im echten Leben haben aber mal wirklich rein gar nichts gebracht. Nicht dass man sich davon ernsthaft therapeutische Effekte versprechen würde, das Prozessieren von Furcht und Ekel scheint dann halt doch so ähnlich zu verlaufen wie das von Trauer (fragen Sie dazu aber besser mal Ihren örtlichen Neurowissenschaftler, nur zur Sicherheit, vielleicht kann der was verschreiben). Blöderweise hört es ja nie auf. Bis es mit einem selbst aufhört.

Zugleich ist da ein Gefühl großer Dankbarkeit gegenüber den Leuten beim New Yorker und der New York Times, und dass letztere Zeitung bereits erklärt hat, einen erheblichen Anstieg der Abonnements seit Trumps Wahl zu verzeichnen, wundert nicht: Das zähe weitere Reportieren der Geschehnisse und die vielen klugen Kommentare zu eben diesen Geschehnissen, dieser stetige Fluss an guten Texten, der ist schon tröstlich. Trost zu spenden (und womöglich geht es unter anderem also doch ums individuelle wie filterbubble-kollektive Prozessieren von Trauer gerade, einem virtuellen Mitleiden): Das mag eine merkwürdige Funktion sein, die manche Texte nun erfüllen.

Bei mir insbesondere die von David Remnick, dem Chefredakteur des New Yorker. Remnick, das war eh immer klar, ist ein fabelhafter Porträtschreiber, einer, der sich auf die sogenannten ganz Großen konzentriert hat, fast ausschließlich Männer, was ich stets als eine seltsame, aber dennoch interessante selbstauferlegte Beschränkung empfunden habe. Keine Ahnung, ob er da mal öffentlich drüber gesprochen hat, und Ferndiagnosen sind ja fast immer eine Scheißidee, jedenfalls: Remnick hat fast ausschließlich über Männer geschrieben, über die schon zuvor andere (meist Männer) auch geschrieben hatten, in den vergangenen Jahren waren relativ viele Musiker darunter, Bob Dylan, Bruce Springsteen, zuletzt Leonard Cohen, aber auch mehrmals Barack Obama. Und die Porträts waren nicht nur deswegen so gut, weil Remnick sehr nah an diese Männer rangekommen ist.

Remnick schreibt in diesem ruhigen Erzählton, den deutsche Porträtschreiber und Reporter fast nie hinkriegen oder hinkriegen wollen, was womöglich vor allem in einer anderen journalistischen Tradition begründet liegt: Wir erzählen anders. Vielleicht, aber das ist jetzt ein nicht weiter begründbarer persönlicher Verdacht, mangelt es im deutschen Journalismus auch an Zutrauen in die eigenen Geschichten, weshalb wir sie mit cliffhangern zustellen müssen alle paar Absätze, bis vor lauter Spannungsaufbau kaum noch Spannung übrig bleibt; vielleicht fürchten wir auch insgeheim, unsere ganz Großen seien gar nicht so groß in Wirklichkeit, also retten wir uns in allzu viel Lakonik bei ihrer Beschreibung; vielleicht ängstigen wir uns auch einfach, man könnte uns der Bewunderung zeihen für die Lebensleistungen oder auch nur die kleinen guten Anekdoten, die so ganz Große zu erzählen haben. Im Zweifel schreiben wir lieber Reportagen, in denen gestorben wird. Da müssen wir das Drama nur noch kuratieren.

Über Donald Trump hat Remnick meines Wissens nie ein Porträt geschrieben. Wieso auch. Da gibt es ja eigentlich nichts zu erzählen. Viele haben es versucht, alle sind doch letztlich zu dem Ergebnis gekommen: Der Typ ist buchstäblich hohl. Niemand, der noch ganz bei Trost ist, wird sich mit Trump mehr als nötig beschäftigen, ihn gar treffen wollen. Trump, und das ist für einen Porträtschreiber ein maximal großes Problem, ist vor allem in seiner Wirkung beschreibbar. Doch Trumps Wirkung sagt letztlich überhaupt nichts über Trump aus. Sie sagt nur etwas über die aus, die seine Wirkung auf sich wirken lassen. In diesem Sinne allein ist Donald Trump wohl so etwas wie ein Volkstribun. (Und die nicht richtig beschreibbar gekriegt zu haben, ist dann vielleicht doch das größte Versäumnis der Leute, die in den vergangenen anderthalb Jahren über ihn geschrieben haben.)

David Remnick hat nach der Wahl die für mich zumindest wichtigsten Texte über eben diese Wahl geschrieben. Politische Analysen, keine Porträts (außer das letzte über Obama). Kühl und präzise in der Sache, warm im Ton. Und der New Yorker, diese unwahrscheinlichste aller Wochenzeitschriften, die in ihrer scheinbar so gespreizten Lückenhaftigkeit stets das Gegenteil eines Nachrichtenmagazins war, das alles, alles, was passiert, panisch zu berichten versucht, ein in der Überproduktion an Nachrichten und Meinungen im Netz heutzutage komplett irrer und zum Scheitern verurteilter Versuch – also dieser New Yorker erscheint mir gerade die zeitgemäßeste aller Zeitschriften. Paradoxerweise indem sie es hinkriegt, in mir Ruhe zu erzeugen. Das, was alles nicht erzählt wird, existiert ja trotzdem. Aber es muss nicht alles an diesem einen Ort gedruckt werden. Der ist für das Gute reserviert. Also: nicht das Gute in der Welt. Sondern die guten Texte, die die Geschehnisse in ihr auslösen.

Ohne irgendeinen Grund dafür zu wissen, weshalb zum Beispiel George Packer sich außer in der hauseigenen New Yorker Radio Hour noch nicht zur Wahl geäußert hat, jedenfalls nicht in einem Text, macht mich der New Yorker denken: Packer, der 2013 in seinem Buch The Unwinding: An Inner History of the New America ja schon alles erzählt hat, was man über Trumpland wissen musste, bevor es zu Trumpland wurde, wird schon noch mit einer Geschichte kommen. Er hat ja erst zwei Wochen vor der Wahl erzählt, wie die Demokraten die weiße Arbeiterschicht verloren haben. Nu wird Packer wohl noch was Zeit brauchen für eine neue Geschichte.

Ich kann warten.

Kinder des Ruhms.

(So ähnlich erstmals erschienen in der Welt am Sonntag im August 2013.)

Zwischen Herbst 2008 und Sommer 2009 brach eine Gruppe von Teenagern in Hollywood in die Häuser von Stars ein. Aus dieser wahren Geschichte ist nun ein Spielfilm geworden, „The Bling Ring“ kommt am Donnerstag in die deutschen Kinos. Aber was ist die Geschichte dahinter? Sie handelt vom Ruhm und wie er heute nicht nur in den Köpfen von Kindern herumspukt, und in ihrem Verlauf kreuzen sich die Lebenswege von vier Frauen: der Verurteilten Alexis Neiers, der Filmemacherin Sofia Coppola, der Schauspielerin Emma Watson und der Reporterin Nancy Jo Sales.

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Eine junge Frau, eigentlich noch ein Mädchen, 18 Jahre alt, steht vor einem Gerichtsgebäude in Los Angeles, soeben wurde sie verurteilt wegen Einbruchs in das Haus eines Hollywoodstars. Sie sieht aber nicht aus wie eine Verbrecherin. Sie sieht aus, als sei sie selbst ein Hollywoodstar.

Oder wenigstens wie eine dieser jungen Frauen, mit deren Fotos seit ein paar Jahren Klatschmagazine gefüllt werden und Gossip-Seiten im Internet: In der Armbeuge der jungen Frau baumelt ein Designerhandtäschchen, eine affige Riesensonnenbrille verdeckt beinahe das halbe Gesicht, von dem man ansonsten fast nur noch den Mund erkennt, die Lippen sind zu einer Schnute geformt, der Ausdruck wirkt zugleich gelangweilt, beleidigt und aufreizend, ja obszön.

Aber so sehen ja auch sonst viele junge Frauen aus oder Mädchen, an jeder Ecke von amerikanischen Großstädten, in jeder deutschen Fußgängerzone. Um diese spezielle junge Frau hier hat sich jedoch eine Traube von Fotografen und Kameraleuten herum gebildet.

Sie ist kein Star. Sie ist nicht berühmt, sie ist bestenfalls berüchtigt. So wie sie dasteht, ist es leicht, sie zu verachten, sie lächerlich zu finden, sie für einen Möchtegern zu halten, eine eingebildete Berühmtheit, die bloß die Modegewohnheiten und Posen eines Stars kopiert.

Oder, was noch verstörender wäre, aber ja auch eine mögliche Erklärung wäre für ihr Auftreten und für ihre absurde kleine Ansprache, die sich jetzt gleich vor dem Gerichtsgebäude in Los Angeles halten wird in die Kameras hinein: Womöglich hält sie sich selbst schon für berühmt. Für wichtig. Für bedeutend. Für JEMANDEN.

Doch wer ist denn heute überhaupt noch ein Star. Ein echter. Ein guter. Nicht wahr.

Die soeben verurteilte Einbrecherin holt nun tief Luft: „Ich glaube ganz entschieden an Karma. Und ich denke, ich sollte aus dieser Geschichte etwas für mein Leben lernen. Damit ich reifen und wachsen kann als spirituelles Wesen. Ich möchte eine große Wohltätigkeitsorganisation leiten. Ich möchte irgendwann einmal ein Land führen.“

Aha. Soso. Irre.

Diese 18-Jährige, die einmal ein Land führen möchte oder wenigstens eine große Wohltätigkeitsorganisation, hat ihre weiße Bluse sehr weit aufgeknöpft, zu weit für jemanden, der seriös wirken will, gar unschuldig. Da helfen auch die Perlenkette um den Hals und die schwarze Strickjacke über der Bluse nicht mehr, um einen braven Eindruck zu machen. Auf den Richter ja eigentlich zu allererst. Doch um den geht es gar nicht wirklich. Es geht um das Publikum, das zuschaut, nicht bloß vor Ort im Gerichtssaal, sondern überall auf der Welt, mindestens aber in Amerika.

Es geht, so schaut es aus, für diese junge Frau darum, aus dem Schatten der Gewöhnlichkeit ins Licht der Besonderheit zu treten. Sie nimmt ernst, was ihr immer schon gesagt wurde: Du bist besonders. Und das sagen einem doch alle ständig, die eigenen Eltern, die Werbung, die Medien, die Gesellschaft. Du kannst es schaffen, jeder kann es schaffen, Träume werden wahr, deiner auch, du musst nur hart arbeiten, vor allem an dir selbst. Und vielleicht musst du nicht mal hart arbeiten. Sei einfach nur du selbst, zeig, was du hast, und alles wird gut.

Dass die Scheinwerfer angehen, wenn man hinaustritt aus dem Dunklen der Gewöhnlichkeit, der Verwechselbarkeit, ist die Bestätigung der eigenen Besonderheit. Das Licht sichert die Aufmerksamkeit der anderen. Und wem keine Aufmerksamkeit zuteil wird, der steht nicht nur im Schatten. Der existiert erst gar nicht.

Der ist ein Nichts. Der ist nicht mal ein Mensch.

Ruhm, heißt es, ist heute nicht mehr so sehr eine Nebenwirkung einer Leistung, die jemand erbringt, etwa als Schauspieler oder überhaupt in einem Beruf, der öffentliche Aufmerksamkeit mit sich bringt oder sogar größtenteils in der Öffentlichkeit ausgeübt wird, Musiker, Model, Modemacher, na klar, aber auch Sportler, Politiker, Wirtschaftsboss.

Ruhm, heißt es, ist zum Wert an sich geworden, zum Lebensziel. Jeder will berühmt werden, und noch nie zuvor gab es so viele Wege und Möglichkeiten, es zu werden. Für eine Weile zumindest. Aber wenn jeder erst mal berühmt wäre, dann wäre ja gar kein Platz mehr frei im Scheinwerferlicht und der vermeintliche Wert Ruhm ja nichts mehr wert. Was dann schlimmstenfalls noch übrig bliebe, wären bloß noch seine Nebenwirkungen.

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Nun ist es aber so: Diese Szene vor dem Gerichtsgebäude in Los Angeles hat nie stattgefunden. Sie ist erfunden. Sie stammt aus dem Spielfilm „The Bling Ring“, der am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt. Die junge Frau, die in dieser Filmszene also lediglich ihren Text aufgesagt hat, ist eine Schauspielerin. Aber nicht irgendeine, sondern das ehedem berühmteste Mädchen der Welt: Emma Watson, die als Teenager die weibliche Hauptfigur in den Verfilmungen der „Harry Potter“-Romane gespielt hat, Hermine.

Und nun ist es außerdem so: Der durchgeknallte Karma-und-Land-führen-Monolog, den Emma Watson in ihrer Rolle als Nicki in „The Bling Ring“ aufsagt, der ist nicht erfunden. Der hat es aus der Wirklichkeit ins Drehbuch eines Hollywoodfilms geschafft.

Sofia Coppolas Film „The Bling Ring“ basiert auf wahren Begebenheiten, er handelt von einer Gruppe von Teenagern, größtenteils Mädchen, die zwischen Herbst 2008 und Sommer 2009 in die Häuser berühmter Menschen in Los Angeles eingebrochen sind. Knapp drei Millionen Dollar soll das Diebesgut zusammengenommen wert gewesen sein, das die Haupttäter Rachel Lee und Nick Prugo erbeutet haben sollen, zusammen mit Diana Tamayo, Courtney Ames, Roy Lopez Jr. und Alexis Neiers in wechselnden Gruppenzusammensetzungen.

Opfer der aufsehenerregenden Einbruchserie waren: die Hotelerbin Paris Hilton, der ehemalige Disney-Jugendstar Lindsay Lohan, Audrina Patridge aus der Reality-TV-Show „The Hills“, die Fernsehschauspielerin Rachel Bilson (ehedem „The O.C.“, derzeit „Hart of Dixie“), der Fernsehschauspieler Brian Austin Green (einst „Beverly Hills 90210“) und seine damalige Freundin, heute Ehefrau, die Filmschauspielerin Megan Fox („Transformers“), schließlich der Hollywoodstar Orlando Bloom („Pirates of the Carribean“, „Herr der Ringe“, „Der Hobbit“) und seine damalige Freundin, heute Ehefrau Miranda Kerr, Model unter anderem für die Unterwäschemarke Victoria’s Secret.

Das Merkwürdige bei den Einbrüchen war, dass die Täter es offenbar gar nicht so sehr auf echte Wertgegenstände abgesehen hatten. Sie knackten keine Safes, sie zerschlugen keinen Vitrinen; sie nahmen Schmuck, teure Uhren und Bargeld halt mit, wenn das alles eh herumlag.

Diese Teenager brachen scheinbar auch nicht deswegen ein, weil sie Geld brauchten und aus armen Verhältnissen stammten, ihre Familien gehören meist der Mittelschicht an, manche der Eltern arbeiten sogar bei Film und Fernsehen, als Produzent oder als Kameramann. Im Halbdunkel des Ruhms also.

Diese Kinder stahlen vor allem Kleidung, Schuhe und Handtaschen. Die Sachen waren zwar von Designermarken, aber ihr Wert bestand nicht in dem Preis, den man im Laden dafür hätte bezahlen müssen. Sonst hätten die Kinder auch bei stinknormalen reichen Leuten einbrechen können, davon gibt es in Los Angeles genug.

Der Wert der Sachen bestand darin, dass berühmte Menschen sie berührt hatten, sie getragen hatten.

Es schien, als sei Ruhm in den Köpfen der Einbrecher so etwas wie ein kostbares Parfüm, ein süßer Duft, der zum Beispiel in einem Kleid hängen bliebe und den man nicht kaufen konnte. Nur erbeuten. Und wenn man dieses Kleid anzöge, dann würde dieser süße Duft auch einen selbst einhüllen, er ginge gar auf einen selbst über, bestäubte die Haut, zöge tief darin ein. Und wer immer einen dann auch sähe und röche, der wäre betört und wüsste: Dieser Mensch ist berühmt, er gehört zu den Auserwählten, er gehört dazu.

Andererseits erscheint die Art von Ruhm, den die meisten der Einbruchsopfer besitzen, gar nicht so erstrebenswert. Wenn diese Menschen ihre eigenen Namen im Internet googlen, besonders Hilton und Lohan, ergießt sich über sie ein übelriechender, nicht enden wollender Schwall aus Spott, Häme, ja Hass, in Form von unzählbaren Medienberichten und Leserkommentaren. Nicht wegen dieser Einbrüche, die gaben nur ein paar, bald vergessene Meldungen ab im endlosen Strom von Meldungen über Hilton, Lohan und die anderen. Die ganze Scheiße wird über sie gekübelt, bloß weil sie existieren.

Wer würde angesichts dessen, was über Paris Hilton und Lindsay Lohan im Netz steht, ernsthaft noch berühmt werden wollen.

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Alexis Neiers wollte es. So sah es jedenfalls aus. Sie war die 18-Jährige, die wegen Einbruchs in das Haus des Hollywoodstars Orlando Bloom verurteilt worden ist und sich den Karma-und-Land-führen-Monolog ausgedacht hat. Tatsächlich aufgesagt hat sie ihn aber knapp ein halbes Jahr vor ihrer Verurteilung, und zwar im Büro ihres Rechtsanwalts. Mit im Raum war außerdem eine Reporterin des Gesellschaftsmagazins Vanity Fair, Nancy Jo Sales.

Die hat den Monolog aufgezeichnet, er ist im Original länger und klingt noch viel durchgeknallter als im Film, dessen Drehbuchverfasserin und Regisseurin Sofia Coppola er wohl zu lang war und womöglich auch zu durchgeknallt klang, um ihn selbst einer fiktionalen Filmfigur abzunehmen. Also hat sie ihn zusammengestrichen.

Auf Sales’ Reportage „The Suspects Wore Louboutins“, die schließlich in der März-Ausgabe 2010 von Vanity Fair erschienen ist, und den Abschriften der Interviews, die Sales dafür führte, basiert nun knapp drei Jahre später der Film „The Bling Ring“; außerdem noch auf Fernsehaufnahmen, die von Neiers und ihrer Familie in den Jahren 2009 und 2010 gemacht wurden für eine Reality-TV-Show namens „Pretty Wild“.

Die sollte eigentlich nur das bunte, leichte, beneidenswerte (oder hassenswerte) Leben junger Partygirls in Los Angeles zeigen. „Pretty Wild“ wurde dann jedoch nebenbei zu einer realen Krimiserie darüber, was passieren kann, wenn der Traum vom Berühmtwerden oder die Vorstellung, man sei schon berühmt, bloß weil einem Kameras folgen, bei der Polizei und vor Gericht enden, im Alptraum.

Sechs Monate Gefängnis und drei Jahre Bewährung, so lautete das Urteil, das am 24. Mai 2010 gegen Alexis Neiers im Namen des Volkes gesprochen wurde: wegen der Beteiligung am Einbruch in Orlando Blooms Haus in der Nacht vom 13. Juli 2009, bei dem unter anderem die Rolex-Uhrensammlung Blooms gestohlen worden war, diverse Gepäckstücke von Louis Vuitton sowie exklusive Dessous der Marke Victoria’s Secret. Wert zusammen: knapp eine halbe Million Dollar.

Alexis Neiers hat sich vor Gericht weder schuldig bekannt noch für unschuldig erklärt, sie nahm das Angebot der Staatsanwaltschaft zu einem Deal an: Wenn sie die Anklage nicht anfechten würde, käme sie mit einer milden Strafe davon, und das Gericht konnte sich die Beweisaufnahme schenken, die Plädoyers, einfach den ganzen Prozess. Alle konnten Zeit sparen, der Richter, die Anwälte, die Zeugen, die prominenten Opfer. Letztere brauchten nicht in einem Gerichtssaal öffentlich aussagen, ihre Intimsphäre, die durch die Einbrüche tätlich und nicht wie üblich nur medial verletzt worden war, würde wenigstens einmal gewahrt. Und sie mussten nicht noch einem der Menschen gegenübertreten, der in ihre Häuser eingedrungen war, ihre Sachen durchwühlt und manche mitgenommen hatte.

Die Berühmten aber enthielten der mutmaßlichen Täterin auch das vor, das die doch am meisten zu begehren schien, besitzen wollte: Das Licht, das die Stars begleitet, wohin sie auch immer gehen. Und sei es als Zeugen eines Prozesses.

Alexis Neiers’ Auftritt als Angeklagte schrumpfte so zu einer kurzen Gerichtssaalszene in „Pretty Wild“ zusammen. Die Bilder von ihr im Bikini an einem x-beliebigen Pool in den Hügeln über Los Angeles oder beim Klamottenanprobieren in der Umkleidekabine eines x-beliebigen Shops in West Hollywood waren auch wirklich viel sexier. Die bekamen mehr Sendezeit.

Wofür aber auch ein langer Prozess, wo doch eh schon alles klar war, Neiers hatte ihren Komplizen Nick Prugo gegenüber der Polizei bereits belastet, und auf Aufnahmen von Überwachungskameras vom Anwesen Blooms schien sie eindeutig identifizierbar. Alexis Neiers war keine besonders clevere Verbrecherin gewesen. Sie hielt ihr Gesicht auch in die Sorte Kamera, von der man sich lieber nicht filmen lassen will.

Nur 30 Tage ihrer Haftstrafe musste Neiers dann absitzen, in den letzten davon war Lindsay Lohan ihre Zellennachbarin. Wie man so sagt: ausgerechnet. Lohan, eine der großen Gefallenen des Ruhms, war mal wieder bei irgendwas Bescheuertem erwischt worden und eingefahren.

Als Alexis Neiers wieder in die Freiheit entlassen wurde, war sie 19 Jahre alt, und die eigentliche Frage, die sich ihr stellte, war folgende: Wie viel kriegt man eigentlich für die Gier nach Ruhm heute – lebenslang oder bloß noch die 15 Minuten, die Andy Warhol uns vor Jahrzehnten versprochen hat?

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Alexis Neiers sieht jetzt anders aus als damals im Fernsehen. Es ist ja auch etwas Zeit vergangen, seit „Pretty Wild“ im amerikanischen Unterhaltungssender „E!“ lief, neun kurze Folgen lang im Sommer des Jahres 2010. Die Show wurde nach der ersten Staffel nicht fortgesetzt. Zu geringe Quote. Es war auch schwer erträglich, diese Show überhaupt anzuschauen.

Gezeigt wurde das vermeintlich wahre Leben einer Familie in Los Angeles mit drei jugendlichen Kindern, alles Mädchen. Zwei von ihnen, Alexis Neiers und ihre „Schwester“ Tess Taylor, eigentlich heißt sie Adler mit Nachnamen und ist nicht blutsverwandt mit Neiers, wollten offenkundig bloß Aufmerksamkeit. Was halt Pubertierende so wollen.

Die Fernsehserie tat so, als seien die Mädchen halbwegs vielversprechende Nachwuchs-Models, sie ließ sie in Bikinis und Unterwäsche vor Kameras bestellter Fotografen posieren, ließ sie in Musikvideos unbekannter Acts tanzen. Der Zuschauer sah Alexis und Tess also hauptsächlich im Zustand relativer Nacktheit. Einmal durften die Mädchen in einem Low-Budget-Film mitspielen, aber der kam nie in die Kinos, sondern erschien gleich auf DVD. Alexis dachte vor den Fernsehkameras der Serie auch mal laut darüber nach, eine eigene Modelinie zu starten. Sie war halt ein 18-jähriges Mädchen, das träumte. Oder überschnappte. Oder bloß den Text aufsagte, den ihr die Leute von der Fernsehserie aufgeschrieben hatten. Nirgendwo geraten Wirklichkeit und Fiktion ja so durcheinander wie im Reality-TV.

Die Mädchen gingen nicht zur Schule, unterrichtet wurden sie zu Hause von der Mutter Andrea Neiers, Künstlername Arlington, Ex-Playmate. Das Unterrichtsmaterial bestand aus Klatschmagazinen und einem esoterischen Selbsthilfebuch, und morgens vorm Unterricht im Wohnzimmer gab es erst mal für alle Kinder Pillen gegen Aufmerksamkeitsstörung.

Mit anderen Worten: Gezeigt wurde in „Pretty Wild“ die Übersteigerung all dessen, was man an der gesellschaftlichen und kulturellen Gegenwart in den USA, aber nicht nur dort, für bedenklich halten kann. Und doch waren das ja echte Menschen, die das Reality-TV da zur Schau stellte, nur eben in einem völlig unrealistisch erscheinenden Zusammenschnitt von emotionalen Ausnahmezuständen: Heulattacken, Nervenzusammenbrüchen, Schreiereien, Versöhnungen, Euphorieanfällen. „Pretty Wild“ sah einer womöglich schon rettungslos durcheinander geratenen Familie ungerührt dabei zu, wie sie in Hysterie implodierte. Oder es sah nur von außen so aus: im Fernsehen.

Die Frage war, ob die innen drinnen glaubten, was sie nach außen darstellten. Alexis Neiers war jedenfalls diejenige, die am häufigsten weinte. Und trotzdem guckte fast niemand zu, da draußen. Ihre Tränen fielen unbemerkt.

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November 2012, zweieinhalb Jahre nach der Ausstrahlung der Serie, ein Sonntagmorgen in Calabasas, Kalifornien. Die Sonne scheint wie fast jeden Tag im Jahr hier von einem wolkenlosen Himmel, es ist angenehm warm, 25 Grad. Calabasas ist eine recht wohlhabende Kleinstadt im Valley, die Hügel von Hollywood und eine halbe Autostunde Freeway trennen sie von der Metropole Los Angeles. Fast alle Mitglieder des echten „Bling Ring“ sind in Calabasas aufgewachsen. Die Stadt ist weit genug von Hollywood entfernt, um davon ganz unschuldig zu träumen, und nah genug an Hollywood dran, um den Traum für real zu halten: Du musst dich nur ins Auto setzen und kannst an die Orten fahren, wo der Ruhm gemacht und ausgelebt wird. Du musst nur zugreifen und ihn dir schnappen.

Das Marmelade Café ist an diesem Sonntagmorgen gut gefüllt, Familien frühstücken von großen Tellern Eierspeisen, eine amerikanische Idylle im etwas künstlichen Ambiente einer Kino-Shopping-Mall.

Alexis Neiers trägt Jeans, ein schlichtes Top und flache Schuhe. Die Alexis aus „Pretty Wild“ hätte so ein Outfit spießig gefunden, unsexy. Sie hätte es nicht angezogen. Sie hätte entweder ein Minikleidchen angehabt, das nur so gerade ihre Po verdeckt hätte hinten, oder wenigstens ein Top mit einem tiefen Ausschnitt vorne, einem sehr tiefen. Und High Heels hätte sie angehabt, um größer zu erscheinen, als sie in Wirklichkeit ist.

Nun ist sie 21, nach amerikanischem Recht endgültig volljährig. Und verheiratet. Und wird bald Mutter. Alexis Neiers ist im November 2012 im vierten Monat schwanger.

Ihr Ehemann Evan Haines sitzt neben ihr im Marmelade Café, er ist um einiges älter als sie, mindestens zehn Jahre. Er sagt, er besitze eine Filmproduktionsfirma. Die Firma hat noch keinen einzigen Film produziert. Aber diverse Projekte seien in der Pipeline, sagt Haines. Bald werde er klarer sehen. Loslegen. Die Zukunft ist, wenn man sich die Perspektive Hollywoods zu eigen macht, halt immer eine schöne Vorschau. Ein Trailer für einen Film, der leider erst noch gedreht werden muss. Oder auch nicht. Dinge ergeben sich, Dinge ergeben sich nicht. Hauptsache, man blickt nach vorne und ist bereit.

Neiers und Haines haben sich bei den Anonymen Alkoholikern kennengelernt, Neiers ist ihm bei ihrer ersten gemeinsamen Sitzung gleich aufgefallen, sie war jung und hübsch, und einmal ergriff sie das Wort und erzählte von sich als erstes, wie schlecht ihr Leben sei. Sie sagte: „Ich bin das Mädchen mit dem hässlichsten Verhaftungsfoto im Internet.“

Haines dachte: Wer ist dieses Mädchen? Und: Wer glaubt dieses Mädchen zu sein?

Zu Hause hat er ihren Namen dann gegoogelt, und da kam alles zutage, die Geschichte von den Teenager-Einbrechern und der Fernsehsendung „Pretty Wild“. Das Verhaftungsfoto war wirklich nicht sehr vorteilhaft.

Haines hat dann lieber nicht weitergeguckt und weitergelesen, nur ein paar Videos von Neiers hat er mal auf Youtube angeklickt, sagt er. Und dann den Laptop zugeklappt. Er wollte sich den Blick auf die echte Alexis nicht vom Internet verstellen lassen, sagt er. Ein paar Monate und AA-Sitzungen später hat er sich getraut, sie zu fragen, ob er sie mal ausführen dürfe. Und nun sind sie also verheiratet und erwarten ihr erstes Kind.

Ein Happy End.

Oder ein neues Kapitel in einer Erzählung, die man so oder so ähnlich schon oft gehört hat, aus Hollywood, in Hollywoodfilmen: Aufstieg, Fall, Läuterung. Eine ureigene amerikanische Lebensgeschichte voller Ehrgeiz und Versuchungen, die, wenn sie gut ausgeht, fast immer bei Gott endet oder im Charity-Wesen oder zumindest bei einer höheren Erkenntnis übers Dasein.

Es ist auch das Erzählmuster, nach dem Stars üblicherweise ihre Lebensgeschichten ordnen, sie im Nachgang formen, damit eine Moral dabei rauskommt. Bestenfalls tränenreich vorgetragen in Talkshows wie der von Oprah Winfrey, die wie kollektive Beichten funktionieren: Vor Publikum berichten berühmte Menschen, was sie gerettet hat vor den möglichen Nebenwirkungen des Ruhms, vor der Vernebelung der Sinne durch Drogen etwa oder den Glauben an die eigene Allmacht, vorm ganz normalen Abheben halt, und am Ende der Sendung wird ihnen vom Publikum stellvertretend vergeben. Standing Ovations, Abgang, gute Show.

Was aber, wenn auch Leute, die gar nicht berühmt sind, ihre Lebensgeschichten gedanklich nach demselben Erzählmuster ordnen, im Nachgang formen? Was, wenn zwar nicht alle berühmt werden wie versprochen – sich aber ansonsten so verhalten, als seien sie es?

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In den Monaten vor November 2012 war es still geworden um Alexis Neiers. Das letzte öffentliche Lebenszeichen waren ihre Hochzeitsbilder von einem Strand in Mexiko, die sie ein halbes Jahr zuvor ins Netz gestellt hatte. Danach gab es keine neuen Einträge mehr auf ihrem Blog, keine Kurzbotschaften auf ihrem Twitter-Account. Sie schien abgetaucht zu sein. Die Dreharbeiten zu Sofia Coppolas Film „The Bling Ring“ waren zu diesem Zeitpunkt schon abgeschlossen, ein Kinostart jedoch noch nicht in Sicht.

Es war ein guter Moment gewesen, einen ersten Kontakt zu Alexis Neiers aufzunehmen, ihr eine Email zu schicken. Noch war alles ruhig. Aber dass ein Film von Sofia Coppola von Publicity begleitet werden würde, war klar. Andere Journalisten würden sich auch bei der echten Alexis Neiers melden. Zumal der Film vom Ruhm in den heutigen Zeiten handeln würde: Jeder interessiert sich für berühmte Menschen, und Sofia Coppola selbst hat mit dem Ruhm ihre ganz eigene Geschichte, als Tochter eines berühmten Vaters, des Regisseurs von „Der Pate“ und „Apocalypse Now“, Francis Ford Coppola, der in keinem Text über sie unerwähnt bleibt.

Siehe: hier. Siehe: unten.

Auf die erste Email aus Deutschland hat Alexis Meiers sofort geantwortet.

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Über die Einbrüche und den „Bling Ring“ möchte sie an dem Sonntagmorgen im November 2012 nicht reden. Sondern lieber darüber, was davor geschah und was danach. Sie möchte ihrer Lebensgeschichte eine neue Form geben, ein neues Narrativ. Sie möchte über sich als Suchtkranke reden.

Süchtig aber nicht nach Ruhm. Berühmt, sagt Neiers, habe sie überhaupt nie werden wollen, nicht vor „Pretty Wild“, nicht währenddessen, nicht danach. „Ich wollte in erster Linie schnell Geld verdienen als Teenager. Ich dachte: Ich bin jung und schlank, Modeln könnte Spaß machen. Ich hatte da bereits lange Zeit Schauspielunterricht genommen. Doch ich habe diesen Weg dann nicht beschritten. Sondern eben das Modeln gewählt. Weil es einfach war.“

Süchtig, sagt Alexis Neiers, sei sie dann als erstes nach Tabletten gewesen. Angefangen habe es mit Antidepressiva, die ihr irgendwann zwischen dem neunten und zwölften Lebensjahr verschrieben wurden, genau kann sie sich nicht erinnern. Es seien bald in relativ kurzer Folge noch ein paar Medikamente dazugekommen: Adderall gegen Aufmerksamkeitsstörungen, Xanax gegen Panikattacken, schließlich harte Schmerzmittel. Ein heftiger Cocktail für einen Teenager.

„Als ich meinen ersten Drink nahm“, sagt Neiers, „brauchte ich angesichts all dessen wirklich dringend einen Drink.“

Dann lacht sie, aber so wissend und routiniert, als habe sie diesen Gag nicht zum ersten Mal gebracht. Als habe sie ihn einstudiert und bräuchte nur auf den Moment innerhalb ihrer Erzählung zu warten, bis sie ihn bringen kann, den Gag. Wie eine Schauspielerin in einem auswendig gelernten Text.

Zu den Drinks und den Pillen seien noch andere Sachen dazugekommen, sagt Neiers: Kokain, Crack, Oxycontin, schließlich Heroin. Während der Dreharbeiten zu „Pretty Wild“, die manchmal bis zu 15 Stunden am Tag im Haus der Familie gingen und insgesamt neun Monate lang dauerten, habe sie regelrecht zwei Parallelleben geführt: „Wenn gerade mal nicht gedreht wurde, saß ich in einem Zimmer des Best Western Hotel an der Ecke Franklin und Vine in Hollywood, rauchte Crack und spritzte Heroin.“

Sie habe damit die Stimmen in ihrem Kopf abstellen wollen. Die hätten gesagt: „Du bist nicht gut, niemand mag dich, alle lehnen dich ab – was willst du überhaupt mit deinem Leben?“

Woher die Stimmen kamen, weiß Alexis Neiers nicht, und woher auch der Hang zu Abhängigkeiten. „Aber dass meine ganze Entwicklung als Kind und Jugendliche durch die Suchtkrankheit massiv gestört worden ist, da gibt es keinen Zweifel. Ich habe mich insbesondere emotional nicht so entwickelt, wie man das in dem Alter sonst tun würde.“

Und außerdem sei sie als Kind im Alter zwischen drei und sechs missbraucht worden, emotional, körperlich, sexuell. Von ihrem leiblichen Vater, der Kameramann war bei der Fernsehserie „Friends“. Ihrer Mutter von dem Missbrauch zu erzählen, das habe sie erst lange, nachdem die sich von dem Mann getrennt habe, übers Herz gebracht.

Nun erzählt sie es einem wildfremden Journalisten schon nach einer Viertelstunde beim Frühstück im Marmelade Café. Es gibt Omelett.

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Was soll man dazu sagen? Dass Alexis Neiers’ Geschichte exakt zu dem zu passen scheint, was der amerikanische Prominenten-Psychologe Drew Pinsky (der natürlich selbst auch prominent ist) in seinem Buch „The Mirror Effect – How Celebrity Narcissism Is Seducing America“ schreibt?

Pinsky und sein Co-Autor S. Mark Young vertreten in dem Buch die These, dass Menschen, die heute berühmt werden wollen, prinzipiell unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung litten. Diese entwickelten also nicht erst durch die Erfahrung des Ruhms das, was wir anderen für Allüren halten oder spöttisch „Verhaltensauffälligkeiten“ nennen, weil ihr Umfeld ihnen ein solches Auftreten dann gestattet. Nein, diese Menschen strebten den Ruhm an, weil die Aufmerksamkeit der anderen, und sei es auch in Form von Spott, Häme, Hass, ersetzen solle, was ihnen im Innersten fehle: Selbstbewusstsein, das Gefühl, etwas wert zu sein.

Überproportional häufig hätten diese Menschen in ihrer frühen Kindheit Missbrauchserfahrungen gemacht, schreiben Pinsky und Young, und überproportional häufig folge darauf später starkes Suchtverhalten.

Alle Merkmale von narzisstischen Persönlichkeitsstörungen seien bei berühmten Menschen besonders ausgeprägt: übertriebenes Gefühl von Wichtigkeit, Überlegenheitsgefühle, ausbeuterisches Verhalten, Neid, Eitelkeit, Exhibitionismus, Mangel an Empathie, das übersteigerte Gefühl, etwas stehe einem zu.

Bei weiblichen Stars sei die narzisstische Persönlichkeitsstörung stärker ausgeprägt als bei männlichen, besonders der Hang zu Exhibitionismus, Überlegenheitsgefühlen und Eitelkeit. Und narzisstischer als alle anderen von Pinsky untersuchten Gruppen von Berühmtheiten – Comedians, Schauspieler, Musiker – seien: Menschen, die in Reality-TV-Sendungen sich selbst gespielt haben.

Als Schreiber eines Textes wie diesem hier ist man kein Psychologe. Man stellt Fragen, man kriegt Antworten, man bekommt Geschichten erzählt, und berichtet davon.

Die Geschichte, die Alexis Neiers an diesem Sonntagmorgen im November 2012 erzählt, endet im Glück, einstweilen zumindest. Sie sei heute clean, sie sei trocken, sie nehme keine Medikamente mehr, sagt Neiers. Sie habe eine tolle Familie, einen Ehemann, der sie liebe, und dann sei ja das Kind auf dem Weg. Sie habe Pläne, haufenweise Ideen: „Ich würde zum Beispiel gerne eine Wohltätigkeitsorganisation gründen, die sich hier in L.A. um drogenabhängige Jugendliche kümmert.“

Da ist sie wieder, die Wohltätigkeitsorganisation.

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Sofia Coppola, sagt Alexis Neiers, habe von sich aus Kontakt zu ihr aufgenommen. Sie hätten sich einmal getroffen, aber Teil von Coppolas Filmprojekts habe sie, Neiers, dann nicht werden wollen, denn: „Ich glaube, Sofia geht es darum, einen Film darüber zu machen, wie die Medien die ganze Geschichte mit dem ,Bling Ring’ dargestellt haben.“

Amerikaner nennen auch Menschen beim Vornamen, mit denen sie nicht befreundet sind, Neiers aber betont den Vornamen von Coppola so, als würden die beiden sich schon ewig kennen. Und irgendwie von gleich zu gleich sprechen. Auf dieselbe Art betont Neiers dann auch den Vornamen von Emma Watson, als sie sagt: „Würde es etwas nützen, wenn ich wütend darüber wäre, wie Emma über mich in Interviews spricht?“

Das Drehbuch des Films hat Neiers nie zu lesen bekommen und von den Filmaufnahmen nie welche zu sehen. Der erste Trailer zu „The Bling Ring“ wird erst fünf Monate nach diesem Treffen in Calabasas bei Youtube eingestellt werden. Alexis Neiers wird bis bis dahin im Dunkeln darüber bleiben, wie ihr Leben auf der Leinwand aussehen wird. In dem Moment, da sie das erste Mal im Fernsehen aufgetaucht ist in „Pretty Wild“, hat Alexis Neiers alle Rechte an ihrer Geschichte verloren.

Vermutlich denkt sie, dass sie sie zurückbekommt, wenn sie nun wieder mit Journalisten redet und ihre Version der Geschehnisse erzählt. Sie redet gegen das Bild an, dass sich andere längst von ihr gemacht haben.

Aber was ist die Moral ihrer Geschichte, welches vorläufige Ende stellt sie sich dafür vor?

„Sehen Sie, ich bin hier im Valley aufgewachsen und wohne noch heute hier, deshalb komme ich heute noch ständig an Orten vorbei, an denen ich mal Drogen genommen oder nach welchen gebettelt habe. Aber was ich gelernt habe, ist folgendes: Man muss die alten Erinnerungen durch neue ersetzen. Erinnerungen sind nicht für die Ewigkeit. Du musst deine Wahrnehmung ändern. So funktioniert das Gehirn, wissen Sie, und es ist erstaunlich, wie viel es einem verzeiht. Und wie viel der Körper nicht nur aushält, sondern wie er sich auch selbst heilen kann, wie er sich weiterentwickelt. Darum geht das Leben doch: Wir werden geboren, wir leben, dann sterben wir. So wie Bäume, die wachsen und verdorren. Und daneben wächst ein neuer Baum. Das ist die Evolution. Soll ich mich also gegen die Veränderung wehren – oder soll ich sie geschehen lassen? Es ist einfacher, sie geschehen zu lassen.“

Als sie ihren Schlussmonolog beendet hat, dreht sich Neiers abrupt zu ihrem Ehemann: „Honey, wie viel Uhr ist es? Wir müssen los.“

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Bis März 2013 antwortet Alexis Neiers dann erst mal nicht mehr auf neue Emails aus Deutschland. Ein zweites Treffen in Calabasas war verabredet, es sollten auch noch Fotos gemacht werden. Neiers stellt stattdessen bald eigene neue Bilder ins Netz, von sich am Strand wieder. Sie trägt ein schwarzes Bikinitop und eine weite schwarze Hose, ihre Hände ruhen auf ihrem gewölbten Schwangerenbauch, ihr Blick verliert sich im Nirgendwo Richtung Meer. Der Blick könnte gleichzeitig Verträumtheit und Nachdenklichkeit symbolisieren. Das Glück der werdenden Mutter, die Verheißung auf ein neues Leben, so oder so. Mutter und Kind.

Neiers hat ihr Blog reaktiviert, neues Layout, neue Texte, ein erster neuer Eintrag über Schwangerschaftsprodukte. Es folgen Texte darüber, warum es keine zweite Staffel „Pretty Wild“ gab und was sie empfindet angesichts des Films von Sofia Coppola, den sie zu diesem Zeitpunkt weiterhin noch nicht gesehen haben kann: Niemand kenne die wahre Geschichte hinter dem „Bling Ring“, schreibt Neiers, alle Medien hätten Fakten verdreht, doch sie habe die Hoffnung, dass der Film die Fakten richtig darstelle, „und ich vertraue auf Sofias Fähigkeiten, diese Geschichte zu erzählen“.

„The Bling Ring“, soviel steht nun halboffiziell fest, wird im Mai 2013 bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt, Weltpremiere. Alexis Neiers wird nicht dort sein, sie ist nicht eingeladen. Wozu auch, es ist ja nicht mehr ihre Geschichte.

Alles sei so hektisch und crazy gerade, antwortet sie irgendwann doch noch auf die Emails, die man ihr nun nicht mehr aus Deutschland, sondern wieder aus Los Angeles schickt. Leider schaffe sie es nicht, einen zu treffen, man könne ihr Fragen per Email stellen, wenn man noch welche hätte.

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Das Haus von Orlando Bloom in den Hollywood Hills kann man von der Straße aus nicht sehen, man sieht nur einen schwarzen Postkasten und eine graue Steintreppe, die geschwungen einen Hügel hinaufführt und zwischen Bäumen verschwindet. Dieses Haus schützt seine Bewohner vor neugierigen Blicken, es ist das eines Stars alter Prägung.

Das ehemalige Haus von Lindsay Lohan weiter oben in den Hills hingegen steht direkt an der Straße, nicht mal einen Bürgersteig oder einen Vorgarten gibt es. Die Wege sind dort oben eng, kurvig und steil, und die Häuser sind klein, winzig für amerikanische Verhältnisse. Wer hier wohnt, ist nicht wirklich reich, will aber trotzdem ein Stück Land in den sagenumwobenen Hollywood Hills besitzen. Die schmale, rostrote Metallpforte an Lohans ehemaligen Haus steht offen, obwohl niemand da zu sein scheint. Man könnte jetzt einfach so hineinschlüpfen. Doch Lohan wohnt hier ja nicht mehr.

Etwas weiter unten, nur ein paar Kurven tatsächlich, steht das Haus, in dem Brian Austin Green und Megan Fox noch immer leben sollen, es steht an einer Kreuzung wie auf dem Präsentierteller. Die Fassade ist aus Fachwerk-Fake, und die Hecken könnten mal einen Schnitt gebrauchen. Bei Audrina Patridge, wieder nur ums Eck, sind hinter den Fenstern weiße Vorhänge zugezogen. Der Baustil von Rachel Bilsons Haus unten am Fuß der Hügel ist entweder Spanisch-Maurisch oder Mexikanisch, so genau lässt sich das bei Häusern in Hollywood oft nicht sagen. Auf einem Türmchen thront ein Wetterhahn aus Metall, er zeigt wohl einen Stier und eine menschliche Gestalt, so genau lässt auch das sich nicht sagen.

Das einzige Haus, in das der „Bling Ring“ eingestiegen ist, das man nicht von einer öffentlichen Straße aus leicht erreicht, ist das von Paris Hilton in der Gated Community „Mulholland Estates“. Ohne Erlaubnis öffnen die Sicherheitsleute nicht das schwere Tor oben auf dem Mulholland Drive, von dem aus man tief aufs Valley herabschauen kann.

Die Einbrecher haben es trotzdem reingeschafft, mehrmals, sie hatten im Internet auf Google Earth eine Anhöhe gefunden, über die man in die geschützte Anlage unbemerkt eindringen konnte. In Hiltons Villa selbst dann hineinzukommen, war nicht mehr schwer, die Hausherrin hatte ernsthaft: immer einen Schlüssel unter der Fußmatte. Erst nach ein paar Einbrüchen hat sie überhaupt gemerkt, das etwas fehlte. Später hat sie dann Sofia Coppola erlaubt, in dem Haus zu drehen.

Alle Adressen dieser berühmten Menschen findet man nach ein paar Klicks im Internet, man braucht dann nur noch ein Auto und ein Navi, und die ganz private Hollywoodtour kann beginnen. Bisschen gespenstisch.

Die Einbrecher haben es genauso gemacht, Alexis Neiers und die anderen, sie haben die Adressen auch im Netz gesucht und gefunden. Sie haben dann noch gecheckt, ob ansonsten was Aktuelles im Netz stand über die berühmten Hausbesitzer: dass die vielleicht gerade im Ausland einen Film drehten oder wenigstens außerhalb der Stadt waren, vielleicht zu irgendeinem öffentlichen PR-Termin in New York oder zu irgendeiner Gala mit rotem Teppich sonst wo. Dann wussten die Einbrecher, dass nachts vermutlich niemand zu Hause wäre. Dann konnten sie loslegen.

Sie fühlten sich eingeladen.

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Ein paar Kilometer entfernt von den Häusern in den Hollywood Hills steht in einer Kurve des Sunset Boulvard das legendäre Hotel Chateau Marmont. 500 Dollar kostet die Nacht im Einzelzimmer, Steuern inklusive, aber dafür liegt zum Beispiel auf dem Schreibtisch im Zimmer persönliches Briefpapier, auf den Bögen steht oben der eigene Name und darunter „In Residence“. So als sei man eingezogen in den Traum vom Ruhm. So als gehe das überhaupt.

Im Chateau Marmont sind die Bäder alt, es gibt keine Klimaanlage auf den Zimmern, dafür darf man rauchen, und es schlafen hier seit Jahrzehnten die Berühmten. Manche sind auch nicht wieder aufgewacht, John Belushi zum Beispiel, der große Komödiant und kleine Blues Brother, drei Jahrzehnte ist das her: Überdosis im Chateau Marmont. Und vor ein paar Jahren starb Helmut Newton unten in der Einfahrt in seinem Auto, Herzschlag. Es gibt endlos viele Anekdoten von Stars und dem Chateau, und jede einzelne hat geholfen, das Hotel mit einer Aura auszustatten: Wenn Ruhm gut sein kann, dann wohnt er im Chateau Marmont.

Hier hat Sofia Coppola den Film vor „The Bling Ring“ gedreht, er hieß „Somewhere“. Stephen Dorff spielte darin einen fiktiven Hollywoodstar, der im Chateau in einer Suite wohnt und gerade nicht dreht, also eigentlich nichts zu tun hat. Hin und wieder hat er einen Pressetermin, einmal muss für einen neuen Film eine Maske von ihm angefertigt werden. Ansonsten fährt er in seinem Ferrari durch die Gegend oder bestellt sich Stripperinnen auf seine Suite, aber bevor die sich ausgezogen haben, schläft er ein. Einmal schläft er sogar mitten beim Sex ein mit einer Frau, die auch mal mit einem Star ficken wollte. Eigentlich ist also alles gut im Leben dieses Mannes, er genießt die Ennui des Ruhms, bis er irgendwann nachzudenken beginnt, über das Falsche: den Sinn des Lebens. Seines Lebens.

In seinem verzweifeltsten Moment ruft er von seiner Suite im Chateau aus eine Frau an, die er vielleicht mal geliebt hat, oder sie ihn, man erfährt es nicht. Der fiktive Hollywoodstar schluchzt jedenfalls ins Telefon: „Ich bin ein Nichts. Ich bin nicht mal ein Mensch.“

Und die Frau am anderen Ende der Leitung sagt: „Mach doch was Ehrenamtliches oder so.“

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Cannes, Croisette, Carlton (das Nobelhotel), ein Morgen im Mai 2013. Am Abend zuvor war im Festivalpalais die Weltpremiere von „The Bling Ring“. Die andere Meldung das Abends war, dass aus einem Safe im örtlichen Novotel Chopard-Juwelen im Millionenwert gestohlen wurden, die eigentlich dafür hergeschafft worden waren, damit Stars sie hier auf dem roten Teppich tragen sollten. Hübscher Zufall.

Nun sind die Roundtables zu „The Bling Ring“ dran. Roundtable bedeutet, dass eine Gruppe Journalisten aus möglichst verschiedenen Ländern um einen runden Tisch gesetzt wird, und für ein paar Minuten wird dann ein Schauspieler, eine Schauspielerin, ein Regisseur, eine Regisseurin dazugesetzt und von der Gruppe befragt.

So kriegen mehrere Journalisten auf einen Schlag das, was sie für ihre Geschichten brauchen: Zitate von berühmten Menschen. Dass es exakt dieselben Zitate sind, fällt nicht auf, weil die Geschichten ja in aller Herren Länder verstreut werden. Es ist eine höchst effiziente Art, die Bedürfnisse der unendlich vielen Medien auf der Welt zu befriedigen, und den Schauspielern und Regisseuren spart es Zeit.

In dem Veranstaltungssaal im Hotel Carlton sind vier Tische in vier Nischen aufgebaut, jeweils acht bis neun Journalisten sitzen um einem Tisch und warten. Fünf Schauspieler aus „The Bling Ring“ und die Regisseurin des Films werden auf die Tische verteilt: Die noch völlig unbekannten Newcomer Katie Chang und Israel Broussard kommen zu Zweit an jeden Tisch, die ebenfalls noch völlig unbekannten Newcomer Taissa Farmiga und Claire Julien ebenfalls zu Zweit, Sofia Coppola und Emma Watson je allein, in dieser Reihenfolge.

Sofia Coppola würde später noch nach Berlin fliegen und dort Einzelinterviews geben, das war vorher klar. Wenn man als deutscher Journalist aber auch mit Watson über diesen Film sprechen wollte, das war auch vorher klar, gab es nur diese eine Gelegenheit in Cannes am sehr großen runden Tisch, und das überhaupt angeboten zu bekommen, war schon schwierig genug. Zu viele Anfragen, hieß es.

Sofia und Emma: Take it or leave it.

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Katie Chang und Israel Broussard scheinen sehr nette, höfliche, aufgeweckte junge Menschen zu sein, und sie machen ihre Sache ziemlich gut in „The Bling Ring“. Aber für sie interessiert sich im Hotel Carlton ernsthaft: niemand.

Taissa Farmiga und Claire Julien hingegen haben immerhin bekannte Verwandte, Farmigas Tante ist auch Schauspielerin und hat neben George Clooney die Hauptrolle in „Up in the Air“ gespielt, und Claire Juliens Vater ist Kameramann des Regisseurs Christopher Nolan, der „Inception“ gedreht hat und ein paar „Batman“-Filme. Die beiden jungen Frauen sind also im Halbschatten des Ruhms aufgewachsen.

Farmiga trägt Jeans, Julien ein kreischgelbes kurzes Designerkleidchen. Es ist für beide ihr Debütfilm, was haben sie also mit ihrer ersten Gage gemacht, fragt eine ältere ungarische Journalistin.

Farmiga sagt: „Ich habe fast das ganze Geld noch. Ich überlege noch, was ich damit machen soll. Sparen vielleicht?“

Julien sagt: „Ich bin erst mal shoppen gegangen. Es gab da diese Handtasche von Louis Vuitton, die ich unbedingt haben musste, und noch ein paar Designerklamotten. Das meiste Geld ist mittlerweile weg.“

Ob sie also nicht auch irgendwie ein Mitglied des echten „Bling-Ring“ hätte sein können, fragt ein mittelalter skandinavischer Journalist Julien daraufhin.

„Nun ja, ich bezahle für meine Sachen“, sagt Claire Julien und lacht laut, dann wechselt eine japanische Journalistin mit der nächsten Frage das Thema. Julien wird später noch gefragt, ob sie weiter als Schauspielerin arbeiten wolle oder beruflich noch etwas anderes vorhabe.

„Ich könnte mir vorstellen, mal irgendwann eine eigene Modelinie zu haben oder Schmuck zu entwerfen“, antwortet sie.

Den Unterschied zwischen jemandem wie Claire Julien und Alexis Neiers, so wirkt es kurz, machen am Ende vielleicht bloß wenige Entscheidungen im Leben aus. Vielleicht nur eine einzige: Ob man in einer Nacht einmal glaubt, man könne Kleider und Handtaschen auch einfach stehlen. Oder dass man einmal in einer Nacht mit Freunden mitgeht, die das glauben und die diese Einbrüche „Shoppen gehen“ nennen.

„Claire ist ein echtes L.A. Girl“, sagt Sofia Coppola später, „sie kannte diese typischen Highschool-Kids dort, wie sie Party machen, welche Kleider sie interessieren. Claire kennt diese Welt.“ Diese Welt: Coppola hält sie auf Abstand.

Die, in der Journalisten Fragen stellen, auch. Sofia Coppola gibt nicht gerne Interviews, das kann man halbwegs gesichert behaupten. Sie hat zumindest nie eines gegeben, in dem sie eine spektakuläre Meinung vertreten hätte oder etwas Privates enthüllt hätte. Interviews, das hat man schon früher mal selbst mit ihr erlebt, scheinen ihr für solche Dinge nicht der richtige Anlass zu sein und Journalisten nicht die richtigen Zuhörer.

Die schieben es dann häufig darauf, was sie für ein traumatisches Erlebnis Coppolas mit Journalisten halten: Als sie mit 18 auf Druck ihres Vaters in „Der Pate 3“ mitspielte und von den Filmkritikern verrissen wurde, verhöhnt wurde regelrecht. Sofia Coppola selbst spricht darüber selten, und wenn, dann mal so und mal so. Mal sagt sie, das sei doch nun wirklich lange her, Coppola ist jetzt 42 Jahre alt. Mal sagt sie, dass sie sich „Der Pate 3“ auch heute noch nicht anschauen könne.

Sie legt sich nicht fest. Will sich womöglich nicht festlegen. Das werfen Kritiker auch ihren eigenen Filmen heute vor. Dass die Filme und ihre Regisseurin keine Haltung gegenüber dem entwickelten, was sie zeigten. Auch bei „The Bling Ring“ nicht. Und das stimmt sogar.

Sofia Coppola würde es aber vermutlich auch nicht als ihre Aufgabe als Regisseurin betrachten, eine Haltung zu entwickeln. Sie sagt das nur nicht so offen.

Sie sagt, am Tisch im Hotel Carlton in Cannes sitzend: „Ich will niemandem Ratschläge geben. Ich will auch keine politischen Statements mit meinen Filmen abgeben. Ich will nur meine weibliche Perspektive auf die Welt zeigen. Und dabei empfinde ich mich nicht als Chronistin Hollywoods.“

Obwohl sie jetzt schon den dritten Film hintereinander gemacht hat, der irgendwie mit Hollywood und Ruhm zu tun hat, auch in ihrem bekanntesten, „Lost In Translation“, ist die männliche Hauptfigur ein Hollywoodstar.

„Aber es stimmt“, sagt Sofia Coppola, „dass ich ein bestimmtes Verhältnis zur Idee von Hollywood habe.“ Sie sagt nur nicht welches.

Auf die Frage, ob sie sich verpflichtet gefühlt habe, die Geschichte der Einbrecher wahrheitsgemäß zu erzählen, gibt Coppola ihre einzige längere Antwort an diesem Tisch im Hotel Carlton in Cannes: „Nein, ich fühlte keine Verantwortung gegenüber diesen Kids. Die waren daran interessiert, auf einfache Weise berühmt zu werden. Sie wollten sich selbst finden und fühlten sich irgendwie verloren. Aber ich spürte keine Verpflichtung, ihre wahre Geschichte zu erzählen, ich habe mir die Freiheiten des Fiktionalen genommen. Ich habe die Namen verändert. Es ist nicht mein Ziel, diese Kids berühmter zu machen. Ich wollte eine interessante Geschichte erzählen.“

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Emma Watson sagt: „Ich hatte Glück, dass ich nicht in Los Angeles aufgewachsen bin, sondern in England auf dem Land. Das ist eine andere Welt, man könnte gar nicht weiter entfernt sein von der der Stars. Ich hatte außerdem das Glück, dass meine Eltern darauf geachtet haben, dass ich eine ordentliche Schulbildung bekam und ich mich (während der Harry-Potter-Jahre, d. A.) gedanklich nicht verhedderte im Ruhm. Ich hatte also im wesentlichen einfach Glück, glaube ich.“

Watson trägt ein hochgeschlossenes, halbdurchsichtiges weißes Top an diesem Tag in Cannes, darunter kann man einen schwarzen BH erkennen. Watson ist gerade 23 geworden, sie ist ein Jahr älter als Alexis Neiers, deren fiktionalisierte Version sie in „The Bling Ring“ spielt, Nicki.

Über diese Nicki, sagt Emma Watson, sei sie beim Lesen des Drehbuchs erschrocken. Sie habe sich eine Weile erst mal gefragt, ob sie so eine Figur überhaupt spielen könne. „Doch dann dachte ich: Mit einer Regisseurin wie Sofia geht das, denn egal, wie widerwärtig die Figur auch sein mag, wie widerwärtig auch die Dinge sind, die sie tut – der Film als Ganzes würde stylish sein und intelligent. Sofia war der Grund, weshalb ich mich selbst so weit darauf einlassen konnte. Ich wusste, sie würde mich nicht ausnutzen, und sie würde kein Spektakel aus den wahren Geschehnissen machen.“

Deshalb sei auch die Szene, in der sie in Paris Hiltons Haus an einer Tanzstange herumtollt, für sie völlig okay gewesen, sagt Watson. Sie habe ja für niemanden gestrippt. Die Szene sei auch wichtig gewesen, um diese Nicky zu verstehen: „Sie benutzt ihre körperlichen Reize als ein Mittel, und sexuell aufreizendes Verhalten ist ein elementarer Teil der Kultur, in der sie sich bewegt. Ohne diese Szene hätte man als Zuschauer nicht verstanden, was für eine Art Mädchen das ist. Sie versteht ihren Körper als ein Accessoire. Ihr Körper ist für sie fast so etwas wie eine zu groß geratene Handtasche. Eine Sache.“

Es sind 14 Minuten vergangen, als eine PR-Frau an den Tisch tritt und sagt, es könne noch eine Frage gestellt werden. Eine amerikanische Journalistin fragt, ob Emma Watson während der Beschäftigung mit der Figur und während den Dreharbeiten dann nicht doch irgendwas an dieser Nicki gemocht habe.

„Man muss an ihr bewundern…“ Watson stockt, seufzt, atmet hörbar aus. „Man muss an ihr bewundern, wie überzeugt sie von ihrem Weg war. Sie will es wirklich wissen, sie ist mutig. Ich würde nicht sagen, dass ich sie je gemocht habe, aber ich begann, mit ihr zu sympathisieren. Ich würde niemals gutheißen, was sie getan hat, aber ich verstand, warum sie von Punkt A zu Punkt B kam. Das war auch meine Aufgabe als Schauspielerin, diesen Aspekt zu verstehen. Ich bin jedoch nie an den Punkt gekommen, wo ich dachte: ,Ja, ich wäre gerne mit Nicky befreundet, wir würden bestimmt gut miteinander auskommen.’ Ich habe mein Spiel nicht an der echten Person orientiert, von der aus Sofia die Figur entwickelt hat im Drehbuch. So wie ich die Figur spiele, ist es meine Interpretation dessen, was Sofia geschrieben hat. Ich habe das echte Mädchen nicht imitiert.“

Emma Watson hat Alexis Neiers nie getroffen. Absichtlich nicht, sagt sie. So konnte sie Abstand wahren. Schauspielen bedeutet ja nicht, jemand anderer zu werden, sondern so zu tun, als sei man jemand anderer.

Watson steht vom Tisch auf. Man könnte nach diesen 14 Minuten und nun 28 Sekunden nicht mal ansatzweise sagen, wer Emma Watson ist. Nur dass sie umwerfend aussieht, wie ein echter Filmstar angezogen ist und wie eine gebildete junge Frau redet. Die aber vielleicht auch einfach ihren Job gut machen wollte bei „The Bling Ring“.

Sie hat seither schon zwei neue Filme gedreht und zwei andere Menschen gespielt, einen freierfundenen und einen echten. Schauspieler sind ja eigentlich auch nichts anderes als Leute auf Montage. Nur dass ihre Baustellen das Vortäuschen des Lebens von anderen sind.

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Montagabend dieser Woche, die Reporterin Nancy Jo Sales ist am Tag zuvor aus dem Urlaub zurückgekommen nach Hause, nach New York. Sie hat jetzt Zeit, mit Deutschland zu telefonieren. Darüber, was sie glaubt, was die Einbruchsserie des „Bling Ring“ aussagt über Ruhm heute. Sales hat ihre Vanity-Fair-Reportage aus dem Jahr 2010 zu einem Buch erweitert, es ist kurz vor dem US-Filmstart von „The Bling Ring“ im Juni 2013 erschienen.

Sales hat vorher schon häufig über Teenager geschrieben, gerade über solche, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind. Und die auch berühmt werden wollten, sagt Sales. „Aber für irgendwas, einen coolen Film, einen coolen Song. Oder als irgendwas: als DJ, Musiker, Schauspieler, Regisseur.“

Im Jahr 1999 aber hörte Nancy Jo Sales bei einer Recherche zum ersten Mal einen Teenager sagen: „Ich will Ruhm.“ Nicht für irgendwas, als irgendwas. Dieser Junge, ein Graffitisprayer aus New York, wollte bloß: Ruhm.

Im Jahr darauf schrieb Sales in Vanity Fair das erste große Porträt, das über Paris Hilton je in einem Magazin erschienen ist. An Hiltons Person allein, sagt Sales heute, lasse sich schon der kulturelle Bruch erzählen, der Anfang des Jahrtausends Ruhm umdefiniert habe vom Nebeneffekt zur Hauptsache. Der Bruch habe sich dann immer weiter fortgesetzt, mit dem Erfolg von vielen neuen Klatschmagazinen auf dem Pressemarkt, mit der Verbreitung des Internets und der Gossip-Seiten darauf, mit der Erfindung von Reality-TV, mit der Etablierung der sozialen Medien im Netz als Alltagskultur.

„Ruhm ist der Treibstoff“, sagt Nancy Jo Sales, „der diese Entwicklung vorangetrieben hat, die Fokussierung der Menschen auf den Ruhm der anderen und den Wunsch danach, eigenen zu besitzen.“

Vermutlich würde Sales auch gerne eine originellere Erklärung dafür geben wollen dafür, was schließlich ein paar Teenager in Los Angeles dazu brachte, in Häuser von Stars einzubrechen. Sie hat aber keine parat. Vielleicht gibt es auch keine, die nicht letztlich darauf zurückführt, was der Soziologe Christopher Lasch schon 1979 in einem Sachbuchbestseller beschrieben hat. Der Titel sagt schon alles: „Das Zeitalter des Narzissmus“.

„Die ,Bling Ring’-Story“, sagt Nancy Jo Sales, „wurde deshalb unmittelbar zu einer großen, international wahrgenommenen Geschichte, weil sie alle Elemente enthielt, die unsere heutige Kultur des Ruhms ausmacht. Und diese Kultur des Ruhms macht heute eigentlich die ganze Popkultur an sich aus.“

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Alexis Neiers ist mittlerweile unter die Autoren gegangen, sie veröffentlicht Texte auf der Internetseite des rabaukigen Medienkonzerns Vice. Sie schreibt dort Kolumnen über Drogen aus der Sicht einer ehemaligen Drogenabhängigen. Aber eigentlich schreibt sie sich eine neue Lebensgeschichte.

Auf Emails aus Deutschland antwortet sie gar nicht mehr. In der letzten, die am vergangenen Woche an sie rausging, stand, dass man gern wüsste, wie ihr Leben weitergegangen sei seit jenem ersten und nun also einzigen Treffen im November 2012. Was sich zum Beispiel verändert habe, seit ihr Baby geboren wurde. Womit sie sich so beschäftige überhaupt. Und was die Wohltätigkeitsorganisation mache.

Man schrieb ihr wörtlich: „Ich suche nach einem Schluss für die Geschichte über dich, Alexis, über den echten ,Bling Ring’ und den Film von Sofia Coppola. Am liebsten würde ich ein Happy End aufschreiben, liebe Alexis.“

Doch Happy Ends gibt es ja nur, wenn Hollywood sie erfindet.